"Wer sagt denn das?"

Deichkind: So stark ist das neue Album

30. September 2019 - 11:35 Uhr

Album-Release "Wer sagt denn das?"

Deichkind sind zurück. "Wer sagt denn das?"* ist der Titel des neuen Albums. Doch im ersten Longplayer der Hamburger Hip-Hop- und Elektropunk-Gruppe seit vier Jahren fehlt eine ganz prägnante Stimme - die von Sascha Reimann (45) alias Ferris Hilton alias Ferris MC. Mit Blick auf seine Solo-Karriere entschied sich der MC zum Austritt. Was taugt der neueste Aufguss aus der Deichkind-Teestube ohne Ferris?

Die alten Zeiten sind zurück

Mit einem für die Band typischen Snippet beginnt das Album, und direkt im darauffolgenden "Wer sagt denn das?" startet auch schon ein Merkmal der Platte, das sich durch einige Songs zieht - das Aufdröseln und Verarbeiten des Songtexts von "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)"*, einem der ganz großen Deichkind-Hits. Im Track selbst wird einer Frage nachgegangen, die heute nur noch selten gestellt wird, eine Klatsche für unsere Gesellschaft ist und gleichzeitig Gründe liefert: "Wer sagt denn, dass viele Klicks Qualität bedeuten? [...] Wer sagt denn das? Ich glaub' ab jetzt nur das, was stimmt." Doch Deichkind wären nicht Deichkind, wenn es nicht auch Gagasongs aus dem Dadaismus-Universum gäbe.

"1000 Jahre Bier" ist so ein Kandidat und wurde am 20. September auf dem kostenlosen Überraschungskonzert am Millerntor in St. Pauli erstmals live gespielt. Ebenso auch "Cliffhänger", das einen Seitenhieb an Intro-Skipper von Serien bereithält. In "Keine Party" wird dann wieder die "Remmidemmi"-Schiene gefahren, auch wenn der Beat in ganz anderen Sphären weilt. Doch erst danach kommt mit "Knallbonbon" ein wirklich spannender Song.

Das erinnert nämlich in seiner Machart an die alten Zeiten, als in der Band noch Buddy Inflagranti (42) und Porky (42) dabei waren, die zur Urbesetzung gehörten. Zeitweise erinnert es an "Aufstand im Schlaraffenland" (2006). Eine weitere Überraschung ist der Song "Endlich autonom", der mit einem ruhigen Instrumentalabschluss vor sich hinfließt und damit einen Counterpart zu den letzten Alben setzt. Kurz darauf folgt mit "Party 2" die Fortsetzung von "Keine Party", denn "den DJ kenn ich schon aus Party 1."

"Richtig gutes Zeug" war die erste Single, die Deichkind als Vorboten von "Wer sagt denn das?" auf den Weg geschickt haben. Diese Art von Song, die eigentlich schon Grenzen der Musik in andere Bereiche überschreitet, ist typisch für Deichkind. Im dazugehörigen Musikvideo läuft Schauspieler Lars Eidinger (43, "Die Blumen von gestern") mit einer Pappfigur seiner selbst nackt durch einen Luxusshop. Sätze wie "Riecht ein bisschen komisch, aber schmeckt gut" und "hätt' ich echt Bock drauf, wirklich Junge" verleihen dem gewünschten Wahnsinn den letzten Schliff.

"Die rote Kiste" ist diesmal "Wo's das Feuer"

In den letzten Zügen des Albums bläst die "Sonate in F-Doll" dann nochmal ordentlich die Gehörgänge durch und ballert mit Prodigy-esken Beats um sich. Auch wenn "Alles außer Sunshine" eigentlich schon ein passendes Ende darstellt, folgt mit "Wo's das Feuer" noch ein - wiederum typisch für Deichkind - Ausflug in ein Fremdgenre. Was auf "Befehl von ganz unten" (2012) noch der Punksong "Die rote Kiste" war, ist dieses Mal ein Cloudrap-Track à la Bausa (30) und Konsorten.

Damit ist es dann aber auch getan. 18 Tracks machen "Wer sagt denn das?" zu einem unerwartet vielschichtigen Werk, das zwar durch die Entzerrung nicht mehr die von den letzten Alben bekannte Hitdichte hat, dafür aber der Kreativität ein wenig Freiraum schafft. Letztlich eine gute Entscheidung.

spot on news

*Wir arbeiten in diesem Beitrag mit Affiliate-Links. Wenn Sie über diese Links ein Produkt kaufen, erhalten wir vom Anbieter eine Provision. Für Sie entstehen dabei keine Mehrkosten. Wo und wann Sie ein Produkt kaufen, bleibt natürlich Ihnen überlassen.