Experten schlagen Alarm

Wegen Coronavirus: Medikamenten-Engpässe in Deutschland weiten sich aus

Produktionsausfälle in China wegen des Coronavirus könnten nach Ansicht von Pharmaexperten Lieferengpässe verschlimmern (Archivbild)
© dpa, Friso Gentsch, frg fpt ade fgj

24. Februar 2020 - 9:56 Uhr

Apotheken haben Bestell-Schwierigkeiten

Online kaufen, online bezahlen und am nächsten Tag das Paket erhalten - inzwischen alltäglich in Deutschland. Da sollte man doch eigentlich glauben, dass das bei Medikamenten genauso ist. Sei es nun online oder bei der Apotheke nebenan. Doch in letzter Zeit verlassen immer mehr Patienten die Apotheke mit leeren Händen: Medikamente sind nicht vorrätig und der nächste Lieferzeitpunkt ungewiss. Wie kann das sein?

Produktionsausfälle behindern das Angebot

Das Problem ist ein Arzneimittel-Lieferengpass. Das bedeutet, dass die Lieferkette von Arzneimitteln beispielsweise durch Produktionsausfälle unterbrochen wird. Laut des Deutschen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) spricht man bei Humanarzneimitteln ab einer zweiwöchigen Lieferunfähigkeit von einem Lieferengpass. In den letzten Jahren traten sie vermehrt auf, zunehmend auch für lebenswichtige Medikamente. Die Ursachen dafür sind vielfältig, und durch den Ausbruch des Corona-Virus dürfte sich die Situation noch verschlimmern.

Es herrscht enormer Kostendruck

Viele Pharmahersteller produzieren in China, um die Produktionskosten niedrig zu halten. Je billiger die Produktion, desto mehr Gewinn ist möglich. Der Arzneimittelmarkt ist ein Markt wie jeder andere, und auch wenn Pharmakonzerne Mittel zur Linderung von Krankheiten vertreiben, so sind sie eben doch Unternehmen und keine Wohltätigkeitsorganisationen.

Das Gleiche gilt für Krankenkassen. Auch die stehen im Konkurrenzkampf untereinander und sind froh, wenn sie Kosten sparen können. Hier ergibt sich folgendes Problem: Möglicherweise gibt es viele Firmen, die ein Medikament herstellen, den Wirkstoff aber beziehen sie aus derselben Quelle. Treten bei der Produktion oder auf dem Lieferweg Probleme auf, wie zum Beispiel eine Verunreinigung des Wirkstoffes oder die Pleite eines Subunternehmens, sind alle Arzneimittelhersteller davon betroffen.

Apotheker und Ärzte warnen schon seit langer Zeit

Solche Lieferengpässe liegen selten bei Dingen wie Abführmitteln oder Halstabletten, sondern meist bei teilweise lebenswichtigen Medikamenten vor. Apotheker und Ärzte weisen seit langer Zeit darauf hin, dass dieses Problem immer größer wird. Gerade bei Antibiotika hat China seine Chance ergriffen und massiv in Produktionsstätten investiert.

Ein weiteres Problem sind die Rabattverträge, die Krankenkassen mit Medikamentenherstellern schließen. Hat also Krankenkasse X mit Hersteller Y einen Rabattvertrag über ein Antibiotikum geschlossen, bekommt der bei X versicherte Patient das Antibiotikum der Firma Y. Ärzte sind dann verpflichtet genau dieses Mittel zu verschreiben, und die Apotheken sind dazu verpflichtet, genau dieses Medikament herauszugeben. Der Patient hat zwar die Möglichkeit das Präparat eines anderen Herstellers zu verlangen, muss aber die Mehrkosten selbst tragen.

Hinzu kommt die "Marktverengung": Nach Ablauf eines Patentes auf ein neues Medikament, finden sich keine Hersteller für ein Generikum, weil aufgrund des Kostendrucks absehbar ist, dass sie mit der gerade bei Krebsmitteln sehr aufwendigen Produktion nichts verdienen können.

Corona-Virus könnte die Lage weiter verschlimmern

Der sich immer weiter ausbreitende Corona-Virus wird diesen Zustand nun wohl weiter verschlimmern. Der Virus wütet zurzeit auch in der Provinz Wuhan. Und diese ist das Zentrum der Fertigung vieler Arzneiwirkstoffe, auf die Menschen in ihrem alltäglichen Leben angewiesen sind, wie zum Beispiel Paracetamol und Ibuprofen.

Über alle aktuellen Entwicklungen des Coronoa-Virus können Sie sich hier in unserem Live-Ticker auf dem Laufenden halten.

Mittlerweile diskutiert auch die Politik dieses wachsende Problem, zusammen mit den Beteiligten, wie Apotheker- und Ärzteverbänden, Krankenhausvertretern, Arzneimittelherstellern und Krankenkassen. Alle ringen um eine Lösung, doch bislang tut sich wenig. Zu verschieden sind die Interessen und Argumente der Beteiligten. Stattdessen wird die Liste der von Lieferengpässen betroffenen und bedrohten Mittel jeden Monat länger, während immer mehr Patienten zusehen müssen, wie sie ohne Medikamente klarkommen.