Demonstranten stürmen Sitz der Muslimbrüder – 16 Tote bei Demonstrationen

7. Juli 2013 - 22:50 Uhr

Attacke auf Parteizentrale Mursis

In Ägypten ist es bei den riesigen Demonstrationen gegen Präsident Mohammed Mursi zu heftigen Ausschreitungen gekommen. Bei den Protesten sind laut Gesundheitsministerium 16 Menschen ums Leben gekommen und 781 verletzt worden.

Ägypten, Mursi, Proteste
In Ägypten ist es bei den riesigen Demonstrationen gegen Präsident Mohammed Mursi zu heftigen Ausschreitungen gekommen.
© dpa, Khaled Elfiqi

Jugendliche Demonstranten stürmten die Parteizentrale der Muslimbrüder. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Männer Einrichtungsgegenstände auf die Straße warfen. Einer schwenkte auf einem Balkon die ägyptische Fahne. Mitarbeiter hatten das Gebäude nach Angaben der Muslimbrüder kurz vor dem Sturm aufgegeben.

Die Zentrale der Islamisten war schon am Sonntagabend von Gegnern des Präsidenten angegriffen worden. Bei den stundenlangen Kämpfen kamen den Angaben des Gesundheitsministeriums 16 Menschen ums Leben. Die Protestbewegung 'Tamarud' (Rebellion) stellte Mursi ein Ultimatum: Entweder er trete bis Dienstagnachmittag ab - oder es werde weitere Unruhen geben.Fünf Minister aus Mursis Kabinett reichten bereits ihren Rücktritt ein.

In Kairo und anderen Städten forderten die Menschen den Präsidenten am ersten Jahrestag seines Amtsantritts zum Rücktritt auf. "Verschwinde!" riefen sie ihm entgegen und zeigten ihm die Rote Karte.

"Mursi wird nun Antworten finden müssen", urteilte RTL-Korrespondentin Antonia Rados aus Kairo. Bisher habe er immer gesagt, er sei der gewählte Präsident, doch Demonstrationen diesen Ausmaßes habe es bisher nicht gegeben.

Demonstranten: "Bleiben so lange, bis Mursi zurücktritt"

In der südlichen Provinz Assiut eröffneten nach Angaben der Sicherheitsbehörden bewaffnete Unbekannte auf einem Motorrad das Feuer auf protestierende Aktivisten. Dabei seien drei Menschen getötet und mindestens acht verletzt worden. Ein Demonstrant starb laut lokalen Medienberichten in der ebenfalls südlichen Stadt Bani Sueif bei Zusammenstößen zwischen Unterstützern und Gegnern Mursis.

In Fayum sei ein 18-Jähriger ums Leben gekommen. Bei einem Angriff auf die Zentrale der Muslimbruderschaft in Kairo seien zwei Menschen getötet worden. Bei den zentralen Kundgebungen auf dem Kairoer Tahrir-Platz blieb es ruhig. Vor dem Präsidentenpalast hingegen gab es die befürchteten Konfrontationen zwischen den rivalisierenden Lagern. Dort versuchten Regimegegner, den Palast in Brand zu setzen. Bis zum frühen Montagmorgen harrten dort zahlreiche Menschen aus.

Oppositionsaktivisten kündigten an, so lange demonstrieren zu wollen, bis Mursi zurücktrete. Ähnliche Szenen hatten sich im Arabischen Frühling 2011 bei den Protesten gegen den damaligen Machthaber Husni Mubarak abgespielt.

Wenige Kilometer vom Amtssitz Mursis entfernt versammelten sich im Kairoer Vorort Nasr-City Zehntausende Anhänger der islamistischen Parteien, um ihre Solidarität mit Mursi zu bekunden. Einige von ihnen trugen Stöcke und Helme bei sich.

In der Hafenstadt Alexandria, in Port Said und in der Tempelstadt Luxor gingen ebenfalls tausende Menschen auf die Straßen. In Alexandria klagten mehrere Demonstranten über Vergiftungserscheinungen, nachdem sie von Unbekannten am Straßenrand umsonst Flaschen mit Wasser und Limonade erhalten hatten.

Die Massenproteste markieren das Ende einer Unterschriftenkampagne, mit der die Protestbewegung den Staatschef zum Rücktritt zwingen will. Seit Anfang Mai sammelten die Initiatoren von 'Tamarod' (Rebellion) nach eigenen Angaben mehr als 22 Millionen Unterschriften gegen den Präsidenten. Die Opposition wirft Mursi vor, er handele nicht wie ein Präsident für alle Ägypter, sondern sei vor allem daran interessiert, die Macht der Muslimbruderschaft auszubauen. Die massiven wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes habe er nicht gelöst. Deshalb habe er seine Legitimität verloren und müsse abtreten.

Für die Muslimbrüder, als deren Kandidat Mursi gewählt worden war, kommen Neuwahlen nicht infrage. Ein Sprecher des Staatsoberhaupts rief die Protestbewegung bei einer Pressekonferenz zum Dialog auf. Der Berater der Muslimbruderschaft, Gehad al-Haddad, sagte, die Opposition müsse akzeptieren, dass Mursi durch faire und freie Wahlen ins Amt gekommen sei. Die Anhänger Mursis würden nichts tun, solange die Demonstrationen friedlich blieben. Allerdings fügte er hinzu: "Die Mauern des Präsidentenpalasts sind eine rote Linie."

Viele Ägypter gingen aus Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen weder zu den Protesten noch zur Arbeit. Tausende Ausländer hatten das Land bereits am Samstag verlassen. In den vergangenen Tagen hatte es mehrfach gewaltsame Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern der Islamisten gegeben. Dabei starben sieben Menschen - unter ihnen ein US-Bürger. Ägypten muss sich auf eine lange, unruhige Zeit einstellen.