Zahlen-Chaos und Fehleinschätzungen

Ist das Robert-Koch-Institut (RKI) der Corona-Krise wirklich gewachsen?

Dunkelziffer Coronavirus Fälle - Interactive Maps Covid-19-Fälle vom Robert-Koch-Institut in Berlin, 20.03.2020 *** Num
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31. März 2020 - 10:04 Uhr

von Roland Bönnen

Es ist verwirrend! Wer wissen will, wie viele Menschen in Deutschland aktuell an Corona erkrankt sind, wird schnell feststellen: ganz so einfach ist die Suche nach verlässlichen Zahlen nicht. Auf der Internetseite des deutschen Robert-Koch-Instituts finden sich in den letzten Tagen folgende Angaben:

Robert-Koch-Institut (RKI)

  • Freitag 27.03, 13:30 Uhr: 42.288 Corona-Erkrankte
  • Montag 30.03,11:10 Uhr: 57.298 Corona-Erkrankte

Die interaktive Karte der amerikanischen Johns Hopkins Universität meldet zur gleichen Zeit allerdings ganz andere Zahlen:

Johns Hopkins University

  • Freitag 27.03, 13:30 Uhr: 47.278 Corona-Erkrankte
  • Montag 30.03, 11:10 Uhr: 62.435 Corona-Erkrankte

Zwei angesehene Institutionen, zwei völlig unterschiedliche Angaben. Wie kann das sein? Werden die Zahlen der deutschen Vorzeige-Behörde bewusst zu niedrig angesetzt? Oder schüren die Amerikaner einfach nur Panik?

So läuft der Corona-Meldeprozess beim RKI ab

Als zuverlässige Quelle sollte in Deutschland eigentlich das Robert-Koch-Institut gelten. Es untersteht dem Gesundheitsministerium und gibt als oberste Behörde für übertragbare und nicht-übertragbare Krankheiten die medizinische und wissenschaftliche Leitlinie der Regierung vor. Aber als solche ist sie auch behäbig und auf die Mithilfe der Gesundheitsbehörden angewiesen. Und das ist ein Problem, denn der Meldeweg ist kompliziert:

  1. Ein Arzt, der bei Patienten Verdacht auf Corona feststellt, meldet ihn dem Gesundheitsamt. Auch ein Labor, das das Virus bei einem Menschen nachweist, meldet dies dem Gesundheitsamt. Die Meldung muss innerhalb von 24 Stunden vorliegen
  2. Das Gesundheitsamt meldet die neuen Fälle den Landesbehörden
  3. Die Landesbehörden leiten die Meldungen spätestens am nächsten Arbeitstag an das RKI

Jeder in der Statistik aufgeführte Erkrankte wurde positiv auf Corona getestet. Ein Verdacht allein reicht für eine Meldung nicht aus. Name, Wohnort, Geschlecht, Symptome und andere wichtige Angaben sind bekannt. Sie werden von den Gesundheitsämtern ans RKI übermittelt. Dieses aktualisiert dann einmal täglich die Zahlen. Der Weg zur RKI-Statistik ist also kompliziert und berücksichtigt nur einen kleinen Teil der wirklich Infizierten.

So entstehen die Corona-Zahlen der Johns Hopkins University

Die Johns Hopkins Universität in Baltimore geht dagegen völlig anders vor. Seit dem 22. Januar kann auf ihrer Internetseite die Entwicklung der Corona-Erkrankungen weltweit fast im Sekundentakt nachvollzogen werden. Sie wird auf Grundlage verschiedener nationaler und internationaler Datenquellen automatisch aktualisiert. Dazu zählen offizielle Behörden, aber auch Medienberichte oder Social-Media-Quellen. Es liegen so schnell neue Zahlen vor, aber die sind nicht sonderlich einheitlich und valide. Es werden hier nicht nur bestätigte Fälle gezählt, sondern auch mutmaßliche.

Nach diesen Kriterien zählt das RKI die Corona-Todesfälle

Wer also wissen will, wie viele Menschen in Deutschland positiv getestet wurden, kann sich darüber beim RKI informieren. Die Dunkelziffer der wirklich Erkrankten dürfte aber deutlich höher sein. Dies gilt übrigens auch für die Zahl der an Corona Verstorbenen.

