Deutsche leisten die meisten Überstunden im Euro-Raum

Meist werden Überstunden nicht vergütet.

Die immer wieder auf Lohnzurückhaltung pochenden Arbeitgeberverbände dürfte es freuen, die Gewerkschaften eher auf die Palme bringen: Deutsche Arbeitnehmer machen nach Erkenntnissen der EU-Kommission in Brüssel im Durchschnitt mehr Überstunden als ihre Kollegen in allen anderen 17 Ländern, in denen mit dem Euro bezahlt wird. Der zuständige EU-Sozialkommissar Lazlo Andor sagte der 'Welt': "In keinem Land der Eurozone gibt es einen so großen Unterschied zwischen der tarifvertraglich vereinbarten Wochenarbeitszeit und der tatsächlichen Wochenarbeitszeit wie in Deutschland."

Deutsche machen meiste Überstunden

Laut EU-Studien liege die vereinbarte W ochenarbeitszeit in Deutschland bei 37,7 Stunden – tatsächlich arbeiteten die Beschäftigten aber 40,5 Stunden in der Woche. Nach den neuesten Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit arbeitete jeder Erwerbstätige in Deutschland im vergangenen Jahr durchschnittlich 1.645 Stunden, schreibt das Blatt. Die Zahl der Überstunden pro Arbeitnehmer lag im Jahr 2013 bei insgesamt 47,3.

Davon wurden nur 20,0 Überstunden bezahlt, für die meisten (27,2) gab es weder Geld noch Freizeitausgleich – ein Trend, der zunehme. Hoch qualifizierte und gut bezahlte Mitarbeiter leisten besonders viele unbezahlte Überstunden. Seit 2002 liegt die Zahl der unbezahlten Überstunden in jedem Jahr deutlich über den bezahlten. 2013 waren es rund 1,03 Milliarden.

Linke: "Überstunden sind nicht sexy"

Grüne und Linke kritisierten die Mehrarbeit. "Eine große Zahl von Überstunden führt unvermeidlich zu Stress und zur Überforderung der Beschäftigten", erklärte die Grünen-Sprecherin für Arbeitnehmerrechte, Beate Müller-Gemmeke. "Das ist nicht akzeptabel, denn das macht die Menschen krank. Die tarifliche Arbeitszeit muss eingehalten werden." Ähnlich äußerte sich Linken-Vorsitzende Katja Kipping: "Überstunden, selbst wenn sie bezahlt werden, machen krank und blockieren den Kampf gegen die Erwerbslosigkeit – sie sind nicht Ausweis unserer Leistungsfähigkeit, sondern der Beweis zu niedriger Löhne und eines falschen Leistungsdrucks. Überstunden sind ein großes gesellschaftliches Problem und nicht sexy."

Auch nach Auffassung der Bundesregierung führen Überstunden - ebenso wie Erreichbarkeit nach Feierabend und die zunehmende Arbeitsverdichtung - zu vermehrtem Stress. Deshalb will Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) neue Regeln für eine bessere Work-Life-Balance einführen, wie sie es formuliert: längere Regenerationsphasen, besserer Überstundenausgleich und einer stärkere Gesundheitsförderung. "Arbeitsorganisation ist eine Baustelle für die nächsten Jahre", sagte die Ministerin in der vergangenen Woche. Wenig überraschend: Die

Arbeitgeber lehnen "Zwangsverordnungen" durch die Politik ab.

Im Vergleich zu unseren Eltern und Großeltern machen wir heute weniger Überstunden. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren es oft mehr als 100 Stunden Mehrarbeit pro Jahr. Zum Teil lässt sich der Rückgang dadurch erklären, dass der Anteil von Teilzeitbeschäftigten und Frauen unter den Arbeitnehmern größer ist. Diese Gruppen leisten durchschnittlich weniger Überstunden als männliche Vollzeit-Arbeitnehmer.

Jedes Land habe bei der Arbeitszeit seine Eigenheiten, sagte EU-Sozialkommissar Andor. "Wichtig ist am Ende, dass das Land wettbewerbsfähig ist und dass die Vorgaben der EU-Arbeitszeitrichtlinie eingehalten werden – das ist in Deutschland im allgemeinen der Fall", betonte er.