Das Interview: Thomas Sonnenburg über seine Arbeit

Streetworker Thomas Sonnenburg im Interview
Thomas Sonnenburg bekommt viele Hilferufe von verzweifelten Eltern.

Ein Schwerpunkt deiner Arbeit ist das Familiencoaching.

Wie muss man sich das vorstellen?

Nach einer umfangreichen sozialpädagogischen Anamnese berate ich mich mit meinem Team und entwickele individuell zugeschnittene Übungen für die jeweilige Familie.

Dabei wird der sozialpädagogische Fokus konkret auf das Zusammenleben innerhalb der Familie gelegt. Alle Übungen sind in sich methodisch aufgebaut und unterliegen einer Handlungsstruktur. Durch die Kenntnis der jeweiligen Problemlagen in den Familien und durch immer währendes Spiegeln von Verhaltensweisen, gelingt es mir, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl in den Familien zu erzielen.

Alle verwendeten Methoden sind praktisch erprobt und inhaltlich sowie sozialpädagogisch individuell. Das Coaching mit den Familien erstreckt sich über mehrere Tage und findet immer an einem anderen Ort, als dem zu Hause statt. Die neue und ungewohnte Umgebung, ohne den Luxus und Service der heimatlichen Wohnung, z.T. ohne Internet, ohne Strom und WC, ist dabei bewusst gewählt.

Wie viele Leute wenden sich durchschnittlich pro Monat an dich?

Diese Zahl schwankt sehr. Abhängig sind diese Zahlen vor allem von der Jahreszeit. In den Sommermonaten wenden sich sehr viel mehr Eltern an mich, weil da die jungen Menschen eher mal den Weg auf die Straße suchen und dem elterlichen zu Hause den Rücken kehren. Es sind in den letzten Jahren aber auch einige Zuschriften von Familienmitgliedern (Tante, Onkel, Großeltern, Geschwister usw.) auf der Homepage gewesen, die einfach Rat und Unterstützung zu allgemeinen Fragen der Erziehung, beim Umgang mit Drogen- und Alkoholmissbrauch, bei der Jobsuche usw. wollten. Hier fiel auf, dass die Hilfegesuche sehr gefächert sind und das es oft auch um Heranwachsende weit über das 18.Lebensjahr hinaus geht. Es wird deutlich, dass die Jugendhilfestrukturen in unserem Land ab einer bestimmten Altersgruppe oft nicht mehr greifen und deshalb eine private fachliche Beratung gesucht wird.

Wie kann man sich am besten an dich wenden?

In der Regel nehmen die Eltern, manchmal auch die Jugendlichen selbst, über das Formular auf meiner Homepage Kontakt zu mir auf: www.thomas-sonnenburg.de/kummerkasten. Die Eltern sind oft verzweifelt, weil sie nicht die gewünschte Hilfe vom zuständigen Jugendamt bekommen oder nicht in der Komplexität ihrer Sorgen umfassend wahrgenommen werden. Es melden sich aber mehr Menschen, als wir in der Sendung zeigen können und wollen. Für die neue Staffel haben wir daher gezielt Fälle ausgesucht.

Wo und wie findest du die ausgerissenen Jugendlichen?

Die Orte, wo sich jugendliche Ausreißer aufhalten, sind sehr unterschiedlich. Dennoch gibt es immer wiederkehrende Anlaufpunkte, wie z. B. Abrisshäuser oder Bahnhöfe. Durch eine gute und detaillierte Feldanalyse und entsprechende Kenntnis der Szenen, werden Aufenthaltsorte in den jeweiligen Städten schnell bekannt. Dorthin verlagere ich dann meine Suche. Eine große Hilfe und von enormer Wichtigkeit für mich ist dabei auch immer wieder der direkte Kontakt zu anderen Jugendlichen auf der Straße.

Zwischen der letzten und der aktuellen Staffel lagen vier Jahre Pause. Was hast du in den letzten Jahren gemacht?

