Danner: "Vettel ist in der wahren Welt angekommen"

Sebastian Vettel, Red Bull
Sebastian Vettel kämpft noch mit sich, seinem Auto - und mit Nico Rosberg und dem dominierenden Silberpfeil.
Getty Images, Bongarts

Die Formel 1 startet neu, und nach drei Rennen zieht RTL-Kommentator Christian Danner ein positives Fazit. Im Interview erklärt er, warum es Weltmeister Sebastian Vettel schwerer hat, wer der bessere Mercedes-Pilot ist - und verteilt eine harte Schelle an Ferrari.

Als Nico Rosberg in Bahrain aus dem Auto gestiegen ist, hat er gesagt, es sei das beste Rennen gewesen, dass er je gefahren ist. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone dagegen hat gesagt, diese Show könne man den Motorsportfans nicht mehr anbieten. Was denn nun?

Bernie Ecclestone hat es vor dem Rennen gesagt, Nico Rosberg nach dem Rennen. Damit ergibt sich, dass Nico Rosberg richtig liegt und Bernie Ecclestone falsch. Vor dem Rennen haben Ecclestone und Luca di Montezemolo furchtbar geschimpft, das sei alles nichts Gescheites. Gott sei Dank sind diese Leute Lügen gestraft worden, weil das Rennen wirklich Weltklasse war. Das zeigt, dass man mit einer neuen Formel einfach ein bisschen abwarten muss. Es entwickelt sich schon in die richtige Richtung.

Was genau war denn so toll an diesem Rennen?

Das war vor allem der Kampf an der Spitze. Die Mercedes waren beide sehr überlegen, aber im Gegensatz zu dem, was wir bei Ferrari und Red Bull über Jahre hinweg gesehen haben, haben die Verantwortlichen Nico Rosberg und Lewis Hamilton frei fahren lassen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das war nicht nur eine sehr mutige Entscheidung, sondern auch eine richtige Entscheidung für den Sport.

Wie lange kann Mercedes das durchhalten? Wenn der Titelkampf sich zuspitzt, braucht es doch eine Stallorder, oder nicht?

Erst einmal nicht. Sie haben zwei Piloten, die die Sache unter sich ausmachen. Ich glaube, die Verantwortlichen denken sich: Solange wir das Ding so unter Kontrolle haben, dürfen die machen was sie wollen. Es sind ja nicht nur zwei Weltklassefahrer, sondern auch zwei sehr faire und intelligente Fahrer. Die sind zwar hart gefahren, haben sich aber nicht weh getan, sind sich nicht ins Auto gefahren.

Die direkten Duelle hat bisher Lewis Hamilton gewonnen. Ist er der bessere Fahrer?

Nein, nein, auf keinen Fall. Die sind absolut auf einem Niveau. Ich glaube über eine Saison hinweg ist Nico Rosberg der Bessere, weil er konstanter ist. Lassen Sie mich das so erklären: Rosberg ist in Malaysia, wo Hamilton dominiert hat, nicht ganz mitgekommen, weil er ein paar Problemchen hatte. In Bahrain hätte Rosberg gewonnen, wenn er nicht den Start vermurkst hätte. Das kann mal passieren. Das heißt noch lange nicht, dass der eine besser ist als der andere. Ich halte Rosberg einfach nur für den ausgeglicheneren, solideren Fahrer.

Sie haben von dem Rennen in Bahrain geschwärmt - aber inwiefern hängt dieses Spektakel mit den Regeländerungen vor der Saison zusammen?

Das Entscheidende ist, dass die Hierarchie etwas durcheinander geraten ist. Dass Red Bull nicht mehr automatisch vorneweg fährt und Vettel das nach Hause schaukelt. Sondern dass jetzt - Mercedes vorne mal weggenommen - ein Mittelfeld entstanden ist, das unfassbar tollen Motorsport zeigt. Das sind zwei Force India, das sind die Red Bulls, das sind die beiden Williams, die beiden Ferrari, die hin und wieder mal mitkommen. Das ist einfach sagenhaft, und das liegt an den neuen Regeln. Ohne die wäre alles geblieben wie in den vorherigen Jahren.

