Lokführer beschließen Bahnstreik

Diese Rechte haben Bahnkunden bei Zugausfällen

11. August 2021 - 9:24 Uhr

Lokführer stimmen für Streik bei der Deutschen Bahn

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) legt für zwei Tage in ganz Deutschland den Bahnverkehr lahm. Die ersten bundesweiten Streiks sollen bereits heute ab 19 Uhr im Güterverkehr beginnen und Mittwochfrüh (11. August) um 2 Uhr im Personenverkehr. Enden soll der Arbeitskampf am frühen Freitagmorgen um 2 Uhr. Laut der Deutschen Bahn soll nur jede vierte Fernzug über die Schienen rollen. Im Video erklärt Rechtsanwalt Arndt Kempgens, welche Rechte Bahnkunden bei einem Streik und Zugausfällen haben.

Bahn bittet Kunden, nicht notwendige Reisen zu verschieben

Einen weitgehend störungsfreien Verkehr erwartet die Bahn erst wieder für den Freitag, wie das Unternehmen am Dienstag in Berlin mitteilte. Priorität haben nach Bahn-Angaben die besonders stark genutzten Verbindungen wie zwischen Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet, zwischen Hamburg und Frankfurt sowie die Anbindung wichtiger Bahnhöfe und Flughäfen. Ziel sei ein zweistündliches Angebot mit besonders langen Zügen auf den Hauptachsen.

Trotz des Ersatzfahrplans könne man nicht garantieren, dass alle Reisenden wie gewünscht an ihr Ziel kommen. Man bitte daher Fahrgäste, die nicht zwingend fahren müssen, ihre Reise möglichst zu verschieben. Gegenüber den Kunden wolle man sich sehr kulant zeigen. Die für den Streikzeitraum gelösten Karten könnten bis einschließlich dem 20. August bei aufgehobener Zugbindung genutzt oder erstattet werden.

GDL geht auf maximalen Crashkurs

GDL-Chef Claus Weselsky hatte es abgelehnt, ohne neues Angebot der Bahn an den Verhandlungstisch zurückzukehren, wie dies in den vergangenen Wochen mehrfach gefordert worden war. Die GDL will nach seinen Worten eine Nullrunde im laufenden Jahr nicht akzeptieren, verlangt eine deutliche Corona-Prämie und Einkommenssteigerungen von 3,2 Prozent bei 28 Monaten Laufzeit.

Die Bahn will angesichts von neuen Milliardenverlusten während der Corona-Pandemie und großen Flutschäden einen länger laufenden Tarifvertrag und spätere Erhöhungsstufen bei gleicher Prozentzahl. Ein Streik wäre eine "Attacke auf das ganze Land", hatte Bahn-Personalchef Martin Seiler erklärt. Eine Bahn-Sprecherin sagte am Montag, dass Streiks Kunden und Beschäftigte wie ein "Schlag ins Gesicht" treffen würden.

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft wies darauf hin, dass ein Streik bei der Bahn auch "die unter den Folgen der Corona-Krise leidende Wirtschaft massiv schädigen" würde. Die GDL handele verantwortungslos und gefährde die wirtschaftliche Erholung, sagte Verbandsgeschäftsführer Markus Jerger der Funke-Mediengruppe.

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Tickets, Verspätung, zusätzliche Kosten: Diese Rechte haben Bahnkunden

Die Bahn nannte zunächst keine Details zu Notfallplänen. Beim letzten GDL-Lokführer-Streik vor sechs Jahren hatte man einen Notfahrplan erstellt, um zumindest etwas Betrieb aufrecht zu erhalten. Im Fernverkehr konnte etwa ein Drittel der Züge fahren, vor allem auf den Hauptstrecken vom Ruhrgebiet nach Osten sowie von Hamburg nach Süden. Auch im Regionalverkehr und bei S-Bahnen dürfte bei einem Lokführerstreik ein Großteil der Züge ausfallen. Der gestörte Betriebsablauf könnte dann auch bei Konkurrenten der Deutschen Bahn zu Einschränkungen führen.

Im Fall eines Streiks können die Fahrgäste:

  • von geplanten Zugfahrten zurücktreten und sich den Fahrpreis erstatten lassen, wenn eine Verspätung von mehr als 60 Minuten zu erwarten ist oder der Zug komplett ausfällt.
  • Wer trotzdem in den Zug steigt, für den gelten die üblichen Entschädigungsregeln: bei 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises, ab 120 Minuten 50 Prozent.
  • Wird ein Anschlusszug verpasst oder ist am Zielbahnhof eine Verspätung von mehr als 20 Minuten zu erwarten, können Reisende einen anderen – auch höherwertigen Zug – nehmen. Das Zugpersonal entscheidet, ob sich wegen Corona noch genug Plätze im Zug befinden.
  • Stranden Bahnkunden an einem Bahnhof und ist eine Weiterfahrt über Nacht nicht möglich, dann muss die Deutsche Bahn auch die Kosten für ein Hotel übernehmen, inklusive die Fahrt zum Hotel und zurück.
  • Taxikosten werden bis zu einem Betrag von 80 Euro übernommen, wenn die Ankunftszeit am Zielbahnhof zwischen 0 und 5 Uhr liegt und der Zug eine zu erwartende Verspätung von mindestens 60 Minuten am Zielbahnhof hat.

Es wäre der erste Streik bei der Bahn seit Dezember 2018, als die EVG ihre Mitglieder zum Arbeitskampf aufrief. Weitaus härter verlief der GDL-Streik 2014 und 2015. In acht sich steigernden Wellen legten die Lokführer unter Weselskys Führung die Arbeit nieder und weite Teile des Streckennetzes lahm.

Machtkampf zwischen Gewerkschaften EVG und GDL

Neben dem Streit über Einkommenszuwächse tobt im Konzern ein Machtkampf zwischen der GDL und der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Für die GDL sind hohe Tarifabschlüsse für möglichst viele Berufsgruppen und Beschäftigte eine Frage des Überlebens und der künftigen Wachstumsmöglichkeiten. Denn die Bahn muss das Tarifeinheitsgesetz umsetzen. In den rund 300 Betrieben des Unternehmens soll danach nur noch der Tarifvertrag der jeweils größeren Gewerkschaft zur Anwendung kommen. Meist ist das die EVG. Die GDL hat angekündigt, der Konkurrenz Mitglieder abjagen zu wollen.

Die EVG hatte schon im vergangenen Herbst einen Tarifabschluss mit der Bahn unterschrieben. Dieses Jahr gab es eine Nullrunde. Anfang 2022 erhalten die Beschäftigten 1,5 Prozent mehr Geld. Betriebsbedingte Kündigungen sind ausgeschlossen. (dpa/aze)