In den vergangenen Jahren habe ich viel mediale Entwicklungsarbeit gemacht. So sind TV-Formate entwickelt worden, deren Ausstrahlungstermine noch auf sich warten lassen oder beim Zuschauer, als Neuentwicklungen, nicht den gewünschten Quotenerfolg erzielen konnten. Das Thema "Mobbing" lag mir dabei sehr am Herzen. Der 2012 bei RTL ausgestrahlte Film "Alptraum Mobbing", war für mich persönlich ein gutes und qualitatives Stück mediale und pädagogische Arbeit. Der Zuschauer hat dies nicht so gesehen und somit war das Thema vom "medialen Tisch". Schade, dass es uns nicht gelungen ist, dieses gesellschaftlich relevante Thema für ein breites Publikum aufzubereiten.

Neben der Arbeit fürs Fernsehen habe ich in den letzten Jahren auch Radio gemacht und gehe regelmäßig als Erziehungsexperte bei RS2 Berlin und auf Antenne Niedersachsen auf Sendung. Weiterhin habe einen Lehrauftrag an der SRH Hochschule Heidelberg und habe viele Vorträge zum Thema "Mobbing", "Jugendgewalt" und "Erziehung" gehalten.

Ab dem 23. März, montags um 21.15 Uhr starten neue Folgen "Der Ausreißer" bei RTL.

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In vielen Folgen bewegst du die Familien zu einer ungewöhnlichen Vertrauensübung. Woher nimmst du diese kreativen Ideen der Familienzusammenführung?

Jede Familie hat ihre ganz eigenen, gemeinschaftlichen Erlebnisse in ihrer Geschichte. Glücksmomente, die jede Familie so viele Probleme und Sorgen sie auch gemeinsam hatten und haben, erlebten. Diese positiven Anknüpfungspunkte versuche ich in den Biografien der Familien aufzuspüren. An diesen Erlebnissen möchte ich anknüpfen und sie aufleben lassen. Die Fronten zwischen den Familienmitgliedern sind oft schon so verfestigt und betonhart, dass sie sich an glückliche, entspannte und freundvolle Momente in ihrem Leben kaum noch erinnern. Aber genau das ist mein Fokus. Ich möchte diese festgefahrenen Strukturen in den Gesprächen, in den Wiedersehen und Begegnungen durchbrechen und sie an andere Gefühle aus der Vergangenheit erinnern. Dazu helfen solche Brücken, die Rückbesinnung auf ein Zusammensein, jenseits dieser Spannungen und Verletzungen.

Manchen Ausreißern folgst du sogar bis in andere Länder. Kennt deine Unterstützung auch Grenzen?

Was das Reisen anbetrifft, illustriert es in großem Maße die verschiedenartigen Wege unserer Ausreißer. Viele von ihnen müssen viel Land zwischen sich und ihren Familien lassen, um wieder frei atmen zu können und dem, was sie erlebt haben, für lange Zeit den Rücken kehren. Meine Entscheidung, jemanden von so weit weg zurück zu holen, ist immer eine sozialpädagogisch begründete Maßnahme. Es gibt Jugendliche, die einen längeren Aufenthalt an einem Ort nicht ertragen, weil sie damit verbinden, über sich und ihre Lebensumstände nachdenken zu müssen. Sie brauchen diese "Fluchten" als ständige Ablenkung, immer wieder neue Abenteuer zu erleben, immer wieder neue Leute kennen zu lernen. Ein Verweilen an einem Ort heißt für sie, sich mit unliebsamen Gedanken und Gefühlen auseinander setzen zu müssen. Dieses Reisen ist für sie Überlebensstrategie. Um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, muss ich mich auf ihren Lebensstil einlassen und unter Umständen auch tausende von Kilometern reisen.

