Kommentar zum brennenden Flüchtlingscamp

Das Feuer von Moria - ein Armutszeichen für jeden von uns!

10. September 2020 - 5:55 Uhr

13.000 Menschen fliehen vor den Flammen

Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos brennt. 13.000 Menschen, die in Europas größtem Flüchtlingslager in absolutem Elend lebten, sind nun auf der Flucht. Die Menschen dort haben alles verloren. 

Unser Reporter Alexander Oetker war 2015 als einer der ersten Reporter in Moria. Die Bilder des brennenden Camps bewegen ihn tief.

Ein Kommentar von Alexander Oetker

Alexander Oetker war 2015 auf Lesbos und im Flüchtlingslager Moria.
Alexander Oetker war 2015 auf Lesbos und im Flüchtlingslager Moria.
© Alexander Oetker

Ich sehe die emporschlagenden Flammen, ich höre die Schreie, ich vernehme die, die laut "Bye Bye Moria" rufen und sehe aber auch die Kinder, die in den Armen ihrer Mütter weinen, das Entsetzen kaum fassen können.

Und ich frage mich, warum all das nicht viel früher passiert ist.

Ich war als einer der ersten deutschen Journalisten in Moria, im Frühjahr 2015. Damals war das noch ein friedliches Lager am Rande eines Dorfes, es gab nur kleine Zäune, die Flüchtlinge konnten rein- und rauslaufen, konnten ins nahe Dorf oder einfach nur ein bisschen spazieren gehen, Ablenkung von der langen Warterei nach der Flucht.

Wir waren tagelang an den Stränden im Norden und Osten der Insel. Von dort aus sahen wir die Türkei, es sind acht Kilometer Wasser, an manchen Orten sogar weniger. Wir sahen die Boote, jede Nacht, jeden Tag, dutzende, gefüllt, überfüllt mit hunderten von Menschen. Flüchtlingen, die wochenlang auf der Flucht waren, und dann, auf der letzten gefährlichen Strecke übers bewegte Meer ihre Boote kurz vor dem griechischen Strand aufschlitzten, damit die Marine sie nicht zurückschicken konnte, in diesen schrecklichen Schlauchbooten. Auf dem Friedhof von Mytilini, der Inselhauptstadt, liegen die, die es nicht geschafft haben. Es gibt ein eigenes Massengrab für ertrunkene Kinder.

Moria wurde zur Hölle mit System

Fire burns container houses and tents in the Moria refugee camp on the northeastern Aegean island of Lesbos, Greece, on Wednesday, Sept. 9, 2020. A fire swept through Greece's largest refugee camp that had been placed under COVID-19 lockdown, leaving
Das brennende Flüchtlingscamp in Moria.
© AP, Panagiotis Balaskas, TS

Weil immer mehr Menschen kamen, wurde das Lager voller und voller. Als die Balkanroute geschlossen wurde, ließen die Griechen nur noch wenige Menschen von der Insel aufs Festland. Moria wurde durchorganisiert, nun war es eine Hölle mit System. Mit Zäunen, Stacheldraht, mit Containern, und all die Tausende, die nicht in den Containern schlafen konnten, schliefen in Urlaubszelten, dicht an dicht, im Winter ist es erbärmlich kalt.

Die Psychologin sagte uns damals, sie hätte nur noch eine Kollegin, dabei bräuchte sie zwanzig. Jeder Flüchtling sei traumatisiert, jeder. Kinder würden Reinigungsmittel trinken, um sich zu erlösen.

So ist Moria.

Und die Qual kann Jahre dauern – mancher Flüchtling lebt tatsächlich schon zwei oder drei Jahre in diesem winzigen Camp. Manches Kind kennt seit seiner Geburt nur Moria. Und Europa machte keine Anstalten, daran etwas zu ändern. Einzelne deutsche Bundesländer wollten Kinder aufnehmen, doch die Bundesregierung hat dies abgelehnt.

Und nun noch Corona. Lange haben die Griechen es geschafft, das Virus aus dem Camp zu halten. Allen war klar: hat es einer der Bewohner, wird es grassieren. So ist es gekommen. Die Quarantäne hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

Ihnen war seit Monaten klar: Wir werden nicht gehört, wir sind vergessen

 Tausende von Migranten flohen vor mehreren Bränden im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, die einen Großteil des wegen Covid-19 unter Quarantäne stehenden Lager zerstört hatten. In dem Lager und seiner Umgebung lebten rund 12.5
Tausende von Migranten flohen vor mehreren Bränden im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.
© imago images/ANE Edition, Panagiotis Balaskas via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Ich frage mich: Welche andere Möglichkeit hatten diese Menschen, ihrem Leid ein Ende zu setzen? Ein Zeichen zu setzen: Wir können nicht mehr. Also brennen wir das Lager ab.

Ihnen war seit Monaten klar: Wir werden nicht gehört, wir sind vergessen. Niemand will uns, nicht auf Lesbos, nicht in Deutschland, nirgendwo in Europa. Auch die Hilfsbereitschaft der sich aufopfernden Griechen war erschöpft.

Wir, in den reichen Ländern, die meisten Bürger, die Regierenden, sind mutlos. Die Griechen, gebeutelt von der Krise und von der Lage am Mittelmeer, sind hilflos.

In meinem neuen Roman "Und dann noch die Liebe" schreibe ich: "Ich möchte die Hölle von Moria vergessen". Weil das Vergessen so einfach ist. Wir alle haben diese Menschen vergessen.

Nun ist Moria Geschichte. Doch das Leid der Flüchtlinge geht weiter.

Und das ist nicht nur ein Armutszeugnis für Europa. Es ist ein Armutszeugnis für jeden von uns, der diese Katastrophe nur dann wahrnimmt, wenn sie mal wieder in den Nachrichten ist, wie eine alte Wunde, die nur noch schmerzt, wenn das Wetter schlecht wird.

Noch mehr Politik-News in unserer Videoplaylist

​Spannende Hintergrund-Reportagen zu gesellschaftspolitischen Themen wie Gesundheit, Schule oder natürlich auch zu aktuellen Corona-Maßnahmen, sowie interessante Interviews mit Politikern – das alles finden Sie in unserer Video-Playlist.

Politiker-Interviews im "Frühstart"

In der Interview-Reihe "Frühstart" treffen wir täglich spannende Gesprächspartner aus der Politik. In unserer Videoplaylist können Sie sich die Video-Interviews ansehen.