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Darum sollte Joachim Löw als Bundestrainer den Weg frei machen

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Die WM in Russland nahm Bundestrainer Joachim Löw auch optisch mit. © imago/ActionPictures, Peter Schatz, imago sportfotodienst

Trotz aller Verdienste um den deutschen Fußball: Wir brauchen einen neuen Bundestrainer

Das sonst so akkurat gekämmte Haar wild zerzaust, der Blick leer, die Hände in die Hüften gestemmt - über den letzten Bildern von Joachim Löw aus der Coaching-Zone nach dem historischen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft lag mehr als nur ein Hauch von Abgesang. "Ein paar Stunden" brauche er, um das Grauen von Kazan zu verdauen, sagte er wie paralysiert. Aus den Stunden werden Tage, wie wir inzwischen wissen, doch am Ende seiner Gedanken kann Löw nur einen richtigen Schluss ziehen: Er sollte als Bundestrainer zurücktreten - sämtlichen Meriten zum Trotz.

Ein Kommentar von Steffen Schmidt

Joachim Löw krempelte den DFB erfolgreich um

2006 war Löw angetreten, um den deutschen Fußball vom Rumpeln zu entkernen. Er erschuf einen neuen Stil voller Tempo und Raffinesse, seine Mannschaft, die damals noch nicht "Die Mannschaft" hieß und deren Spiele man im Stadion noch ohne Mitgliedschaft im DFB-Fanclub sehen durfte, war bei Welt- und Europameisterschaften Stammgast unter den letzten vier Teams. Die ganze Welt huldigte dem deutschen Spiel mit den plötzlich so untypischen Tugenden. Doch zwölf Jahre später ist die Nationalmannschaft wieder da angekommen, wo sie herkam: beim Rumpeln.

Von dieser WM bleibt aus deutscher Sicht, mal abgesehen vom Aufbäumen gegen Schweden, nichts Positives zurück. Die DFB-Auswahl lieferte in Russland und den Wochen zuvor ein verheerendes Bild ab mit erschütternden Niederlagen gegen Österreich, Mexiko und Südkorea sowie krampfhaften Siegen gegen Saudi-Arabien und Schweden. Die Liste der Verfehlungen ist lang: Begonnen hat es mit der Missachtung sämtlicher Signale der vorherigen Testspiele und der Überhöhung der makellosen Qualifikation. Das letzte gute Spiel habe man "im Herbst 2017 gemacht, oder so", sagte Mats Hummels nach dem Korea-Fiasko.

Einstellungsprobleme und Selbstherrlichkeit

Weiter ging es mit dem Verzicht auf den pfeilschnellen Leroy Sané und dem Abservieren von kantigen Typen wie Sandro Wagner. Im Turnier missrieten die Matchpläne und die taktische Einstellung trotz des riesigen Scouting-Apparats komplett, gegen Mexiko wurde man vom Gegner gar überrumpelt. Ein Plan B? Existierte schlichtweg nicht.

Löw gab im Nachhinein zudem Einstellungsprobleme und eine gewisse Selbstherrlichkeit der Spieler vor dem Auftakt zu, die er mit seiner entrückten und beseelten "Ich bin der Weltmeister-Trainer"-Attitüde sicherlich zum Teil selbst geschürt hatte. Der ganze DFB-Tross wirkte im abgeschotteten Watutinki gefangen in seinem eigenen Kosmos.

Dass Löw Marco Reus gegen Mexiko für die wichtigen Spiele schonte, wie der Dortmunder in einem leichtsinnigen Moment enthüllte, entwickelte sich zum Boomerang. Stattdessen hielt der Bundestrainer zunächst in Nibelungentreue an formschwachen Spielern wie Sami Khedira, Mesut Özil, Thomas Müller oder Jerome Boateng fest, ehe ihn die Panik ergriff und er die Mannschaft in den weiteren Spielen komplett durch den Fleischwolf drehte.

Macht er weiter? Löw will in Ruhe entscheiden
Macht er weiter? Löw will in Ruhe entscheiden "Tiefgehende Maßnahmen" nötig 01:42

"BEST EVER REST" und "ZSMMNBRCH"

Geholfen hat alles nichts, das deutsche Spiel blieb von bemerkenswerter Apathie und Quergeschiebe geprägt, es fehlte an Geschwindigkeit, Ideen und Leidenschaft. Pressing oder Gegenpressing suchte man selbst gegen teils zweitklassige Spieler aus Korea vergeblich. Einzige Konstante war die Konteranfälligkeit nach den steten Ballverlusten. Selten war ein Ausscheiden in der Vorrunde verdienter. "BEST EVER REST" und "ZSMMNBRCH" statt "BEST NEVER REST" und "ZSMMN". "Die Mannschaft"? Führungslos in Grüppchenbildung aufgelöst. 

"Es braucht tiefgehende Maßnahmen, es braucht klare Veränderungen", erkannte Löw nach der Rückkehr. Die Probleme aus Russland lassen sich aber nicht so einfach abschütteln wie die Herbstblätter von den Birken in Watutinki. Mit dem Austausch einiger Spieler ist es nicht getan, der DFB benötigt einen unbelasteten Neuanfang mit frischen Ideen und neuen Herangehensweisen. Nach einem Dutzend Jahren sollte Joachim Löw den Weg dafür freimachen.

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