Das Alphatier Sigmar Gabriel

Demnächst Bankaufseher: Der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa/Archiv
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24. Januar 2020 - 18:16 Uhr

Abgeordneter in Land- und Bundestag, Ministerpräsident, Bundesminister, Vizekanzler, SPD-Vorsitzender - Sigmar Gabriel hat in seinem langen politischen Leben schon allerhand gemacht.

Als ausgewiesener Bankenfachmann ist er allerdings noch nicht in Erscheinung getreten - bis auf den Vorsitz des Verwaltungsrates der staatlichen Förderbank KfW. Doch ein Alphatier wie der Mann aus Goslar traut sich vieles zu. Und einmal mehr ist er mit der geplanten Übernahme eines Aufsichtsratsmandats bei der Deutschen Bank für eine Überraschung gut - und hat in den Augen seiner Kritiker erneut für einen Eklat gesorgt.

Es war im vergangenen Herbst, da stellte der Sozialdemokrat in Berlin das neue Buch von Wolfgang Kubicki vor und listete ein paar Beschreibungen des FDP-Vize auf: "Querulant des Nordens, Quartalsirrer, Enfant terrible, Paradiesvogel, Knallfrosch, Selbstdarsteller, Egomane, Zyniker, Abzocker, Windei, Schuft." Er könnte noch ein paar mehr solcher Beschreibungen über sich selbst hinzufügen, ergänzte Gabriel.

In die Politik fand Gabriel 1976 als Schüler über die sozialistische Jugendorganisation "Die Falken" und später als Student (Germanistik, Politik, Soziologie für das Lehramt in Gymnasien) im Kreistag und Stadtrat seiner Heimatstadt Goslar, wo er bis heute wohnt. 1990 zog er erstmals in den niedersächsischen Landtag ein. Als Gerhard Glogowski, der Gerhard Schröder als Ministerpräsident beerbt hatte, über eine Affäre stolperte, wurde Gabriel 1999 Regierungschef.

Die nächste Landtagswahl 2003 versiebte der heute 60-Jährige für die SPD allerdings. Er wechselte die Liga, ging aus dem beschaulichen Hannover nach Berlin, wurde Bundesumweltminister (2005-2009), SPD-Vorsitzender (2009-2017) und Wirtschaftsminister (2013-2017). Für Martin Schulz verzichtete er Anfang 2017 auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur und übernahm das Außenministerium, das er nach der Wahl 2017 gern behalten wollte, aber an Heiko Maas abgeben musste.

Einfacher Abgeordneter zu sein - das war für den Vollblutpolitiker Gabriel nichts. Anfang November vergangenen Jahres legte er sein Bundestagsmandat nieder. Es war das Ende seiner politischen Karriere, was ihn aber nicht davon abhält, sich weiter zu tagespolitischen Fragen zu äußern. Und indem er den Vorsitz der Atlantik-Brücke und eine Aufgabe bei der auf Politikberatung spezialisierten Eurasia Group übernahm, blieb er auch der Politik treu.

Den Wechsel in die Wirtschaft hätte der in zweiter Ehe mit einer Zahnärztin verheiratete Vater dreier Töchter beinahe schon im vergangenen Oktober vollzogen. Gabriel war als neuer Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) im Gespräch, verzichtete jedoch "nach reiflicher Überlegung und aufgrund anderer Aufgaben".

Die Deutsche Bank hat sich mit ihm einen Mann in den Aufsichtsrat geholt, über den die Meinungen weit auseinandergehen - von durchsetzungsstark und hochtalentiert bis sprunghaft und unberechenbar reichen die Attribute.

Quelle: DPA