Corona-Zahlen sinken drastisch

Macht Frankreich es besser als Deutschland?

In Frankreich wurde mit einem kompletten Lockdown auf die hohen Corona-Zahlen reagiert. Die bessere Wahl?
© picture alliance, Fourmy Mario/ABACA

04. Dezember 2020 - 9:25 Uhr

Wann wirkt Lockdown auch bei uns?

Seit Anfang November leben wir in Deutschland im Teil-Lockdown. Den durchschlagenden Erfolg bringt dieser aber bisher nicht. Zwar ist das exponentielle Wachstum durchbrochen, doch die Zahlen stagnieren auf hohem Niveau. Ganz anders in Frankreich: Hier sinken die Corona-Zahlen rapide. Was macht unser Nachbar besser?

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Warum sinken die Corona-Zahlen bei uns nicht?

Der tägliche Blick auf die Kurven der Coronavirus-Infektionszahlen ist frustrierend - die Zahlen wollen in Deutschland einfach nicht so richtig fallen. Sie gehen nur so minimal zurück, dass "Stagnation" wohl der passendste Begriff ist, um die Kurve zu beschreiben. Der "Lockdown light" bringt nicht den durchschlagenden Erfolg, auf den man vor vier Wochen hoffte. Immerhin: Das exponentielle Wachstum ist gebremst, was vielleicht das wichtigste Ziel war. Warum die Corona-Zahlen trotz Lockdown nicht so richtig sinken wollen, lesen Sie hier.

Österreich und Frankreich reagierten mit hartem Lockdown

Doch so quälend langsam wie die Zahlen jetzt sinken, werden die Corona-Maßnahmen zu einer immer stärkeren Belastung für alle. Wäre es da nicht besser gewesen, man hätte doch mit dem Lockdown-Hammer zugeschlagen? Hätten wir dann das Schlimmste jetzt hinter uns? Die Frage ist natürlich nur schwer zu beantworten. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen und man weiß auch nicht, wie diszipliniert die Menschen im Land noch mitgezogen hätten. Schließlich gibt es schon jetzt - wenn auch von einer Minderheit der Bevölkerung - Demos gegen die Corona-Maßnahmen, obwohl die Maßnahmen im europäischen Vergleich noch sehr gemäßigt sind.

Es fällt aber schon auf, dass in Deutschlands Nachbarländern die Kurven ganz anders aussehen. Frankreich und Österreich etwa erlebten im Herbst einen rasanten Anstieg ihrer Zahlen und reagierten wie im Frühjahr mit einem harten Lockdown. Und siehe da, die gemeldeten Infektionszahlen gingen wieder rapide nach unten. Dabei gibt es zwar viele Fragezeichen, allen voran die Dunkelziffer, die es schwer macht, letztgültige Aussagen über das Infektionsgeschehen in einem Land zu treffen. Auffällig ist, dass der deutliche Rückgang der Neuinfektionen zum Beispiel in Frankreich mit den strikten Corona-Auflagen dort einhergeht. Einem Lockdown, der eine strenge Maskenpflicht umfasste und es den Menschen verbot, ihre Wohnungen ohne triftigen Grund zu verlassen.

Lage in Frankreich war dramatisch

Schaut man sich die täglichen Infektionszahlen in Frankreich an, so fällt erst einmal auf, wie hoch diese waren. Von Mitte August bis Mitte November stiegen sie von rund 1.000 auf gut 54.000 im Sieben-Tage-Mittel an. An einem Tag gab es sogar einen Ausreißer mit rund 86.000 gemeldeten Neuinfektionen binnen eines Tages. Doch seitdem geht es wieder abwärts, mittlerweile sind die Zahlen wieder bei unter 11.000 angelangt.

