Kontaktbeschränkungen, Homeoffice und Lockdown

Deutsche Depressionshilfe warnt - Corona treibt Menschen in die Einsamkeit

Kein Kontakt zu Freunden oder Kollegen - Corona führt viele von uns in die Einsamkeit. (Symbolbild)
Kein Kontakt zu Freunden oder Kollegen - Corona führt viele von uns in die Einsamkeit. (Symbolbild)
© iStockphoto

10. November 2020 - 19:18 Uhr

Wenn die Seele unter Corona leidet

Kontaktbeschränkungen und Homeoffice: Vielen Menschen fehlt da der soziale Kontakt. Psychisch erkrankte Menschen brauchen noch mehr Unterstützung. Therapien dürfen nicht ausfallen, denn Corona kann Menschen in die Einsamkeit treiben, so die Deutsche Depressionshilfe. Eine mögliche Lösung sind Online-Sprechstunden.

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„Es hat mich unerwartet getroffen“

Lena Ulrich ist eine von 5,2 Millionen Menschen, die die Corona-Krise gerade besonders hart trifft. Die 37-Jährige leidet an einer Depression. Vor der Pandemie hatte sie ihr Leben im Griff, doch dann seien die Pfeiler ihres Alltags einfach eingestürzt. Es gab keine Strukturen mehr. "Es hat mich unerwartet getroffen." Der Freiberuflerin sind die Aufträge weggebrochen, sie hatte weder Kontakt zu Auftraggebern, noch zu Freunden. Auch ins Fitnessstudio konnte sie nicht flüchten.

"Ich bin in einer gefühlt starken und langen depressiven Phase gelandet", berichtet sie. Dennoch hatte sie großes Glück, denn ihre Therapeutin hat eine Videosprechstunde einrichten können. Das haben nur wenig Ärzte möglich machen können, erklärt Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Und das sei auch nur für die Betroffenen eine Lösung, die bereits in Therapie sind. "Wenn man sich noch nie vorher gesehen hat, ist es schwierig, Vertrauen via Bildschirm aufzubauen", so Hegerl. Dennoch sei gar keine Therapie erst recht keine Lösung.

Therapie via Telefon nur für geringen Teil der Erkrankten möglich

Jeder zweite an Depression Erkrankte hat seit dem ersten Lockdown massive Einschränkungen in der Behandlung seiner Erkrankung erlebt. Für einen kleineren Teil der Patienten waren Telefon- und Videosprechstunden eine gute Alternative. Die Akzeptanz von Online-Angeboten in der Behandlung ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das zeigt das am Dienstag veröffentlichte vierte "Deutschland-Barometer Depression" der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Die repräsentative Befragung untersucht Einstellungen und Erfahrungen zur Depression in der Bevölkerung. Befragt wurden 5.178 Personen zwischen 18 und 69 Jahren aus einem repräsentativen Online-Panel im Juni/Juli 2020. Jeder zehnte an Depression erkrankte Befragte erlebte sogar, dass ein geplanter Klinikaufenthalt nicht stattfinden konnte. 13 Prozent der Betroffenen gaben an, von sich aus Behandlungstermine aus Angst vor Ansteckung abgesagt zu haben.

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Depressionshilfe fordert mehr Rücksichtnahme

Gerade Menschen mit Depressionen leiden besonders unter den Kontakteinschränkungen. Kommt ein depressiver Schub, ziehen sie sich zurück. Sie haben keine Energie für irgendwas, keine Lust auf Spaziergänge, wollen keinen Kontakt zu Menschen. Am liebsten würden sie den ganzen Tag im Bett bleiben wollen. "Und das ist ebenfalls sehr ungünstig, weil man weiß, dass langer Schlaf und lange Bettzeiten eher depressionsverstärkend sind", so Hegerl.

Beim ersten Lockdown im März ist aufgefallen, dass zu viele Therapien ausgefallen sind und sich die Menschen mit ihrer Depression alleingelassen gefühlt haben. So ging es auch Georg Kepkowski. Selbsthilfegruppen sind ausgefallen, ebenso offene Sprechstunden in Krankenhäusern. Und der persönliche Kontakt zu Familie und Freunden brach weg. Der 58-Jährige hat sich isoliert gefühlt und einen Schub bekommen. Doch Depression sei kein Herbstblues. "Für uns ist das ein Dauerzustand, der Wochen oder Monate geht", erzählt er.

Depression ist kein kurzer Herbstblues

Die Krankheit betrifft Millionen von Menschen. "Wir haben 5,2 Millionen Betroffene in Deutschland. Und wenn von den Befragten mit Depressionen 56 Prozent sagen, ihre Versorgung habe sich verschlechtert und wichtige Behandlungen seien ausgefallen, dann ist das etwas, was Grund zu sehr großer Sorge ist", so Hegerl in Bezug auf den zweiten Lockdown.

Wichtig ist es, nicht mit der Krankheit allein zu bleiben. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sei die medizinische Versorgung in Deutschland sehr gut. "Mir ist nicht bekannt, dass Wartezeiten für Therapien länger geworden sind", so Hegerl. Wichtig ist es, sich bei Bedarf an einen Arzt zu wenden.

Was tun? Hausarzt und Psychotherapie-Programm iFightDepression

Die Menschen mit Erkrankungen haben nach Ansicht von Hegerl im ersten Lockdown zu lange gewartet. "Viele kamen zum Teil zu spät zum Arzt." Wer sich unsicher ist, ob er eine Depression habe oder wer Hilfe benötige, könne sich auch immer an seinen Hausarzt wenden. Bei einem persönlichen Gespräch lasse sich so eine Diagnose feststellen und Hilfsangebote raussuchen.

Außerdem bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kostenfrei das Online Tool iFightDepression an. Das ist ähnlich wie ein Psychotherapie-Programm: Die Patienten können sich durch verschiedene Pakete von zu Hause selbst durcharbeiten. Dies haben wir in der Krisensituation freigeschaltet und innerhalb von kurzer Zeit haben über 15.000 Menschen dieses Programm heruntergeladen. Auch sehr viele Ärzte haben sich damit beschäftigt und es ihren Patienten angeboten."

Auf den zweiten Lockdown vorbereitet sein

Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, was jetzt kommt. Lena Ulrich ist vorbereitet. Statt Fitnessstudio geht die 37-Jährige an der frischen Luft joggen. Statt ins Restaurant trifft sie sich zum Spieleabend. Außerdem schaltet sie nur noch einmal am Tag die Nachrichten an. "Es waren zu viele negative Berichte", sagt sie. Über Corona will sie sich deshalb nicht mehr stündlich informieren. Auch Hegerl rät zu frischer Luft und Kontaktpflege. Außerdem helfe es, Hobbys wieder aufleben zu lassen. "Und zu versuchen, der ganzen Krise so gut es geht, auch Positives abzugewinnen", so Hegerl.

Sie fühlen sich einsam? Hier finden Sie Hilfe

Wer sich einsam fühlt oder glaubt, an einer Depression zu leiden, ist nicht allein – denn es gibt Hilfe: