Der 'Regisseur' des Neonazi-Terrors

10. Februar 2016 - 11:27 Uhr

André E. könnte das langgesuchte Bindeglied sein

Die Ermittler haben das nächste große Puzzleteil im Fall der Neonazi-Mordserie aufgedeckt. André E. soll das Zwickauer Terror-Trio unterstützt haben - und könnte das langgesuchte Bindeglied zu anderen rechtsextremen Zirkeln sein.

Neonazi-Trio seit 1998 auffällig
Immer mehr Details über die Neonazi-Terrorzelle aus Zwickau werden bekannt.

Schon länger war der Name durch die Medien gegeistert, wenn es um mutmaßliche Helfer des Zwickauer Terror-Trios vom 'Nationalsozialistischen Untergrund' (NSU) ging. Jetzt war der 32 Jahre alte Sachse fällig. In Grabow, einem kleinen Dörfchen in Brandenburg, schlugen Spezialkräfte der GSG 9 zu und nahmen André E. fest - auf dem Gehöft seines Zwillingsbruders, der dort mit seiner Familie lebt und in Brandenburg eine bekannte Größe der rechtsextremen Szene ist.

André E. soll den Film produziert haben, in dem sich der NSU in zynischen 'Paulchen-Panther'-Comicszenen mit den Morden an neun türkischstämmigen und griechischen Kleinunternehmern und an einer Polizistin brüstet. "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" nennt die Bundesanwaltschaft das. Außerdem wirft sie dem 32-Jährigen Volksverhetzung und Beihilfe zur Billigung von Straftaten vor. Beweise hatte sie offensichtlich genug – kurz nach der Festnahme erließ ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof Haftbefehl.

Eigentlich lebt André E. gar nicht in Brandenburg, sondern im sächsischen Zwickau. Von dort aus betreibt er einen Versandhandel für T-Shirts und Pullover. Auch das Terror-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe war in Zwickau zu Hause. Jahrelang soll E. mit den Dreien in engem Kontakt gestanden haben.

Welche Rolle spielt E.s Frau?

Gemeinsam mit seiner Frau und zwei Kindern soll er seit knapp einem Jahr im Zwickauer Stadtteil Altplanitz gewohnt haben. Wie schon beim Terror-Trio im Stadtteil Weißenborn sprechen auch die Nachbarn des mutmaßlichen NSU-Unterstützers von einem eher "unauffälligen" Eindruck von Andre E. Von einer rechtsextremistischen Gesinnung sei ihm nichts anzumerken gewesen.

Die Rolle von E.s Frau ist momentan noch unklar. Mit Bahncards auf die Namen des Ehepaars waren Zschäpe und Böhnhardt unterwegs. Nicht nur, dass André E. dem NSU-Trio geholfen haben soll, gilt der sächsischen Linke-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz als Beleg dafür, dass E. ein Neonazi sei. "Er hat auch einschlägige Tattoos auf seinen beiden Oberarmen", sagte sie - und verweist zugleich auf seine Vorgeschichte in der Neonazi-Szene seines Heimatortes Johanngeorgenstadt.

Je mehr Kontakte des Terror-Trios die Ermittler enttarnen, desto näher kommen die Einschläge auch der rechtsextremen NPD. Andre E.s Zwillingsbruder war dem Verfassungsschutz zufolge Stützpunktleiter der Jungen Nationaldemokraten in Potsdam - der Jugendorganisation der NPD. Dass in dem Haus in Grabow Rechtsextremisten wohnen, habe man im Dorf auch schon lange gewusst, sagt ein Nachbar. "Welches Ausmaß das Ganze nun annimmt, schockiert mich aber."

In Jena geriet derweil ein früheres Thüringer Vorstandsmitglied der NPD ins Visier der Ermittler. Auch dort rückten Fahnder zur Durchsuchung an, wie ein Sprecher der Partei bestätigte. Die Ermittler selbst gaben nur an, auch in Jena gewesen zu sein. Auch dieser Mann war aber zuvor schon als mutmaßlicher NSU-Unterstützer ins Gerede gekommen.

Zur Aufklärung von Pannen im Zusammenhang mit der Zwickauer Neonazi-Zelle hat Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) eine Expertenkommission einberufen. Sie soll alle relevanten Akten von Polizei und Verfassungsschutz aus Bund und Ländern prüfen. Bei der Opposition im Bundestag stieß die Kommission auf Kritik: Sie könne die Aufklärung durch das Parlament nicht ersetzen. Jedoch sind sich die Abgeordneten nicht einig darüber, wie sie die Vorgänge aufarbeiten wollen. Im Gespräch sind ein Untersuchungsausschuss, ein Sonderermittler und eine Bund-Länder-Kommission. Die Entscheidung darüber dürfte frühestens in der kommenden Woche fallen.