Debatte um Wölfe geht auch 2021 weiter

Bekommt Hessen bald sein erstes Wolfsrudel?

Ein Wolf läuft durch ein Freigehege im Wildpark Alte Fasanerie.
Ein Wolf läuft durch ein Freigehege im Wildpark Alte Fasanerie.
© dpa, Boris Roessler, brx alf brx

11. Januar 2021 - 9:04 Uhr

Mehr Geld, mehr Zäune oder Abschuss? Debatte um Wölfe geht weiter

Zwei Tage war das neue Jahr alt, da war das Thema Wolf zurück: Im Vogelsbergkreis wurde ein Reh gerissen, möglicherweise von dem Raubtier. Der letzte Verdachtsfall des alten Jahres war da gerade sechs Tage alt. Der geringe Abstand zeigt: Die Debatte um den Wolf in Hessen dürfte 2021 schnell Fahrt aufnehmen.

Landesjagdverband: Hessen ist "erst am Anfang der Besiedlung"

Zwei sesshafte Wölfinnen gibt laut dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Eine lebt im Vogelsberg, die andere im Grenzgebiet zwischen Nord- und Osthessen. Hinzu kommen wandernde Tiere. Trifft dabei ein Männchen auf eines der Weibchen, könnte Hessen bald sein erstes Rudel bekommen. Das Bundesland sei "erst am Anfang der Besiedelung", glaubt auch der Landesjagdverband. Mehr Wölfe bedeuten mehr Konflikte. Denn neben Wildtieren gehören Weidetiere zur potenziellen Beute des streng geschützten Räubers. Dafür werden die Tierhalter finanziell entschädigt und beim Herdenschutz - dem Bau von Elektrozäunen - unterstützt. Doch die Debatte um dem Umgang mit dem Wolf wird eher schärfer.

"Der Wolf muss weg!": Verhärtete Fronten bei Naturschützern und Schafhaltern

06.02.2020, Hessen, Klein-Auheim: Ein Wolf läuft durch ein Freigehege im Wildpark Alte Fasanerie. Experten beobachten seit Jahren die Entwicklung der Wolfspopulation in Hessen, wobei vielfach nur «Durchzügler» beobachtet werden.
Experten sind sich einig:; Tendenziell wird es in Zukunft mehr Wölfe in Hessen geben.
© dpa, Boris Roessler, brx alf brx

"Die Lösung muss auf Wolfseite gefunden werden und nicht aufseiten der Weidetierhalter", sagt Burkhard Ernst, Sprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht- und -haltung. Bevor der erste Wolf über die die Grenze nach Hessen komme, müssten alle Herden mit einem Grundschutz ausgerüstet sein, damit der Wolf lerne, dass die Tiere keine leichte Beute seien. Das Problem: Für die in Hessen sesshaften Wölfe komme das zu spät. "Ich bin der klaren Auffassung, dass diese Wölfe Fehlverhalten zeigen", sagt Ernst. Es sei ein Irrglaube, dass man einem übergriffigen Tier das wieder abgewöhnen könne. Selbst Elektrozäune brächten nur etwas, wenn das Tier einen Schlag bekommen - was bei Bodenkontakt erfolge. "Wenn ein Wolf gelernt hat, über Zäune zu springen, ist das ein Problem."

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Abschuss von Wölfen ist rechtlich kaum möglich

Für die Schäfer ist die Schlussfolgerung: Die beiden Wölfinnen müssen weg - und das nach Möglichkeit, bevor sie Nachwuchs bekommen. Dabei komme nicht ausschließlich ein Abschuss infrage, auch ein Einfangen sei denkbar. Danach müssten alle Weidetierhalter mit einem Herdenschutzzaun ausgerüstet werden, damit neue Wölfe kein Fehlverhalten erlernten. Davon sei man allerdings weit entfernt. Thomas Norgall, Naturschutzreferent des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), beobachtet die Debatten mit Sorge: "Bundesweit sieht man eine gewisse Verhärtung der Fronten. Es gibt eine große Gruppe, die der Meinung ist: Der Wolf muss weg." Allerdings sei der Abschuss rechtlich kaum möglich und die Debatte darüber führe in eine Sackgasse. "Wir haben die Tendenz, dass wir eher mehr Wölfe in Hessen bekommen."

Hessisches Umweltministerium verspricht Finanzspritze für Schafhalter

Ein Schaf grast auf einer Weide an einem Weideschutzzaun
Weidezäune sind für Schafhalter oft die einzige Möglichkeit, ihre Herden vor Wolf-Attacken zu schützen.
© dpa, Sebastian Gollnow, scg nwi

Das hessische Umweltministerium setzt auf die Kombination von Entschädigung und Zuschüssen: "Oberstes Ziel ist, dass alle Schafhalterinnen und Schafhalter dabei unterstützt werden, einen Mindestschutz, den sogenannten Grundschutz, vorzunehmen", sagte eine Sprecherin. 2019 habe man die Herdenschutzprämie erhöht, damit Halter für sichere Zäune sorgen könnten. Zudem sei 2020 eine Weidetierprämie eingeführt worden, die soll die Existenz der Halter sichern. "Beide Förderungen werden finanziell noch einmal angehoben und Zugangshürden abgesenkt, sobald der Haushalt 2021 beschlossen ist."

Wölfe in Hessen: Ab wann wird ein Tier zum "Problemwolf"?

Der Umgang mit dem Wolf ist nicht allein eine Frage finanzieller Regelungen. Jäger fordern die Klärung vieler rechtlicher Fragen. "Für eine weit verbreitete Akzeptanz des Wolfes, vor allem auch in den ländlichen Regionen, halten wir klare Aussagen, Transparenz und klare Absprachen für unerlässlich", sagt Nadine Stöveken, Wildbiologin des Landesjagdverbands. Dazu gehöre die Festlegung, wann ein Tier als "Problemwolf" gelte, Verhaltensregeln für Jäger und Polizei bei einem Autounfall mit schwerverletztem Wolf und bei Angriffen auf Jagdhunde. Sollte Hessen sein erstes Wolfsrudel bekommen, könnte dies die Situation stark verändern. "Die Erfahrungen aus anderen Bundesländern zeigen deutlich, dass vor allem in den ersten Jahren der Etablierung das Wild sehr scheu reagieren kann, sehr heimlich wird oder sich in schwer bejagbare, größere Rudel zusammenstellt", sagt Stöveken. Das bringe eine größere Gefahr von Schäden auf Äckern und im Wald durch das fressende Wild. Dann seien ganz neue Lösungen nötig.

DPA/RTL.de