„Plattformen wie TikTok sind ein fataler Hort der Langeweile“

Der nächste widerliche TikTok-Trend: Teenager spielen Holocaust-Opfer

25. August 2020 - 16:17 Uhr

Was veranlasst Jugendliche dazu, sich so zu präsentieren?

Und schon wieder schaffen es die Nutzer von TikTok, mit einer neuen Challenge eher für Entrüstung als für Unterhaltung zu sorgen. Unter den Hashtags #Holocaust und #Heaven posten Jugendliche Videos, in denen sie als vermeintliche Opfer des Holocaust auftreten und erzählen, was sie in Konzentrationslagern und Gaskammern durchleben mussten. Meist sind die jungen Darsteller dabei so geschminkt, als seien sie ausgezehrt, verletzt oder sogar verstorben und nutzen auch die Kleidung, um sich als Holocaust-Opfer zu inszenieren. Im Video sehen Sie ein paar Ausschnitte, wie das aussehen kann.

Aber was veranlasst Jugendliche dazu, sich so zu präsentieren? Wollen sie provozieren? Brauchen sie eine bessere Einordnung der Geschichte des Dritten Reichs oder mehr Medienkompetenz? Wir haben mit Sabine E. Werner-Kopsch, Diplompsychologin für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, darüber gesprochen.

„Jugendliche stumpfen immer mehr ab“

"Provokation ist Teil der Pubertät", erklärt Werner-Kopsch. "Die Jugendlichen wollen Teil von etwas sein und sich in ihrer Peer-Group behaupten. Dazu müssen sie Aufmerksamkeit erregen." Dazu komme, dass sich viele Jugendliche selbst als äußerst langweilig empfänden und sich deshalb in Rollen oder mit "ungewöhnlichen Handlungen" inszenierten, die in den diversen "Challenges" zu sehen seien.

"Mediale Plattformen wie TikTok sind wie viele andere (soziale) Medien ein fataler Hort der Langeweile", so Werner-Kopsch. Diese Langeweile könne von ungeübten Beteiligten nur durch derlei Inszenierung durchbrochen werden, wenn noch Aufmerksamkeit erzielt werden solle. "Die Jugendlichen stumpfen dabei von Jahr zu Jahr immer mehr ab."

Lesen Sie hier: Wie gefährlich ist TikTok wirklich? 

Wie verarbeiten Kinder und Jugendliche, was sie in Schule, Filmen & Co. über den Holocaust lernen?

Wir wollten von Sabine Werner-Kopsch wissen, ob sich etwas an den Lehrplänen ändern müsse, um Jugendlichen den Schrecken des Holocaust deutlich zu machen. Für die Jugendlichen sei Geschichte generell nicht sehr greifbar. "Es handelt sich lediglich um eine Story, um Filme ohne persönliche Bezüge. In den Schulen werden zwar die Inhalte vermittelt, für diese Geschichte ist es aber abstrakter Lernstoff, der bei den wenigsten einen Zugang auf der Gefühlsebene erreicht. Eine echte Auseinandersetzung findet selten statt."

Dass Inszenierungen dieser Art für Betrachter verletzend sein können, ist den Jugendlichen entweder nicht bewusst oder Teil der gewollten Provokation. Für eigene oder familiäre Erlebnisse mit Antisemitismus handelt es sich laut Werner-Kopsch jedoch ganz klar um eine Herabwürdigung. "Der damit verbundene Schmerz wird durch nüchternes Schauspiel und ohne jede Auseinandersetzung unachtsam benutzt. Damit wird auch deutlich, dass dieser Schmerz und diese Erlebnisse reduziert werden und nahezu lächerlich wirken, da es nur um die Aufmerksamkeit des Moments geht. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine antisemitische Haltung wächst, die dieses unsägliche Leid benutzt und herunterspielt."

Ist "Trauma porn" der neue "Food porn"?

In der Berichterstattung um diesen TikTok-Trend wird oft von "Trauma porn" gesprochen. "Heute wird der Zusatz 'Porn' gerne verwendet, um eine Inszenierung zu beschreiben", erklärt Werner-Kopsch dies. "Eine rote Himbeere auf dem Haferbrei im schneeweißen Porzellan mit einer Blume auf dem Tisch macht das Bild von dem gewöhnlichen Essen zum 'Food-Porn'."

"Während die Jugendlichen jedoch mit derlei sachlichem etwas verbinden, ist die Verwendung des Wortes 'Trauma' bei den meisten Jugendlichen eine Beschreibung von etwas, das sie (glücklicherweise) nur aus dem Internet kennen und das gleichzeitig eine große Aufmerksamkeit garantiert. Unsere Gesellschaft reagiert auf das Verstörende, auf das Verletzende, auf den Übertritt von Grenzen."

Folge sei eine neue Superlative – "alles andere ist wieder langweilig", fasst Werner-Kopsch zusammen. "Es ist zu erahnen, dass die Grenzen irgendwann erreicht sind und dann kommt die große Langeweile, der man sich nicht mehr entziehen kann. Vielleicht wird dann ja der 'boredom-porn' zelebriert."