Deutsche kämpfen aufseiten der Separatisten in der Ostukraine: "Bin jetzt Terrorist, werde mir hier ein neues Leben a...

19. März 2015 - 10:04 Uhr

"Ich habe Angst nach Deutschland zurückzugehen"

Im Krieg in der Ostukraine kämpfen laut einem Zeitungsbericht über 100 junge Deutsche aufseiten der prorussischen Separatisten. Bei den meisten handele es sich demnach um sogenannte Russlanddeutsche, viele seien ehemalige Bundeswehrsoldaten. RTL-Reporter Jürgen Weichert hat mit einem deutschen Kämpfer gesprochen.

Deutsche kämpfen für Separatisten
Simon S. aus Hessen kämpft für die Separatisten in der Ostukraine.

Sie wollen die Rebellen dabei unterstützen, eine eigenständige 'Volksrepublik Donezk' zu errichten. "Das ist schon ein eigener Staat", sagt Simon S. aus Hessen, "mit der Ukraine hat das hier nichts mehr zu tun. Nur das Geld und die Pässe sind noch ukrainisch, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit." Der junge Mann und seine deutschen Kollegen haben sich auf ein Leben in dem neuen Staat eingestellt, wollen nicht wieder zurückkehren. "Ich habe Angst nach Deutschland zu meiner Familie zurückzugehen. Ich bin ja jetzt Terrorist, also werde ich hier ein neues Leben aufbauen. Hoffentlich ist der Krieg bald vorbei", so Simon S.

Obwohl offiziell Waffenruhe herrscht, üben die Separatisten für das nächste Gefecht. Sie gehen davon aus, dass es zu weiteren Auseinandersetzungen mit den Regierungstruppen kommt. Unter ihnen sind auch Deutsche, die sich in der Nähe von Debaltseve auf mögliche weitere Konfrontationen mit der ukrainischen Armee vorbereiten.

Sicherheitsexperten wie CSU-Mann Stephan Mayer kritisieren, dass die Deutschen, die in der Ukraine kämpfen, in Deutschland juristisch nicht bestraft werden können – anders als etwa Dschihadisten, die sich der IS-Miliz anschließen. Zumindest, sagt Mayer, solle man doch Separatisten mit doppelter Staatsangehörigkeit den deutschen Pass abnehmen.

Das Bundesinnenministerium bestätigt derweil "Hinweise auf einzelne deutsche Staatsangehörige", die sich im Separatistengebiet aufgehalten haben. Falls man Erkenntnisse über eine mögliche Ausreise zur Teilnahme an Kämpfen in der Ukraine erlange, "würden diese nach Möglichkeit für ausreiseverhindernde oder –erschwerende Maßnahmen genutzt", sagte ein Ministeriumssprecher der 'Welt am Sonntag'. Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, hat im Innenministerium und Auswärtigen Amt bereits die Forderung vorgetragen, dafür zu sorgen, dass Deutsche nicht "in Richtung Osten ziehen und am Morden und Töten teilnehmen", wie er der Zeitung sagte.

Poroschenko: Verträge über Waffenliegerungen mit elf EU-Staaten

Derweil offenbart sich die vereinbarte Feuerpause zwar als brüchig, hält jedoch weitgehend. Präsident Poroschenko traut diesem Frieden aber nicht. Er will seine Forderungen nach Waffen aus dem Westen und einer UN-Mission durchsetzen. Poroschenko warnte die Separatisten vor "neuen Aggressionen" und gab sich ihnen gegenüber sicher, dass der Westen bei einem weiteren Angriff auf die Souveränität des Landes nicht zögern und Waffen an Kiew liefern werde. Die Ukraine habe bereits mit elf EU-Mitgliedern Kaufverträge für solches Kriegsgerät unterschrieben, sagte der prowestliche Staatschef in einem Fernsehinterview, ohne die Namen der Länder zu nennen. Die Entscheidung der USA, Drohnen und gepanzerte Fahrzeuge zu liefern, nannte Poroschenko "richtungsweisend".

Offiziell lehnt Deutschland Waffenlieferungen an Kiew weiterhin ab. Der deutsche Sicherheitsexperte Wolfgang Ischinger bekräftigte hingegen, Waffenlieferungen an Kiew nicht grundsätzlich auszuschließen. "Eine wehrlose Ukraine wäre auch eine Gefährdung der europäischen Sicherheit", sagte er der Zeitung 'Die Welt'. Zur Stabilisierung der Ukraine gehöre eine funktionierende Landesverteidigung.

Russland hält indessen an seiner Kritik an ukrainischen Plänen für eine UN-Friedensmission im Krisengebiet Donbass fest. In dem vor einem Monat in Minsk geschlossenen Friedensabkommen hätten sich die Konfliktparteien darauf geeinigt, dass vor allem die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) mehr Beobachter entsenden sollte, sagte Vize-Außenminister Gennadi Gatilow. Weitere Kontingente seien "nicht zweckmäßig". Poroschenko hatte zuvor betont, die Ex-Sowjetrepublik bleibe bei ihren Plänen. "Eine solche Mission soll keine Alternative zum Minsker Friedensplan sein", sagte der Präsident in dem am Freitagabend ausgestrahlten Interview. Die derzeitigen OSZE-Beobachter seien nicht in der Lage, die gesamte Unruheregion zu überwachen.

Der seit elf Monaten andauernde Konflikt im Donbass, bei dem bereits mehr als 6.000 Menschen ums Leben kamen, ist auch ein Grund für die finanziell angespannte Lage in Europas zweitgrößtem Flächenstaat. Die kürzlich gegründete Agentur zur Modernisierung der Ukraine kämpft mit Startschwierigkeiten. Die Bundesregierung will der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung' zufolge beim EU-Gipfel in dieser Woche durchsetzen, dass die Krim-Sanktionen gegen Russland an die vollständige Umsetzung der Friedensvereinbarungen von Minsk gekoppelt werden. Ein solcher Beschluss würde demnach bedeuten, dass die Strafmaßnahmen gegen Moskau mindestens bis Ende des Jahres in Kraft bleiben.