Das Nürnberger Los: Führerlos, ideenlos, trostlos

© dpa, Sven Grundmann

18. Oktober 2013 - 14:05 Uhr

Ein Spitzentrio im Gleichschritt, Torjäger mit Zielwasser und schon drei Trainer-Rauswürfe - die ersten acht Spieltage der 51. Bundesliga-Saison waren reich an Geschichten. Die sport.de-Redaktion zieht eine erste Bilanz und nimmt die 18 Vereine genauer unter die Lupe.

"Der 1. FC Nürnberg will im nächsten Jahr eine gute Rolle in der Bundesliga spielen und auch in der Saison 2014/15 erstklassig spielen. Das frühzeitig zu sichern, ist die Grundaufgabe, die über allem steht." So lautete die Direktive von FCN-Sportvorstand Martin Bader – ausgegeben kurz vor dem Beginn der 51. Bundesliga-Saison auf der Vereins-Homepage.

Etwas mehr als zwei Monate später sieht die Realität im Frankenland so aus: Der 'Club' lungert noch sieglos im Tabellenkeller herum, hat seinen Trainer vor die Tür gesetzt und ruft nach der berühmt-berüchtigten 'harten Hand'. "Highlights zu setzen", betonte Michael Wiesinger dereinst, sei das erklärte Ziel, ohne zu ahnen, dass seine Demission nach gerade einmal neun Monaten im Amt der erste echte Höhepunkt sein wird, den es beim FCN zu vermelden gibt.

Dabei hatte die Spielzeit durchaus vielversprechend begonnen, als sich die Nürnberger am Eröffnungs-Spieltag nach 0:2-Rückstand bei den in dieser Saison wieder hoch gehandelten Hoffenheimern ein Remis erkämpften. Es folgte ein erneutes 2:2 gegen die wildgewordene Hertha, die zuvor die Eintracht aus Frankfurt mit 6:1 massakriert hatte. Danach jedoch erhielt die Trostlosigkeit Einzug. Einziger Lichtblick: Das 1:1 gegen den BVB am 6. Spieltag. Zu wenig, um Erleuchtung zu bringen. Trügerische Punkteteilungen, bei denen man doch immer gefühlt als Verlierer vom Platz geht.

Eine Erkenntnis, die nach und nach offenbar die Selbstwahrnehmung der Spieler zutiefst irritiert hat. Beim 0:5-Debakel zuletzt gegen den Hamburger SV wirkte die Mannschaft um Kapitän Raphael Schäfer wie ein desorientierter Haufen Einzelspieler, denen alles zu schnell, zu weit und zu groß zu sein schien. Auch die Zwei-Stürmer-Taktik mit Zwei-Millionen-Neuzugang Josip Drmic und Tomas Pekhart, in der laufenden Saison noch ohne Torerfolg, blieb wirkungslos.

Kämpferisch kann man den Nürnbergern, die im Sommer etwas mehr als fünf Millionen Euro in neues Personal investiert haben, zwar nicht allzu viel vorwerfen. Spielerisch jedoch lief bislang herzlich wenig zusammen. Und nur mit Kampfeskraft wird dauerhaft noch nicht einmal mehr ein Blumentopf gewonnen.

Nürnberger Selbstverständnis: Comfort-Zone - unterer Rang

So bleibt der Traditionsverein wohl wieder einmal der Tradition treu, auffällig unauffällig zu sein. Graues Mittelmaß mit Hang zum Abstiegskampf. Bezeichnend: Wann immer es vor der Saison um Prognosen geht – der 1. FC Nürnberg taucht nicht auf. Kein Überraschungseffekt wird ihm prophezeit, kein 'Ausriss' nach oben. Er dient allenfalls als Sinnbild für Stagnation. Auch transfertechnisch sucht man nach Aha-Effekten vergeblich: Keine 'großen' Namen werden verpflichtet, aber eben auch keine 'großen' Namen in spe hervorgebracht. Was zumindest den einen Vorteil hat, dass keiner 'weggekauft' wird.

Im nachhaltigen Aufbau einer Offensiv-Kultur dürfte jedoch die Hauptaufgabe der 'Clubberer' liegen, um aus dem lähmenden Schatten der Konturlosigkeit hervorzutreten. Vor allem im Mittelfeld fehlt es an Ideen. Ein in die Jahre gekommener Markus Feulner, der vorzugsweise im Derby gegen den FC Bayern München zur Hochform aufläuft, es damit aber belässt, reicht nicht. Auch der eine oder andere Geistesblitz von Hiroshi Kiyotake kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Kreativ-Potenzial und die klare spielerische Linie weidlich überschaubar sind. Zumal Makoto Hasebe, für 1,5 Millionen Euro als 'Heilsbringer' aus Wolfsburg gekommen, seinen Platz im System augenscheinlich auch noch nicht gefunden hat.

Ebenfalls noch nicht gefunden ist bis dato ein neuer Coach. Wunschkandidat Christian Gross hat es dann doch vorgezogen, Privatier zu bleiben. Dabei hätte der charismatische Trainer, dem bisweilen mangelndes Einfühlungsvermögen attestiert wird, perfekt zum Anforderungsprofil der Nürnberger gepasst: Ein harter Hund, ehrgeizig, kompromisslos. So bleibt einstweilen offen, wer die Franken aus dem Tal der Tränen führen wird. Auch, wenn sich Bader auf der Mitgliederversammlung jüngst dagegen verwehrte, als Krisen-Club bezeichnet zu werden, so sollte der Nachfolger von Wiesinger –mit Verlaub – zumindest Krisenerfahrung haben. Um die Mannschaft wieder dorthin zu führen, wo sie nach klassischem Nürnberger Selbstverständnis hingehört: In die Comfort-Zone der Tabelle. Unterer Rang.