Der Kandidaten-Check

Deshalb könnte Grünen-Politiker Robert Habeck Kanzler werden

Deshalb könnte Robert Habeck Kanzler werden.
Deshalb könnte Robert Habeck Kanzler werden.
© dpa, Kay Nietfeld, nie wst

17. April 2021 - 14:43 Uhr

Baerbock oder Habeck?

Während die Union noch lautstark über ihren Kanzlerkandidaten streitet, herrscht bei den Grünen traute Einigkeit. Zwar hat auch das Führungsduo aus Robert Habeck und Annalena Baerbock noch nicht bekanntgegeben, wer von ihnen als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl im Herbst antritt, einen Termin gibt es aber schon. Am Montag, den 19. April wollen die beiden Co-Vorsitzenden in einem Fernseh-Interview ihre Entscheidung bekanntgeben. Aber können Habeck und Baerbock auch Kanzlerin oder Kanzler?

Habeck vor Laschet und Scholz

Schaut man sich die nackten Zahlen an, stehen die Grünen so gut da, wie noch nie in ihrer Geschichte vor einer Bundestagswahl. Laut einer RTL-Forsa-Umfrage könnten sie sogar den nächsten Bundeskanzler stellen. Sollte sich die Union für Armin Laschet als Kanzlerkandidaten entscheiden, liegt Robert Habeck in der Gunst der Deutschen sogar auf Platz eins aller Kandidaten. 22 Prozent würden sich ihn als Kanzler wünschen, Laschet und SPD-Kandidat Olaf Scholz kämen jeweils nur auf 17 Prozent.

Gegen einen Unionskandidaten Markus Söder hätte Habeck zwar – Stand jetzt – deutlich das Nachsehen, käme aber immerhin noch auf 19 Prozent Zustimmung und läge damit deutlich vor Vize-Kanzler Scholz mit 13 Prozent.

Grünen-Anhänger wollen Baerbock

Nun ist Robert Habeck aber noch nicht Spitzenkandidat der Grünen. Dafür muss er sich erst noch gegen Co-Parteichefin Annalena Baerbock durchsetzen. Seine Chancen das zu schaffen, sind schwer einzuschätzen. Laut einer "Spiegel"-Umfrage würden zwar 32 Prozent der Deutschen Habeck den Vorzug geben (Baerbock 25 Prozent), aber der Vorsprung schmilzt. Seine Herausfordererin hat ihre Zustimmungswerte in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt.

Und das liegt vor allem auch an den eigenen Anhängern. Laut der "Spiegel"-Umfrage liegt Baerbock mit 45 Prozent bei denen nämlich vor Habeck, der nur auf 35 Prozent kommt.

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Der "Kennedy-Effekt"

Anders als die Union scheinen sich die Grünen aber bei ihrer Kanzler-Entscheidung nicht vorrangig an den Umfragewerten zu orientieren – zumindest nicht öffentlich. Diese Einigkeit scheint ihnen in Zeiten höchster Unsicherheit viele Sympathien zu bringen. Hinzu kommt, dass Robert Habeck als Mensch ganz anders ist, als beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel oder auch die Unionskandidaten Laschet und Söder.

Mit 51 Jahren ist Habeck nicht nur deutlich jünger, er hat auch vier Söhne und ist erfolgreicher Kinderbuchautor. Er postet viele Fotos auf seinem Instagram-Kanal und bringt einen gewissen Glamour-Faktor mit. Mit ihm würde also ein ganz neuer Stil ins Kanzleramt ziehen – ähnlich wie etwa 1961 beim ehemaligen US-Präsident John F. Kennedy. Auch er hatte das Amt von seinem damals 71-jährigen Vorgänger übernommen und durch sein jugendliches Aussehen und seine junge Familie viel Glanz ins Weiße Haus gebracht.

Der Vermittler

Die nötige Erfahrung zum Regieren bringt Robert Habeck aber auch mit. Von 2012 bis 2018 war er Umwelt- und Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein und außerdem stellvertretender Ministerpräsident hinter Amtsinhaber Daniel Günther. In den Koalitionsverhandlungen hat er maßgeblich dazu beigetragen, die erste so genannte Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP in Deutschland auf die Beine zu stellen, die noch heute in Kiel regiert. Eine Erfahrung, die ihm nach der Bundestagswahl je nach Ergebnis helfen könnte.

In dieser Zeit konnte Habeck aber nicht nur sein Fachwissen in der Klima- und Umweltpolitik einbringen, er gilt auch als außerordentlich guter Vermittler. Für gewöhnlich haben es grüne Agrarminister bei den Landwirten nicht immer leicht. Oft prallen Vorschläge nach mehr Umweltschutz und die Sorge, dadurch die Ernteerträge zu senken aufeinander. Doch nicht so bei Habeck. Als er vor seinem Wechsel nach Berlin in die Grünen-Parteizentrale seinen letzten Auftritt als Landesminister wahrnahm, applaudierten rund 1.000 Bäuerinnen und Bauern 20 Sekunden lang zum Abschied. Gänsehaut.

Habeck und die Wissenslücken

Aber Robert Habeck wäre nicht Robert Habeck, ohne seine fast schon legendären Panneninterviews, die gleichzeitig einige seiner größten Schwächen offenbaren. Ob außenpolitische Themen, wie die Freilassung des US-amerikanischen Whistleblowers Julian Assange oder seine Wissenslücken in einem seiner Kernthemen, der Pendlerpauschale – man wird den Eindruck nicht los, dass Robert Habeck sich entweder mit einigen Themen nicht gut genug auskennt oder aber schnell fahrig wird, wenn er unter Druck gerät.

Beides wäre für einen Bundeskanzler fatal. Man stelle sich vor, derselbe Robert Habeck sitzt einem Wladimir Putin oder einem Recep Tayyip Erdoğan gegenüber und soll sie zum Einlenken etwa im Fall Nawalny oder in der Flüchtlingsthematik bewegen. Er würde als Kanzler schlicht nicht ernst genommen.

Da hat ihm seine Kontrahentin Annalena Baerbock etwas voraus. Sie war beispielsweise von 2008 bis 2013 Sprecherin der Grünen für Europapolitik und von 2009 bis 2012 sogar Vorstandsmitglied der Europäischen Grünen. Sie kennt sich also mit Europapolitik bestens aus.

Und da liegt auch die Gefahr, sollten die Grünen Robert Habeck als Kanzlerkandidat aufstellen. Seine Kontrahenten von Union und SPD und auch der anderen Parteien sind mit allen Wassern gewaschen und werden seine Wissenslücken konsequent anprangern und beispielsweise in einem TV-Duell ausnutzen. Sollten sich die Grünen also tatsächlich für Robert Habeck entscheiden, täte er gut daran, sich in einigen politischen Bereichen breiter aufzustellen, um auch in stressigen Situationen immer souverän zu sein.