Rekordmengen an Ökostrom, aber trotzdem teurer?

Darum ist Ihre Stromrechnung ungerecht

Die Braunkohleverstromung ist hoch subventioniert, aber diese Kosten tauchen auf Ihrer Stromrechnung nicht auf.
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03. August 2020 - 14:59 Uhr

Energieexpertin Verlinden erklärt, was sich ändern muss

Rekordmengen an Wind- und Solarstrom werden ins Stromnetz eingespeist, aber die Stromrechnung wird höher. Das ärgert viele Verbraucher und es fördert nicht die Akzeptanz der Erneuerbaren Energien. Wir erklären Ihre Stromrechnung und zeigen Ihnen, was wirklich ungerecht ist. Und was mit unserer Energie geschehen muss.

Die Erneuerbaren sind nicht schuld am hohen Strompreis

Die Umlage für das Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG) steigt, der Strom wird teurer – so blicken viele Stromkunden misstrauisch auf ihre Stromrechnung. Mehr als 6 Cent pro Kilowattstunde müssen die Kunden derzeit für die Förderung der erneuerbaren Energien berappen. Das stärkt natürlich nicht das Vertrauen in die Erneuerbaren. Doch die sind nicht schuld am hohen Strompreis.

Zunächst einmal eine kleine Begriffsklärung: Was ist die EEG-Umlage?

Mit der EEG-Umlage soll der Ausbau der Erneuerbaren Energien finanziert werden. "Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen, die Strom in das Netz der öffentlichen Versorgung einspeisen, erhalten dafür eine festgelegte Vergütung", schreibt die Bundesnetzagentur. So weit – so gut. Warum aber steigt die EEG-Umlage immer weiter an, obwohl immer mehr grüner Strom einfließt?

Schuld daran ist das sogenannte EEG-Paradox, das 2010 von der CDU/FDP-Regierung produziert wurde: Der Strom wird an der Strombörse gehandelt. Wenn nun mehr Strom da ist, fallen die Preise. Die Differenz zwischen Strompreis und der festen Vergütung, die die Anlagenbetreiber für ihren grünen Strom erhalten, steigt an. Die Verbraucher müssen diese Differenz nun wieder ausgleichen – über Strompreiserhöhungen. Vereinfacht lässt sich sagen: Je stärker die Erneuerbaren Energien den Strompreis senken, desto höher steigt die EEG-Umlage.

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Grünen-Sprecherin Verlinden: Die Energiewende ruht auf den Schultern der Privathaushalte

Julia Verlinden, Energiepolitischer Sprecherin der Grünen, fordert, die Privathaushalte zu entlasten.
Julia Verlinden, Energiepolitischer Sprecherin der Grünen, fordert, die Privathaushalte zu entlasten.
© fotografin Sandra Koenig, www.fotografin.info

Warum ist das unfair? Aus zweierlei Gründen: Denn so wurden die Erneuerbaren das Opfer ihres eigenen Erfolges. Außerdem können die großen energieintensiven Betriebe starke Rabatte bekommen. Diese Industrierabatte müssen alle anderen Stromverbraucher mittragen. Das heißt, die Förderung der Erneuerbaren ruht auf den Schultern der Privathaushalte. Hingegen dürfen die Industriekunden den Strom auch noch direkt an der Börse einkaufen. Da ist er ja billig.

"Das grundlegende Problem besteht in der ungerechten Verteilung der Energiewendekosten in Deutschland", sagt Julia Verlinden, Energiepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, im Gespräch mit RTL/wetter.de. "Während die größten Stromverbraucher als energieintensive Betriebe kaum EEG-Umlage zahlen, zahlen die Privatverbraucher und kleineren Betriebe für diese mit. Die Energiewende wird also größtenteils von Privathaushalten und mittelständischen Unternehmen bezahlt, das kostet sie pro Jahr rund 4,5 Milliarden Euro", so Verlinden weiter.

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Zusatzkosten für fossile Brennstoffe stehen nicht auf der Rechnung

Verlinden fordert, mehr in Erneuerbare Energien zu investieren, sonst verfehlen seien die Pariser Klimaziele in Gefahr.
Verlinden fordert, mehr in Erneuerbare Energien zu investieren, sonst verfehlen seien die Pariser Klimaziele in Gefahr.
© dpa, Hendrik Schmidt, hsc wst

Und dann gibt es noch einen miesen Taschenspielertrick auf der Stromrechnung: Bei den Erneuerbaren findet der Kunde die Zusatzkosten für die Umlage transparent auf der Rechnung. Bei den Konventionellen Energien wie Braunkohle und Atomenergie findet die Förderung versteckt statt – sie wird nicht auf der Rechnung aufgeführt, da sie zum Beispiel über Steuergelder gelenkt wird.

Mittlerweile fallen die Kosten bei den Erneuerbaren – sogar schneller als erwartet. Vor allem Solarstrom kann günstiger produziert werden als der vielgepriesene Strom aus den Gaskraftwerken Erneuerbare sind günstiger als der Neubau eines Atom oder fossilen Kraftwerks. Und die Erneuerbaren haben ein weiteres Problem: Sie können schnell abgeschaltet werden. Das ist bei den schmutzigen Braunkohlekraftwerke nicht möglich. Das führte dazu, dass 2019 fast 3 Prozent des Ökostroms nicht genutzt wurden. Um Ökostrom vollständig nutzen zu können, müssen fossile Kraftwerke ganz abgeschaltet werden oder flexibler laufen.

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Grüne fordern: Privatkunden deutlich entlasten ist möglich

Sonne und Wind erzeugen billigen Strom, aber die Stromrechnung wird höher. Warum ist das so?
Sonne und Wind erzeugen billigen Strom, aber die Stromrechnung wird höher. Warum ist das so?
© dpa, Tom Weller, axs

Verlinden sagt, die Energiewende zu verlangsamen und weiterhin auf fossile Energiequellen zu setzen, sei nicht die Lösung. "Wenn wir die Klimaziele von Paris erreichen wollen, müssen wir mehr in Erneuerbare Energien investieren und schneller aus schmutziger und teurer Energie, wie Kohle, aussteigen. Diese Investitionskosten für die Energiewende müssen gerecht auf mehr Schultern verteilt werden. Deswegen muss die Zahl der Unternehmen, die Strompreisrabatte bekommen reduziert werden. Dann können Privatkunden deutlich entlastet werden, ohne dass Klima und Umwelt leiden", erläutert die Expertin.

"Aber es geht noch mehr", so Verlinden abschließend: "Diese Industrieprivilegien könnten über den Bundeshaushalt statt über die Stromrechnungen der einzelnen Verbraucherinnen und Verbraucher finanziert werden. Es ist ungerecht, dass die privaten Stromkunden für die Industrie mitbezahlen müssen."

Von Oliver Scheel