Coronavirus in Italien

Ärzte und Schwestern sind verzweifelt - Krankenhäuser an der Belastungsgrenze

13. März 2020 - 21:17 Uhr

Vieles muss improvisiert werden

Krankenschwestern, die auf ihrem Schreibtisch einschlafen, Krankenhauswäschereien als Ersatzstationen und Patienten, die auf Feldbetten liegen. Das italienische Gesundheitssystem kommt durch die schnelle Ausbreitung des Coronavirus an seine absoluten Schmerzgrenzen. Wie schlimm die Situation vor Ort wirklich ist, zeigen wir im Video.

"Hundert Patienten mit Lungenentzündung in einer Woche"

Das Coronavirus sei eine besonders gemeine Infektion, sagt auch Angelo Pan, Direktor der Infektionsabteilung des Krankenhauses in Cremona in der Lombardei. Die Region ist mit am stärksten von dem Virus betroffen. "Der Patient fühlt sich gut, bis es dann schnell schlechter wird und man ihn schnell beatmen muss. Das hatten wir noch nie, dass wir hundert Patienten mit Lungenentzündung in einer Woche behandeln mussten", sagt Pan. Patienten mit nur leichten Symptomen kommen schon nicht mehr direkt in die Klinik, sondern werden in Notfallzelten vor der Kliniken erstversorgt.

Auch eine deutsche Ärztin hat uns in einer Videobotschaft von starker Überlastung des medizinischen Personals berichtet – sie ist in der Toskana, die bisher nicht so extrem betroffen ist.

10.03.2020, Italien, Brescia: Medizinisches Personal arbeitet in einem Notfallzelt. Italien verzeichnet von allen europäischen Ländern die weitaus meisten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus und die meisten Todesopfer. Foto: Claudio Furlan/LaP
Medizinisches Personal arbeitet in einem Notfallzelt. Italien verzeichnet von allen europäischen Ländern die weitaus meisten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus und die meisten Todesopfer.
© dpa, Claudio Furlan, zeus esz

Intensivbetten in Italien sind Mangelware

Weil so viele Patienten durch das Virus eine Lungenentzündung bekommen, darunter auch einige junge und eigentlich gesunde Menschen, werden die Intensivbetten in Italien immer knapper. "Wir bewirken gerade Wunder, aber wir können nicht mehr lange so weitermachen", warnt Antonio Pesenti, Koordinator für Intensivstationen im Krisenstab der Lombardei. "Innerhalb von 15 Tagen haben wir die Zahl der Betten für die Beatmung um 50 Prozent erhöht, um dort Coronavirus-Patienten zu behandeln", zitiert ihn die Zeitung "Corriere della Sera". Es werde nun auf den Intensivstationen in der Lombardei zu eng.

Die Folge: Andere Patienten, ob mit Herzinfarkt oder nach einem Unfall, könnten zu kurz kommen, sagt er. Bei der Suche nach Ärzten komme man ebenfalls an Grenzen. Zugleich gehen die Infektionszahlen weiter stark hoch: "Es ist fast unmöglich, länger als zwei Wochen mit diesen Rhythmen Schritt zu halten", warnt er.

Welche Kranken bekommen im Fall potenzieller Klinik-Notlagen Intensiv-Behandlung? Und welche nicht?

Ein Brandbrief des Arztes Daniele Macchini aus einem Krankenhaus in Bergamo, veröffentlicht auf Facebook, beschreibt die Lage in dem Haus schon heute als dramatisch. Er spricht von "Krieg", "Schlachten" und völlig erschöpften Helfern. Seine Warnung, das Virus ernst zu nehmen, brachte verstärkt das Thema Auswahl von Patienten in die Debatte. Nun sprechen Fachleute im Fernsehen mit aller Vorsicht darüber: Welche Kranke bekommen im Fall potenzieller Klinik-Notlagen Intensiv-Behandlung - und welche womöglich nicht oder später? Die Entscheidung kann für Patienten das Todesurteil bedeuten.

Droht Italien die Einführung der sogenannten "Triage"?

Flavia Petrini vom Ärzteverband Siaarti versucht bei Interviews, Ruhe auszustrahlen. Es gebe Hinweise von internationalen Fachgremien zur "Priorisierung" von Patienten. Diese werde teils als "Triage" bezeichnet. Dabei gehe es auch um die schnelle Trennung von Infizierten und anderen Kranken, erläutert sie. Die Ärzte, so betonen auch andere Fachleute, achten auch in der Krise auf die ethischen Standards.

TVNOW-Doku: Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus

Das Corona-Virus hält Deutschland und den Rest der Welt in Atem. Wie konnte es zur rasanten Verbreitung kommen und was bedeutet der Ausbruch für unseren Alltag? Warum Wissenschaftler schon lange vor dem Ausbruch vor dem Virus gewarnt haben, erfahren Sie in der TVNOW-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus".