2018 M10 17 - 15:44 Uhr

Ein Kommentar von Emmanuel Schneider

Die deutsche Nationalmannschaft steckt in einer Krise, keine Frage. Das WM-Aus war peinlich, die Niederlagen gegen Holland und Frankreich schmerzhaft. Dennoch wäre ein Abgang von Joachim Löw überzogen und kontraproduktiv. Alle einmal durchatmen bitte!

Löw zeigt Einsicht und stellt um

Es sind die Reflexe, die im Fußball als Teil des Geschäfts bezeichnet werden. Läuft es nicht rund, wird der Kopf des Trainers gefordert. Nun läuft es derzeit beim DFB-Team nicht rund, also Zeit für Joachim Löw, seine sieben Sachen zu packen?

So einfach ist es nicht.

Es war viel von einem "Endspiel" in Paris die Rede. Das DFB-Team hat zwar die Partie gegen Frankreich verloren, das eigentliche "Endspiel" um seine Person entschied Löw aber für sich.

Was soll man denn Löw bitteschön bei der Niederlage gegen den Weltmeister ankreiden? Fehlender Mut, Reformwille und Kreativität in der Aufstellung fallen schon mal weg. Das größte Problem im deutschen Team ist aktuell schlichtweg die Chancenverwertung.

Hinschauen sollten die Fans lieber auf die positiven Aspekte, die das Spiel offenbarte: Ein "Weiter so" war eben nicht erkennbar, Löw zog Konsequenzen: personell und taktisch. Der 58-Jährige schenkte dem quirligen, aber glücklosen Leroy Sane das Vertrauen von Beginn an, weitere Startelfeinsätze dürften folgen. Auch Serge Gnabry als dritte Offensivkraft neben Timo Werner und Sane war eine deutliche Belebung für das deutsche Spiel. Ein gestandener Ex-Weltmeister wie Thomas Müller blieb die Bank nicht erspart. Gut möglich, dass die früher gesetzte Bayern-Achse zukünftig im Nationalteam aufgelöst wird. Gut so!

Neue Taktik überrascht Weltmeister

Löw überraschte auch in taktischer Hinsicht, ließ gegen Frankreich hinten eine Dreierkette und im Angriff eine Dreierreihe auflaufen. Die Franzosen um Superstars wie Antoine Griezmann, Paul Pogba oder Kylian Mbappe waren in der Anfangsphase sichtlich überrascht. Der DFB-Konterzug rollte einige Male gefährlich vor das Tor. Das gibt Mut für die kommenden Aufgaben.

Für diese braucht der DFB keinen neuen Trainer. Der Umbruch hat gerade erst begonnen. Dass der Bundestrainer jungen Spielern eine Chance gibt, ist bekannt. 100 Debütanten verbuchten die Statistiker in der Ära Löw.

Der Bundestrainer hat in der Vergangenheit stets bewiesen, dass er sich und die Spielweise anpassen kann. Nach der WM 2010 zog er seine Lehren und stellte sein System um, weniger Hurra-Stil in der Offensive, mehr Effizienz. Vier Jahre später feierte das Team um Löw auch als Folge daraus den WM-Titel.

Und selbst wenn in der Nations League der Abstieg folgen sollte. War es nicht unter Fans und Medien im Vorhinein ausgemachte Sache, dass der neue Wettbewerb sinnlos und Zeitverschwendung sei? Jetzt plötzlich wird das Abstiegsszenario überdramatisiert. Wären die Schlagzeilen ähnlich, wenn es "nur" Freundschaftsspiele gewesen wären?​

Ruhe bitte!

Eine weitere ungeklärte und drängende Frage, die die "Jogi Raus"-Fraktion beantworten muss: Falls Löw abdankt, wer sollte ihm nachfolgen? Derzeit ist keine Lösung in Sicht, die sofortige Jubelstürme verspricht. Der prädestinierte Mann dafür ist Jürgen Klopp. Der reitet in Liverpool zurzeit auf einer Erfolgs- und Euphoriewelle und dürfte erst in einigen Jahren heißer Kandidat auf den Posten sein. Die großen deutschen Trainertalente wie Julian Nagelsmann (noch Hoffenheim, nächstes Jahr RB Leipzig) oder Domenico Tedesco (FC Schalke) haben mit ihren Bundesligateams noch viel vor.

Das DFB-Team ähnelt momentan ein bisschen einem etablierten Bundesliga-Team, das in den Abstiegskampf geschlittert ist. Mal segelt Manuel Neuer unglücklich am Ball vorbei, zuletzt kassierte die Elf einen völlig unberechtigten Elfmeter. Ex-Spieler vom Schlage eines Michael Ballack melden sich kritisch zu Wort, Unruhe kommt auf.

Dabei wäre Ruhe jetzt genau das Richtige. Lasst Jogi noch werkeln, zumindest bis zur EM 2020.

Und dann in Schönheit sterben? So läuft das nicht - und darum sollte Löw seinen Platz räumen!