Wie nimmt es eigentlich Red Bull auf, dass diese Entscheidung getroffen wurde, um ihre Vorherrschaft zu brechen?

Da muss ich widersprechen. Der Grund dieser Regeländerung war nicht, die Vorherrschaft von Red Bull zu brechen, auf gar keinen Fall. Das hatte andere Gründe, aber als Folge ist an der Spitze neu gemischt worden. Und das hat der Formel 1 noch immer gut getan. Die besten sind am Schluss sowieso vorne, und da wird auch Red Bull wieder dazugehören, gar keine Frage. Nur dauert es ein bisschen, weil die neuen Motorenregularien eingeführt wurden - die wurden gemeinsam erarbeitet von den Herstellern der Motoren, vom Weltverband FIA und den Teams und im Jahr 2011 verabschiedet. Alle, die jetzt den Mund aufmachen, haben das so gewollt. Es war gewollt, ein modernes Motorenkonzept zu haben, wo Energierückgewinnung auf modernster technischer Ebene stattfindet. Ein Hybrid, der auch im Serienbau verwendet wird, das war die Zielsetzung, das haben alle einstimmig abgesegnet. Das war der Grund, nicht die Vorherrschaft von Red Bull.

Alle haben zugestimmt, aber wie erklären Sie sich denn nun die Kritik von zum Beispiel Ferrari?

Luca di Montezemolo, der Chef von Ferrari, tendiert dazu, zu sagen, alles sei schlecht - wenn er nicht gewinnt. Als er gewonnen hat und Michael Schumacher in einer erdrückenden Dominanz alles in Grund und Boden gefahren hat, als keine Rennen mehr stattfanden, weil Schumacher innerhalb des Teams mit Rubens Barrichello und Eddie Irvine Kollegen hatte, die vom Gas gehen mussten, wenn der Chef nur in die Nähe kam - da hat kein Mensch bei Ferrari was auszusetzen gehabt. Als Red Bull dominiert hat, hat di Montezemolo gesagt, es sei alles ganz furchtbar, weil die Aerodynamik so wichtig ist. Er hätte gern mehr Motoreneinfluss. Das hat er jetzt bekommen, und was ist? Jetzt gefällt's ihm wieder nicht, weil sein Team schlecht gearbeitet hat. So muss man das sehen.

"Formel 1 braucht nur eine Kostenbremse"

Lassen Sie uns über zwei Veränderungen reden, die für Irritationen gesorgt haben. Zuvorderst der Sound - wie klingt der eigentlich an der Strecke?

Der klingt gar nicht schlecht. Er klingt natürlich anders, aber gar nicht schlecht. Dass man aufpassen muss, dass die Fans auch bekommen, was sie wollen, das ist akzeptiert. Wenn man es gerne etwas lauter hätte, wird man da schon Mittel und Wege finden. Aber dass es anders klingt, liegt einfach daran, dass es andere Motoren sind, das ist ganz normal. Es gibt übrigens auch schon Bestrebungen, das Soundthema zu verbessern.

Ist das Ihrer Ansicht nach notwendig?

Nein. Aber ich bin jemand, der Volkes Stimme und die Meinung der Fans akzeptiert. Wenn die das ein bisschen lauter haben wollen, ja in Gottes Namen, dann machen wir es halt ein bisschen lauter. Ich persönlich komme prima damit klar, ich habe nichts daran auszusetzen, dass mir nicht die Blutstropfen aus den Ohren laufen, wenn ein Rennauto an mir vorbeifährt.

Das andere Thema ist das Spritsparen. Muss die Formel 1 da eine Vorreiterrolle übernehmen - oder muss man eher sagen: Meine Güte, es ist Sport, lasst die doch das Benzin da durchblasen!?