Grenzen bilden für mich keine Kilometer, die ich auf mich nehmen muss, um den Jugendlichen näher zu sein. Grenzen verlaufen für mich an einer ganz anderen Stelle. Ich kann immer nur Unterstützung geben, wenn die Jugendlichen und ihre Familie diese zulassen. Ich mache keine Versprechungen, die ich nicht einhalten kann. Ich werde mich auch zukünftig bei den Jugendämtern für die Belange der Jugendlichen stark machen. Aber hier gibt es oft die vehementesten Grenzen der Unterstützungsangebote. Hier gilt es noch sehr viel an Überzeugungsarbeit zu leisten, um sich gegenseitig als Ressource zu nutzen.

Manche Teenager in der Sendung sind erst 14 Jahre alt. Reißen die Jugendlichen heute immer früher von zu Hause aus? Wie kommt es dazu?

Das Familienleben hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Sowohl die Familienzusammensetzungen, als auch die Einflüsse von außen und die Anforderungen an die Erziehung der nächst folgenden Generationen sind starken Veränderungen ausgesetzt. Mit diesen Phänomenen versuche ich mich gemeinsam mit meiner Mitautorin Simone Winkelmann in meinem Buch "Die Ausreißer - Der Weg zurück: Krisen erkennen, Strategien entwickeln, Handeln" (erscheint 4. 1. 2010) anzunähern und uns damit praxisnahe und gut verständlich auseinander zu setzen. In den Familien erleben wir heute immer häufiger, das Streits aus dem Ruder geraten und die Familie keine Strategien entwickelt hat, um sich ruhig und konstruktiv mit Problemen auseinander zu setzen. Sehr schnell wird gebrüllt, verletzt, körperlich gezüchtigt und zu guter Letzt auch weg gerannt. Heute wird dieses Weglaufen als gängiges Mittel benutzt, um Eltern unter Druck zu setzen, dem Willen der Jugendlichen nachzugeben. Allerdings ist dieses Druckmittel nicht gleich zu setzen mit dem Ausreißen, das ich in meinem Arbeitsalltag erlebe. Dazu gehören, wie vorher schon beschrieben, mehrere Faktoren. Allgemein lässt sich aber sagen, dass die Hemmschwelle, einfach mal eine Nacht weg zu bleiben und damit ein Zeichen zu setzen und den Eltern damit zu signalisieren: "So weit gehe ich", doch schon erheblich gesunken ist.

Viele deiner Schützlinge, wie der 17-jährige Daniel, reißen aus, um auf der Straße ihre Freiheit zu leben. Kannst du diesen Wunsch nachvollziehen?

Dem Terminus "Freiheit" begegne ich bei all meinen Jugendlichen, und jeder von ihnen hat eine andere Definition dafür. Mit Ausreißern verbindet man automatisch den Willen, unabhängig, autonom und selbst bestimmt zu leben. Ich versuche mit den Filmen, diesen Bedürfnissen auf den Grund zu gehen. Aber ist es wirklich die Freiheit, die diese Jugendlichen suchen? Was sucht Daniel tatsächlich? Ein Leben in einem so verfallenen Haus, dass er bei Minus 16 Grad auch gleich draußen schlafen kann? Jeden Abend so viel Alkohol zu trinken, dass er überhaupt einschlafen kann? Was ist der Grund, dass er dieses Leben dem in dem warmen Zimmer zu Hause in der Kleinstadtidylle vorzieht?

Aus meiner Sicht steht Freiheit als Synonym für Ausbruch aus einem Dilemma - Weg, weit weg, um nicht mehr Schmerz, Verletzung und Angst zu empfinden. All die Jungen und Mädchen mit denen ich arbeite suchen nicht Freiheit im philosophischen Sinne. Sie suchen einen Ort, an dem sie ihren Verletzungen nicht mehr schutzlos aufgeliefert sind. Sie suchen eine räumliche Trennung, um den Menschen, die sie lieben, die sie aber täglich aufs Neue enttäuschen, nicht mehr zu begegnen. Sie alle sind an einem Punkt angelangt, an dem der seelische Schmerz nicht mehr zu ertragen ist und die Straße der unausweichliche Zufluchtsort wird.