Dass Frankreich weniger Einwohner als Deutschland hat und trotzdem viel höhere Infektionszahlen aufwies, zeigt schon, wie schlimm die Lage bei den Nachbarn in diesem Herbst war. Um die unterschiedliche Bevölkerungsgröße zu berücksichtigen, bietet sich für einen Vergleich die Sieben-Tage-Inzidenz an. Die zeigt, wie viele nachgewiesene Infektionen es unter 100.000 Einwohnern gibt. Dabei stellt sich heraus, dass der Wert für ganz Frankreich am 7. November bei 572 lag - ein sehr hohes Fallaufkommen, das in Deutschland bislang nur in einzelnen Landkreisen wie Hildburghausen oder in der Stadt Passau auftrat. Mittlerweile hat sich die Lage in Frankreich aber so weit entspannt, dass die nationale Sieben-Tage-Inzidenz wieder stabil unter 120 liegt. Der Rückgang vollzog sich innerhalb von nur drei Wochen.

Unterschied beim Kurvenverlauf der Neuinfektionen

Der Kurvenverlauf der Neuinfektionen in Frankreich, wie übrigens auch mehr oder weniger stark in allen Nachbarländern Deutschlands, gleicht dem einer Amplitude, es geht rasant nach oben, dann ebenso flott wieder nach unten. Die deutsche Kurve sieht dagegen weniger dramatisch aus. Es gab einen starken, aber nicht extrem steilen Anstieg, dann pendelte sich die Sieben-Tage-Inzidenz auf einem Niveau von um die 150 Infizierten pro 100.000 Einwohner ein - Tendenz sinkend.

Ein scharfer Ausschlag nach oben wie in Frankreich blieb Deutschland erspart. Da Deutschland sich im November in einem rasanten exponentiellen Wachstum befand, liegt die Vermutung nahe, dass auch hierzulande eine Inzidenz-Spitze mit einem Wert von mehreren Hundert erreicht worden wäre. Dann hätte wohl tatsächlich nur ein harter Lockdown geholfen.

Frankreich winkt schon bald Normalität

Dieser Vergleich zeigt, wie wichtig es war, dass das exponentielle Wachstum durchbrochen wurde. Der milde Lockdown Anfang November kam möglicherweise gerade noch rechtzeitig, einen solchen Ausschlag nach oben wie bei den Nachbarn zu vermeiden.

Bei allem Frust über die langsam sinkenden Zahlen: Deutschland steht am Dezemberbeginn sogar recht gut da. Im Vergleich mit den europäischen Nachbarländern weisen derzeit nur Belgien und Frankreich geringere Inzidenzwerte auf. In Österreich liegt das Fallaufkommen mit gut 340 noch mehr als doppelt so hoch wie hierzulande. Ganz klar: Im Oktober und November war man in Deutschland in Europa mit am sichersten vor dem Coronavirus.

Lockdown light vs. Lockdown-Hammer?

Die Kurven legen aber auch nahe, dass es noch zu früh ist, um zu beurteilen, was nun besser ist - Lockdown light oder Lockdown-Hammer. Denn wenn die Zahlen bei den Nachbarn weiter so schnell fallen, können sich die Menschen dort wieder auf ein baldiges normaleres Leben freuen. Wenn sie in Deutschland weiterhin so langsam sinken, könnte uns der hiesige leichte Lockdown noch monatelang begleiten.

Man wird es - wenn überhaupt - erst genauer wissen, wenn auch hierzulande die Werte wieder auf ein beherrschbares Maß sinken, das nach gängiger Annahme bei einem Wert von 50 pro 100.000 erreicht sein könnte. Dann wäre die zweite Welle auch in Deutschland überstanden, und erst dann könnte man versuchen zu verstehen, welche Strategie und welche Maßnahmen welche Effekte hatten. Bis dahin hilft wohl nur Hände waschen, Abstand halten, Maske tragen und lüften.

Video-Playlist: Alles, was Sie zum Coronavirus wissen müssen

Quelle: ntv.de/Volker Petersen und Martin Morcinek