Im RTL-Interview erklärt Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor des Hygienezentrums Bioscientia: Ob ein Patient als Corona-Todesfall gezählt wird, würde im Einzelfall entschieden. Wichtig sei dabei a) ein positiver Test auf das Virus, b) die Pneumonie, also Lungenentzündung und c) das Organversagen. Bei Vorerkrankten sei entscheidend, wie schwer die Corona-Infektion gewesen ist.

Ist das RKI dem Corona-Chaos gewachsen?

Es ist also tatsächlich verwirrend.  Die Zahl der Erkrankten und Toten hängt von der zugrundeliegenden Definition und dem Weg der Datenbeschaffung ab. So weit, so gut. Aber es gibt noch eine andere Frage, die das Robert-Koch-Institut betrifft und die vielleicht noch viel wichtiger ist:

Sind RKI-Chef Wieler und seine Behörde dem Corona-Chaos wirklich gewachsen? Es darf angesichts zahlreicher Fehleinschätzungen und ziemlich unglücklicher Auftritte zumindest bezweifelt werden:

  • 22.01.: Prof. Dr. Lothar H. Wieler sagt in der Tagesschau, nur wenige Menschen würden in Deutschland angesteckt werden. Kurz darauf erklärt er, das Institut gehe davon aus, dass sich das Virus bei uns nicht sehr stark verbreite.
    Andere Virologen wie Alexander Kekulé, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie der Uni Halle schlagen zeitgleich Alarm und kritisieren die Gelassenheit des RKI. Am 12.02. richtet Kekulé einen persönlichen Brief an Wieler mit der Empfehlung, Tests bei Personen mit grippeähnlichen Symptomen durchzuführen. In die Tat umgesetzt wird die Forderung nicht.
  • 24.02.: Während in China Millionenstädte unter Quarantäne gestellt werden, zeigt sich Wieler unbesorgt und plädiert dafür, das Virus wie eine herkömmliche Grippewelle zu betrachten.
  • 26.02: Jetzt kritisiert selbst Gesundheitsminister Jens Spahn die Strategie des RKI und räumt ein: Deutschland steht am Beginn einer Virus-Epidemie.
  • 20.03.: Wieler gesteht ein: "Wir sind in einer Krise, deren Ausmaß ich mir nie hätte vorstellen können."
  • 23.03: Am letzten Montag sagt Prof. Dr. Wieler, es gebe ein Abflachen der Wachstumskurve bezügliche neuer Covid-19 Infektionen. Kurz danach folgt die Relativierung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warnt sogar, wir stünden erst am Anfang einer Epidemie.

Für weitere Fehleinschätzungen ist die Lage viel zu ernst

Für eine Behörde, die sich mit Infektionskrankheiten mehr beschäftigen und besser auskennen sollte als jede andere Institution in Deutschland, ist dies eine ziemlich beunruhigende Liste. Das RKI berät schließlich die Politik und gibt mit ihren Empfehlungen die Maßnahmen der Regierung vor. Die Stilllegung des gesellschaftlichen Lebens geht also zu einem großen Teil auf die Maßgaben Wielers und seiner Behörde zurück.

Maßnahmen, die bisher nicht mal ansatzweise in Erwägung gezogen wurden. Auch 2017/18 nicht, als allein in Deutschland 25.000 Menschen an der Grippe starben. 10.000 Opfer pro Grippesaison sind leider fast normal, aber Restaurants werden nicht geschlossen. Und die Bundesliga läuft auch weiter. Klar, gegen die Grippe gibt es einen Impfstoff und Covid-19 hat mit 14 Tagen eine deutlich längere Inkubationszeit. Warum das RKI dies aber erst seit wenigen Wochen weiß und die Dramatik lange unterschätzt hat, bleibt rätselhaft. Mit weiteren Fehleinschätzungen sollte jetzt aber dringend Schluss sein. Dafür ist die Lage einfach viel zu ernst!

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