Kommentar zur Coronakrise

Wir brauchen den Lockdown in den Köpfen!

Coronavirus - Landkreis Esslingen
© dpa, Sebastian Gollnow, scg nwi

14. Oktober 2020 - 10:06 Uhr

von Philip Scupin

Deutschland ist mitten drin in der zweiten Coronawelle. Sie ist schnell gekommen und langsam wird sie heftig. Die Infektionszahlen sind jetzt schon so hoch wie im Mai, bald werden sie voraussichtlich über das Rekordniveau vom April steigen.

Und worüber diskutiert die Politik seit Tagen? Über das Beherbergungsverbot, ob ich also als Berliner in Brandenburg übernachten darf, oder als Schwabe im Rheinland. Über die Höhe der Bußgelder für Maskenmuffel. Über verlängerte Winterferien in den Schulen. Mit einem Wort: Das ist lächerlich! Deutschland ist gerade dabei, nach einem erfolgreichen Corona-Kampf im Frühjahr ein ängstliches Corona-Kämpfchen im Herbst auszutragen – und das auch noch zu verlieren.

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Politik muss sich ehrlich machen!

Die Politik muss sich endlich ehrlich machen! Wenn wir nicht bald Infektionszahlen wie in Frankreich oder Spanien wollen, dann muss jetzt etwas passieren. Doch die Regierungen in Bund und Ländern trauen sich nicht. Dabei können sie auf eine Basis an Unterstützung aus der Bevölkerung bauen, die ihresgleichen sucht.

Gerade erst haben in einer Umfrage wieder 64 Prozent der Menschen gesagt, sie fänden die Corona-Maßnahmen richtig – und 23 Prozent sind sie sogar zu lasch. Trotzdem erklären Politiker aller Lager alles Mögliche für un-lockdown-bar. Trotz der steigenden Zahlen trauen sie sich nicht mal so richtig an private Partys ran. Ehrlich wäre, dem Volk zu sagen, dass auch 25 Feierende in einer 50-Quadratmeter-Bude zu viel sind, mitten in einer Pandemie.

Wirtschaft runterknüppeln, Schulen dicht - das will keiner!

Im Frühjahr haben Bundesregierung und Bundesländer das Virus konsequent gestoppt. Dafür war der Lockdown zeitlich überschaubar. Jetzt scheint man immer darauf zu warten, bis die nächste Eskalationsstufe erreicht ist, um dann zu reagieren. Das mag gut gemeint sein, so aber läuft Deutschland der Bekämpfung der Seuche hinterher. Und es ist auch noch gefährlich. "Bei ansteigenden Fallzahlen [wird] der Anteil schwerer Krankheitsverläufe erst nach einiger Zeit sichtbar, da die Krankengeschichte mit möglichem Tod meist sehr lang ist", warnt das Robert-Koch-Institut. Sprich: Während wir immer und immer wieder darauf verweisen, dass im Moment ja nur wenige Menschen an Covid-19 sterben, kann das Virus längst wieder seine tödliche Gefahr entwickeln. Zumal sich sehr wahrscheinlich wieder mehr ältere Menschen anstecken werden.

Die Wirtschaft runterknüppeln, die Schulen dichtmachen, das kann natürlich keiner wollen. Um das Virus trotzdem wieder in den Griff zu kriegen, brauchen wir jetzt die Einsicht aller, dass es wieder ernst ist. Wir brauchen den Lockdown in den Köpfen. Verordnen kann den nur die Politik. Die Kanzlerin muss jetzt das wieder tun, was sie vor Ostern getan hat: Sie muss uns alle dazu aufrufen, uns wieder mehr voneinander fernzuhalten. Auch, wenn es natürlich schwerfällt: Mama und Papa, Oma und Opa nur noch alle zwei, drei Wochen besuchen. Den besten Kumpel oder die beste Freundin auch. Homeoffice für alle, für die es machbar ist. Ein Bierchen trinken gehen nur zu zweit, vielleicht zu dritt. So, wie wir es im Frühjahr auch gemacht haben. Als wir alle Corona noch ein bisschen ernster genommen haben.

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