Deshalb zeigt der Fall Gina-Lisa Lohfink die Grenzen des Sexualstrafrechts in Deutschland auf

Ein Kommentar von Rebekka Kaiser

Gina-Lisa Lohfink behauptet, dass sie vergewaltigt wurde. Bruchstücke von dem Sex-Video streuten die Männer danach im Netz. Aber das Gericht glaubt Gina-Lisa nicht: Es verurteilt sie wegen Falschbeschuldigung zu einer hohen Geldstrafe. Gegen diese Entscheidung kämpft Gina-Lisa (29) nun an – und erfährt unerwartet viel Zuspruch. Im Netz ist ein Sturm der Entrüstung losgebrochen über diesen Fall. Politikerinnen und Feministinnen schreien auf: Sie kritisieren die Vorverurteilung von Frauen und fordern ein härteres Sexualstrafrecht. Und das völlig zu Recht.

Fall Gina-Lisa bringt deutsche Justiz an Grenzen
Gina-Lisa Lohfink zeigte eine Vergewaltigung an, doch das Gericht glaubte ihr nicht.
imago/Olaf Wagner, imago stock&people

Keine Frage, an der früheren Kandidatin von 'Germanys Next Topmodel' ist vieles übertrieben: Ihre lange Mähne schimmert Platinblond, ihre Haut ist tief solariumgebräunt, wenn sie redet, klingt sie wie ein Rapper aus Berlin-Wedding. Doch nur weil vieles an Gina-Lisa völlig übertrieben erscheint, bedeutet das nicht, dass ihre Schilderungen über den verhängnisvollen Abend am 2. Juni 2012 übertrieben sind.

Gina-Lisa erzählt, dass sie mit zwei Männern ausgelassen in einem Club in Berlin feierte. Irgendwann seien ihre Erinnerungen abgerissen, angeblich hätten sie Pardis F. und Sebastian C. mit K.o.-Tropfen betäubt, um sie in einer Wohnung zu vergewaltigen. Unbestritten ist, dass einer der Männer den Dreier-Sex filmt und später Ausschnitte davon ins Internet stellt. Je nachdem, wie es der Betrachter sieht, wird Gina-Lisa in dem Video vergewaltigt oder hat Sex mit zwei Männern.

Fürsprecher von Gina-Lisa kritisieren, dass sie in den verwackelten Ausschnitten weggetreten wirke, mehrmals "Hör auf" und "Nein, nein, nein" zu den Männern sage. Tatsache ist, dass Pardis F. und Sebastian C. nicht aufhören, weshalb Gina-Lisa und viele Menschen im Netz nun von einer Vergewaltigung sprechen. Das Gericht meint aber, dass Gina-Lisa während des Sex nur dagegen protestiere, gefilmt zu werden.

Studiert man das aktuelle Sexualstrafrecht, fühlt man sich ins vergangene Jahrhundert zurückgeworfen

Der Fall Gina-Lisa wird vor allem im Netz kontrovers diskutiert. Vielen Kritikern drängt sich der unangenehme Verdacht auf, dass eine Frau mit freizügigem Lebenswandel ihr Recht auf ein 'Nein' ohnehin längst verspielt hat. Die Brisanz liegt aber auch an etwas Grundsätzlichem: Dass für die deutsche Justiz ein 'Nein' kein 'Nein' ist. So treibt der Fall Gina-Lisa schlussendlich so viele Menschen um, weil er die Grenzen der deutschen Justiz auslotet. Nach jetzigen Sexualstrafrecht ist in einem Fall wie bei Gina-Lisa eine Verurteilung wegen Vergewaltigung kaum möglich. Schließlich muss das Opfer den Beweis erbringen, dass ihm K.o.-Tropfen verabreicht wurden, die es in eine wehrlose Starre verfielen ließen. Auch ein 'Nein' oder ein 'Hör auf' hat vor Gericht keinerlei Bestand. Das Sexualstrafrecht sieht vor, dass sich das Opfer mit aller Kraft und Gewalt gegen den Täter wehren muss. Wenn sich am Körper des Opfers Verletzungen finden, die auf einen Kampf hinweisen, kann erst eine Vergewaltigung angenommen werden.

Kein Wunder, dass der Gang zur Polizei eine regelrechte Demütigung für Opfer ist, die mit K.o.-Tropfen oder Alkohol in rauen Mengen betäubt wurden, sich mit Worten wehrten oder in eine Schockstarre verfielen. Aufwändige Verhöre, bei denen Opfer die schreckliche Tat quälend genau schildern müssen, ärztliche Gutachten führen oft nicht zur Verurteilung – wenn es nicht deutliche Kampfspuren am Körper des Opfers gibt. Aussage-gegen-Aussage-Situationen enden häufig in einem Freispruch.

In der nun losgetretenen Debatte geht es also nicht mehr um das Schicksal eines skandalerprobten TV-Sternchens, sondern ums Prinzip. Reicht es nicht, wenn das Opfer dem Täter sagt, dass er aufhören soll? Und sollte das Gericht mutmaßliche Vergewaltigungsopfer nicht stärker schützen, statt sie wegen ihres vorherigen Lebensstils für unglaubwürdig zu erklären? Ein aufgeklärtes Land wie Deutschland sollte bei Unklarheit nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer schützen. Und wenn ein Mensch sich nicht zum Sex einverstanden erklärt, sollte der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt sein.