Corona-Lockdown in Südafrika

Die große Angst vor der Ausbreitung in den Townships

26. März 2020 - 21:18 Uhr

Von Nicole Macheroux-Denault

Nun bekommt ihn auch Südafrika, den nationalen "Lockdown" zur Bekämpfung der Coronavirus-Krise. Ab Freitag gilt dort eine weitreichende Ausgangssperre. Die führende Wirtschaftsnation Afrikas folgt wie zahlreiche afrikanische Staaten dem Beispiel europäischer und asiatischer Nationen, die hoffen, so die rasante Verbreitung des Covid-19-Virus im eigenen Land aufzuhalten. Der Plan ist gut und angemessen, die Durchführung in Afrika jedoch eine wesentlich größere Herausforderung. Denn was passiert, wenn sich das Virus in den Townships ausbreitet, den Armenvierteln Südafrikas?

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Deutsche Touristen sollen im Hotel bleiben

Für vorerst drei Wochen werden alle nicht lebensnotwendigen Läden geschlossen, lokale Behörden sind nur noch online erreichbar, Ansammlungen von Gruppen verboten. Die Bevölkerung soll zu Hause bleiben. Die deutsche Botschaft rät allen deutschen Touristen, die sich noch in Südafrika aufhalten, in ihren Hotels zu bleiben, bis sie einen bestätigten Rückflug haben. Denn ab Donnerstagabend werden auch alle kommerziellen Flüge von und nach Südafrika eingestellt.

702 Coronavirus-Infektionen in Südafrika

Leere Supermarkt-Regale in Johannesburg.
Leere Supermarkt-Regale in Corona-Zeiten - das gibt's auch im südafrikanischen Johannesburg.
© imago images/Xinhua, Chen Cheng via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Mit 702 Infizierten verzeichnet Südafrika die meisten COVID-19 Infektionen auf dem afrikanischen Kontinent. Inzwischen sind auch mindestens drei Ärzte infiziert. Zwei Patienten liegen auf der Intensivstation. Die Zahl der registrierten Infektionsfälle verdoppelt sich derzeit alle zwei Tage.

"Wir müssen sehr vorsichtig sein, wie wir diese Zahlen interpretieren", sagt Professor Shabir Madhi von der Witswatersrand-Universität in Johannesburg. "Unsere Testmethoden geben ein verzerrtes Bild wider. Unser Wissen über die wirkliche Verbreitung des Virus in Südafrika ist limitiert." Seine Sorge ist begründet. Denn bisher wurden in Südafrika vornehmlich Menschen getestet, die sich zuvor in von Covid-19 betroffenen Ländern aufgehalten hatten. Deren Kontakte wurden natürlich recherchiert und getestet, so gut es ging. Doch längst infizieren sich Menschen innerhalb Südafrikas: Und in vielen Fällen kann kein Kontakt zu einer bekannten Infektionsquelle nachgewiesen werden.

Angst vor Coronavirus-Ausbreitung in Südafrikas Townships

Südafrika, Soweto: Ein Kind geht über Müll in dem Armenviertel Empiweni.
Ein Kind geht über Müll im Armenviertel Empiweni. Die Angst, dass das Coronavirus die Townships erreicht, ist groß.
© dpa, Jerome Delay, jd flm

"Wir haben keine Ahnung wie viele Menschen sich bisher in verschiedenen Armenvierteln des Landes infiziert haben," sagt Professor Madhi. Denn in den Townships wurde bisher nicht systematisch getestet. Das ist die große Sorge der Verantwortlichen, denn: Der Druck auf öffentliche Gesundheitssystem wäre riesig, würde sich das neuartige Coronavirus in den Townships ausbreiten. Ausgerechnet dort, wo jeder auf die ohnehin ausgelasteten, schlecht ausgestatteten kleinen Kliniken angewiesen ist.

Mit dem Lockdown will die Regierung die Handbremse eines Autos ziehen, dessen Untersatz scheinbar unaufhaltsam trotzdem mit Vollgas weiterfährt. Südafrika braucht mehr als eine Bremse. Das Land braucht starke Barrikaden. Eine Ausgangssperre allein ist nicht genug. "Social Distancing" und "Selbstquarantäne" sind effiziente Werkzeuge in einer Gesellschaft, in der sich Menschen in ihre eigenen vier Wände zurückziehen können. In Südafrika ist das für den Großteil der Bevölkerung aber ein Luxus. "Die Realität in Südafrikas Townships ist: Es leben zwischen zehn und 15 Menschen in einer Parzelle", erklärt Professor Madhis. "Es ist unmöglich, Menschen unter diesen Lebensbedingungen isolieren. Auch Selbstquarantäne zu Hause ist oft keine Option."

Schulen und Hotels sollen zu Quarantänezentren werden

Deshalb organisiert die südafrikanische Regierung derzeit zusätzlich zur Ausgangssperre mit Hochdruck Hotels, Hallen, Schulen und Veranstaltungsräume. Um weitere Infektionen zu verhindern, sollen dort Verdachts- und bestätigte Fälle untergebracht werden, die zu Hause mit anderen auf engstem Raum leben. "Bisher haben wir landesweit 52 Standorte für Quarantänezwecke zugelassen", erklärt die Ministerin für Öffentliche Anlage, Patricia de Lille.

"Wir müssen jetzt innovativ sein und in Südafrika einen ganz anderen Ansatz verfolgen als in wirtschaftlich besser gestellten Ländern", glaubt Professor Madhi. Er ist trotzdem optimistisch, dass die drei wöchige Ausgangssperre Wirkung zeigt. "Wenn nach ihrer Aufhebung die Infektionszahlen wieder ansteigen, sind wir natürlich wieder am Punkt null. Aber hoffentlich haben wir bis dahin andere notwendige Maßnahmen, die jetzt noch fehlen organisiert." Zum Beispiel breitflächige Covid-19-Tests, um ein realistisches Bild der Lage zu bekommen.

Lockdown mit drei Tagen Vorlauf

Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa
Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa hat den Lockdown drei Tage vorher angekündigt.
© REUTERS, Sumaya Hisham, /FW1F/Andrew Cawthorne

Es ist eine organisatorische Mammutaufgabe, so viel wie möglich noch vor Beginn der Ausgangssperre auf die Beine zu stellen. Denn auch Beamte werden größtenteils zu Hause bleiben müssen. Damit ist die Handlungsfähigkeit des Staates eingeschränkt. Auch deshalb hat Präsident Cyril Ramaphosa den Lockdown nicht mit sofortiger Wirkung verhängt, sondern drei Tage vorher angekündigt.

Das hat auch eine nicht unwesentliche Schattenseite: Viele Südafrikaner haben die vergangenen drei Tage genutzt, um zu ihren Familien in ländlichen Regionen zu reisen, gedrängt in Minibussen. Die Betuchteren sind in ihre Ferienhäuser in entlegenen Orten gefahren oder haben eine Unterkunft angemietet. Die vielen nicht getesteten Reisenden haben somit in den vergangenen drei Tagen das Virus potentiell auch in die entlegenen Ecken des Landes gebracht.