Cybermobbing in der Pandemie

Meteorologen als Ziel von Internet-Trollen

Darum glauben viele Menschen an Verschwörungstheorien Jeder Dritte glaubt daran
02:32 min
Jeder Dritte glaubt daran
Darum glauben viele Menschen an Verschwörungstheorien

von Karim Belbachir

Das sogenannte Trollen von Meteorologen in den sozialen Netzwerken hat zugenommen. Das gilt vor allem dann, wenn die momentan heißen Temperaturen in den Zusammenhang mit dem Klimawandel gesetzt werden. Dann treten nicht selten Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Erleben wir gerade auch einen zivilisatorischen Klimawandel?

Im Video: Darum glauben so viele Menschen an Verschwörungstheorien

Internet-Trolling nimmt zu

Internet-Trolle machen Wetterexperten das Leben schwer
Meteorologen stellen eine Zunahme des Mobbings in den sozialen Medien fest. Immer mehr Internet-Trolle tummeln sich in den Kommentarspalten.
iStockphoto

Das Trolling (dt. trollen), also das mutwillige Verbreiten von Falschinformationen, um die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zu untergraben, nimmt immer mehr zu. Und es trifft selten die Wissenschaft im Allgemeinen, sondern Gruppen von Wissenschaftlern oder Experten und Einzelpersonen. In Großbritannien berichtete der Sender BBC, dass während des Temperaturrekords auf der Insel die Meteorologen gerade in den sozialen Medien einiges an den Kopf geschmissen bekamen.

Gerade wenn der Temperaturanstieg mit dem Klimawandel in Bezug gesetzt wurde, nahmen die Aussagen in den Kommentarspalten der Posts skurrile Züge an. Neben persönlichen Beleidigungen gab immer wieder die These zu lesen, den Klimawandel gebe es nicht. Bei der Prognose von 40 Grad in Großbritannien kam von den sogenannten Internet-Trollen der Vorwurf künstlich und unnötig Angst zu schüren. Selbst die berühmteste aller Verschwörungstheorien, nämlich die der Chemtrails wurde wieder ausgegraben.

Unsachliche Kommentare

Paul Heger bei RTL -Aktuell
Meteorologe Paul Heger moderiert für RTL das Wetter im Fernsehen.
privat

Aber nicht nur in Großbritannien sahen sich Meteorologen den Internet-Trollen ausgesetzt. Auch hierzulande sind die Kommentarspalten voll mit Äußerungen, die bis unter die Gürtellinie reichen. Wetter.de-Meteorologe Paul Heger, der viel in den sozialen Medien unterwegs ist, kann ein Lied davon singen.

„Wenn ich über den Klimawandel und seine Rekorde berichte, neue Extremwetterlagen ankündige und sie einordne, kommen immer häufiger Kommentare, die unsachlich bis angreifend werden“, erzählt der Meteorologe. Es ginge dabei selten um Fakten: „In den Kommentarspalten und in persönlichen Nachrichten werden passiv aggressiv Belege für den Klimawandel verlangt. Lässt man sich auf diese Debatte ein, wird schnell klar, dass kein sachlicher Diskurs gewünscht wird, denn die Existenz von Datenreihen und Wissenschaft wird in Gänze in Frage gestellt.“

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Kraftraubender Kleinkrieg

Sperre für Trolle im Internet
Oftmals hilft nur ein Blockieren der Personen, wenn die Diskussion ins Nirgendwo führt.
iStockphoto

Hier muss der Weg allerdings noch nicht zu Ende sein: „In den absurdesten Fällen werden wir öffentlich angeklagt, dass wir Temperaturen von 40 Grad vorhersagen und dann auch produzieren, um Recht zu behalten. Wir sind dann keine Wettervorhersager, sondern -macher.“ Das klingt zwar erst mal lustig, doch kann das auf Dauer natürlich anstrengend sein.

Gerade wenn einem Klimaleugner Fakten oder Messreihen präsentiert werden, fühlt sich so mancher erst recht angestachelt, äußerst zweifelhafte Artikel entgegen zu setzen. Um einem zeit- und kraftraubenden Kleinkrieg aus dem Weg zu gehen, der zu nichts führt, gibt es für Heger manchmal nur eine Lösung: „Ohne Blockieren geht es nicht.“

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Selbst mehr Arbeit hilft nicht

Philippe Ernzer ein selbstständiger Meteorologe aus Luxemburg hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Dabei sei auch bei ihm das Spektrum der Angriffe vielfältig. „Es geht von persönlichen Angriffen bis zu Vorwürfen, ich werde von irgendwelchen Eliten bezahlt, um die Unwahrheit zu verbreiten“, erklärt Ernzer.

Selbst wenn der 24-Jährige wissenschaftliche Tatsachen vorlege, sei eine Diskussion meist gar nicht erwünscht. „Anfangs wollte ich oft noch antworten mit Fakten und Quellenangaben und habe mehr Arbeit investiert.“ Gelohnt habe es sich aber nicht, denn die Unterhaltung driftete sehr schnell in Beleidigungen ab. „Man merkt dann schnell, dass man mit solchen Menschen nicht normal reden kann.“ Vielmehr scheine das Ziel zu sein, den Meteorologen auf allen möglichen Plattformen zu diskreditieren. In extremen Fällen gab es auch schon Gewaltandrohungen.

Zunahme der Anfeindungen während der Corona-Pandemie

Gerade während der Corona-Pandemie hat Ernzer eine Zunahme der Anfeindungen festgestellt: „Vor der Corona-Krise gab es höchstens mal die Chemtrails. Seit der Krise, vermuten Menschen hinter jeder Veröffentlichung eine Verschwörung. Es ist fast schon wie eine Pandemie in der Pandemie.“

Aber woran liegt es, dass es eine spürbare Zunahme der Internettrolle gibt? Eine Antwort liefert der Diplom-Psychologe, Dr. Dirk Baumeier: „Wir erleben auch einen zivilisatorischen Klimawandel. Die Gletscherzungen guter Manieren schmelzen ab. Die Zündschnüre verkürzen sich und wir finden eine wachsende Unfähigkeit, auf Reize mit der angemessenen Energie zu reagieren. Dass auch der Wetterbericht inzwischen zum Reizfutter in verschiedene Richtungen geworden ist, vertreibt das landesübliche Grau aus dem deutschen Wetter.“

Detox-Phase als Ausweg

Soziologe Matthias Quent
Soziologe Matthias Quent.
deutsche presse agentur

Aber auch die Gründe für Verschwörungstheorien wurden mehrfach untersucht. Der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent hatte sich 2020 dem Thema gewidmet, aber keine Zunahme dieser Mythen in den vergangenen Jahren feststellen können. Stattdessen verbreiteten sich die Nachrichten seiner Meinung nach über die sozialen Netzwerke wesentlich schneller und befänden sich gerade während der Pandemie in ihrer Hochphase. Verschwörungstheorien dienten dazu, den von manchen Menschen empfundenen Kontrollverlust zu kompensieren. Die von Meteorologen weltweit gesammelten Klimadaten ändern sich aber deshalb nicht.

Ein Tipp gibt er den Wetterexperten aber noch mit auf den Weg: „Als Psychologen raten wir zur gesunden Mitte und einem heiteren Gemüt. Wenn in den sozialen Medien Pfeile aus dem Köcher gezogen werden, sollten sich die betroffenen Meteorologen eine Detox-Phase gegen Innenweltvergiftungen verordnen und dasjenige ignorieren, was nicht gut bekömmlich ist.“

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(kfb)