Wie immer im Leben muss man einen richtigen Kompromiss finden. Das Spritspar-Thema ist eine Angelegenheit, die es in der Formel 1 seit ihrer Existenz gibt. Mit den Achtzylinder-Motoren der letzten Saison war Spritsparen genauso wichtig. Mit je weniger Sprit ich losfahren konnte, umso leichter war ich, das war ein klarer Performance-Vorteil. Dass es jetzt so restriktiv gehandhabt wird, halte ich für richtig, für gut und zukunftsweisend. Lassen Sie es uns auf den Punkt bringen: Die, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, kommen problemlos über die Distanz. Gucken Sie auf Mercedes: Nicht nur, dass sie zwei Piloten haben, die sowieso alles in Grund und Boden fahren - die lassen die volles Kanonenrohr weiterfahren bis zur schwarz-weiß-karierten Flagge. Da wird überhaupt kein Sprit gespart. Das ist so, wie es sich gehört. Wenn Ferrari so einen schlechten Motor baut, dass denen der Sprit ausgeht, wenn die Fahrer nicht fahren wie eine Oma, dann ist das ein Ferrari-Problem, aber kein Formel-1-Problem.

Wir haben über Mercedes gesprochen, auch über Ferrari - aber was ist mit Red Bull und Sebastian Vettel? Der Titelverteidiger kommt momentan schlechter in Gang als sein Teamkollege. Warum fährt dieser Jungspund Daniel Ricciardo einem vierfachen Weltmeister weg?

Sebastian Vettel hatte vorher ein relativ angenehmes Leben mit seinem Teamkollegen. Den Mark Webber hat man psychisch von Haus aus nicht nur unter Druck gesetzt, sondern klar in die Schranken gewiesen. Was wir bei Mercedes sehen, dass das Team-Management zwei Fahrer, die in einem überlegenen Auto sitzen, frei fahren lässt, das gab es bei Red Bull nie. Erinnern wir uns, wie Webber immer zurückgepiffen wurde. Das ist jetzt anders, da fährt ein junger Mann, der erstens richtig Gas gibt, und zweitens ist die Großwetterlage eine andere. Red Bull ist nicht überlegen und fährt vorneweg und Vettel gewinnt immer, sondern die sind froh über jeden Punkt, den sie kriegen können. Dieser Ricciardo fährt nicht mit einem Hindernis, er kann losfahren wie er will. Das ist einer der Gründe, warum er so frei, frisch und frech auftrumpfen kann. Das finde ich sehr gut, auch für Vettel sehr gut, der ist für mich eh der Bessere der Beiden. Aber es ist ganz gut, wenn man mal zurück in die wahre Welt kommt.

Was verwundert, sind die Probleme an Vettels Wagen, gerade im Gegensatz zu Ricciardos. Eigentlich müsste doch der Weltmeister das bessere Auto bekommen.

So einfach ist das nicht, die Zusammenhänge sind hochkomplex. Wenn was schiefgeht, geht's schief. Die Autos sind gleich gut, gleich gut vorbereitet, der eine hat bis jetzt ein bisschen mehr Pech gehabt. Das nivelliert sich im Laufe der Saison.

Der Große Preis in China steht an, wer siegt?

Der Favorit heißt für mich Nico Rosberg. Der hat dort seinen ersten Grand Prix gewonnen, er fühlt sich dort zuhause, er hat das richtige Auto, da passt alles. Der nächste Favorit ist Mercedes. Und dahinter ist es so eng und so toll, da werden wir ein spannendes Rennen sehen. Der McLaren wird zum Beispiel besser sein. Die da hinten sind ja alle gleich schnell. Das ist toll.

Es wird weitere Treffen geben zwischen Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und dem FIA-Präsidenten Jean Todt. Welche Verbesserung braucht es noch?

Die Formel 1 braucht eine Kostenbremse, und sonst nix. Den Rest kann man lassen, wie es ist. Passt alles.

Quelle: n-tv.de