Die Friedhöfe sind völlig überlastet

Corona-Tote in New York: Bestatterin kommt nicht mehr hinterher

27. Mai 2020 - 20:30 Uhr

von Hanna Klouth, US-Korrespondentin

Es regnet wie aus Kübeln, als wir am Bestattungsinstitut im New Yorker Stadtteil Brooklyn ankommen. Es ist 9 Uhr morgens und Doris Amens Tag beginnt - nach drei Stunden Schlaf. Überhaupt hat sie in den vergangenen Woche nicht viel Schlaf abbekommen, erzählt sie. Das Telefon ist immer an. "Früher habe ich gebetet, dass das Telefon klingelt und jemand anruft. Und jetzt? Jetzt bete ich, dass es nicht klingelt.", sagt Doris. Wie die Bestatterin die letzten Wochen erlebt hat, erzählt sie im Video.

Bestatterin Doris hat in den letzten Wochen über 100 Beerdigungen organisiert

Seit New York zum Epizentrum der Corona-Pandemie in den USA geworden ist, arbeitet die 64-Jährige am Limit. Allein in den vergangenen zehn Wochen hat sie über 100 Beerdigungen organisiert - so viele wie sonst in einem Jahr. "Es ist überwältigend", beschreibt sie die Zeit seit Anfang April. "Eine Familie kommt nach der nächsten. Ich fühle mich wie ein Fluglotse und bislang bin ich nicht abgestürzt - noch nicht."

Eine trauernde Familie abweisen zu müssen, kommt für Doris nicht in Frage

Am heutigen Tag warten alleine vier Beerdigungen auf Doris. Zwischendurch klingelt immer wieder das Telefon. Und für die nächste Woche hat sie 15 weitere Beerdigungen auf ihrer Liste. Doch eine trauernde Familie abzuweisen, kommt für Doris nicht in Frage. "Das ist jemand der geliebt wird. Mann, Frau, Schwester, Bruder von jemandem. Sie verdienen mehr Respekt, als in einen Gefriertruck geworfen zu werden." Ihre Stimme geht hoch, als sie das erzählt. Denn viele Bestattungsinstitute nehmen mittlerweile keine neuen Familien mehr auf und wenn, dann sind die Beerdigungen erst im August möglich. Fast 30.000 Menschen sind im Staat New York mittlerweile an Covid-19 gestorben. Zu Hochzeiten über 700 und das an nur einem Tag. "Wir haben immer noch tausende Verstorbene, die verteilt werden müssen", sagt Doris.

A temporary morgue set up with refrigerated trucks to store the bodies of deceased people is seen next to Bellevue Hospital in Manhattan during the outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) in New York City, New York, U.S., May 27, 2020. REUTERS
In New York sterben so viele Menschen am Coronavirus, dass ihre Leichen in Kühl-Trucks aufbewahrt werden müssen.
© REUTERS, MIKE SEGAR, MS

Fast 100 Menschen sterben im Bundesstaat New York täglich an Corona

Und täglich kommen weitere hinzu. Noch immer sterben im Staat fast 100 Menschen täglich an Corona. Die Bestatter, Friedhöfe, Krematorien sind völlig überfüllt und überfordert und müssen einen enormen Rückstand aufholen, sodass sie irgendwann dazu übergegangen sind, die Leichen einzufrieren, bis sie verbrannt oder beerdigt werden können. "Letzte Woche hat mich mein Angestellter angerufen, als er einen Verstorbenen bei der Gerichtsmedizin abholen wollte. Und er sagt: wir können nichts machen, der ist gefroren. Gefroren? Die Familie wollte am nächsten Tag am offenen Sarg Abschied nehmen. Also mussten wir ihn irgendwie auftauen und ich meine ein grosser Batzen Fleisch braucht 24 Stunden um aufzutauen. Aber Nein ist für mich keine Antwort. Ich kann diese Familien nicht enttäuschen. Also haben wir mit Wärme alles versucht: Mit Heizungen, wir haben ihn zu dritt geföhnt, ihn in warme Küchentücher eingewickelt und sanft massiert." , erzählt Doris eine der wohl verrücktesten Geschichten, die sie in den vergangenen Wochen erlebt hat. 

Bei den Beerdigungen gibt es keine Blumen, kaum Zeremonie

Die Familien warten mitunter anderthalb Monate auf die Beerdigung. So wie Familie Santos.  Mrs. Santos starb am 12. April, kam Ende März wegen Corona ins Krankenhaus - seitdem hat die Familie sie nicht mehr gesehen. Denn Corona-Patienten werden im Krankenhaus isoliert, dürfen keinen Besuch bekommen, damit sich niemand anstecken kann. Kein Beistand also, kein Abschied. Und nun eine Beerdigung unter Corona-Bedingungen im engsten Familienkreis. "Es gibt keine Blumen, keine Blumenzeremonie", erzählt uns Doris, als wir bei der Beerdigung auf dem Friedhof dabei sind. " Nichts wird auf den Sarg gelegt und die Menschen tragen Masken."

26.05.2020, USA, New York: Mitarbeiter des Friedhofs "Calvary Cemetery" arbeiten während der Corona-Pandemie an einem Grab. Foto: Michael Nagle/XinHua/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die New Yorker Friedhöfe sind wegen der vielen Corona-Toten derzeit total überlastet.
© dpa, Michael Nagle, lop

Familien müssen oft mehrere Wochen auf die Überreste der Verstorbenen warten - zu hoch ist die Auslastung

Die erste Beerdigung des Tages hat Doris nun geschafft. Auf dem Rückweg muss sie noch die nächsten zwei Särge abholen. Normalerweise macht sie das nicht selber. "Aber in den letzten zwei Monaten kam die Lieferung zu spät, sie war falsch oder sie kam gar nicht. Oder sie vergessen mir zu sagen, dass sie keine Särge mehr haben." Also lädt sie die Särge jetzt selbst in ihr Auto ein, trägt dabei Pumps und einen Leoparden-Regenmantel.

Doris Tag ist noch lange nicht zu Ende. Im Bestattungsinstitut wartet schon die nächste Totenwache und die nächste Familie, um die Asche des verstorbenen Bruders abzuholen. Der verstarb am siebten April. Jetzt ist es Ende Mai. "Es tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat.", entschuldigt sich Doris. "Wir wissen ja wie die Situation ist", erwidert die Frau. "Ich bin nur froh, ihn jetzt wieder zu haben." Die Asche ihres Bruders ist in einer hellblauen Box, die aussieht, als könnte darin auch ein Internetrouter verpackt sein. Verstaut wird die Box in einer braunen Papiertüte. Dann geht sie mit ihrem Mann und der Asche ihres Bruders nach Hause. 

Doris sagt: Die Arbeit ist ihre Bestimmung

In Doris Büro warten die nächsten Boxen: Vier weitere Aschen, vier weitere Familien, die Abschied nehmen können. Und dann gibt es da aber noch diesen einen, mysteriösen Umschlag. "Da warte ich noch auf den Verstorbenen - wo ist er?", fragt sie. "Die Krematorien sind überfordert. Aber ich werde ihn finden, wir finden sie immer. Ich weiss, dass er da angekommen ist. Ich hab ja die Rechnung. Wir finden ihn."

Doris sagt, ihr Tag bräuchte eigentlich 25 Stunden. Es sei momentan so, als würde man versuchen zwei Pfund in einen Beutel zu quetschen, in den aber ein Pfund reinpasst. Bis Mitte Juni ist sie ausgebucht. Aber Doris sagt, für sie sei es keine Arbeit, sondern - und so kitschig das klingen mag - ihre Bestimmung.