Erfahrungsbericht einer RTL-Reporterin

Corona-Städtedepression: "Das, was Berlin ausmacht, ist nicht mehr da"

Unbeständiges Wetter in Berlin
© dpa, Monika Skolimowska, skm

07. Oktober 2020 - 14:47 Uhr

von Julia Kubowicz

Paris, New York, jetzt auch Berlin: Die, die es sich leisten können, kehren den Großstädten wegen der Pandemie den Rücken, viele davon möglicherweise dauerhaft. Was das bedeutet und warum das Leben in der Großstadt während Corona besonders nervtötend ist, erklärt eine RTL-Reporterin aus dem Hauptstadtstudio.

Städtedepression - was ist das?

Es ist ruhig geworden in Berlin: Als ich im April 2020 eines nachts mutterseelenallein auf der Friedrichstraße stand - um mich herum kein einziges Auto, kein Tourist, kein Biertaxi mit grölenden Junggesellen, keine Musik, kein Lärm - da wusste ich, dass dieses Virus viel verändern würde. Es war das erste Mal, dass sich mir diese schöne, bunte, aufregende Stadt komplett ruhig offenbarte, seitdem ich 2004 zum Studium hierherzog. Und seitdem bin ich traurig. Denn das, was Berlin ausmacht, ist nicht mehr da.

"Städtedepression" nennen wir es scherzhaft in meinem Freundeskreis und versuchen wegzulächeln, wie sehr uns das alles fehlt. Die Konzerte, die Partys, ja sogar das Shoppen macht keinen Spaß mehr. Und natürlich bemühen wir uns alle, so gut es eben möglich ist, die Hygieneregeln einzuhalten, skypen fleißig und trinken Wein dabei, sogar das Tanzen mit der Maske haben wir versucht. Dass sich kaum einer wirklich daran hält, macht uns wütend oder resigniert. Wir sind – wie gewünscht – sozial distanziert und fühlen uns auch so. Viel mehr wohl als die Menschen auf dem Land, die den Trubel der Großstadt meiden und nur aus Erzählungen kennen. Wir haben ihn uns ausgesucht – und vermissen ihn.

Ab Samstag ist das bisschen Normalität, das wir uns zurückerkämpft haben, wieder vorbei – die Sperrstunde kommt und die Stadt wird wieder ein bisschen ruhiger und ein bisschen grauer werden. Wie lange soll das noch so weitergehen? Die Konsequenz für viele: Lass uns abhauen – vielleicht nach Bayern? Raus aufs Land! Die Stadt – für viele Mittdreißiger ist sie auserzählt. Ein Trend, der sich während Corona schon in New York und Paris angebahnt und jetzt auch Berlin erreicht hat.

Mittelschicht wandert ab

Waren es bisher Wohnungsmangel und hohe Mieten, die Berliner ins Umland abwandern ließen, kommt nun hinzu, dass es völlig egal ist, wo das Homeoffice eingerichtet wird. Ein Blick auf die Zahlen des Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zeigt, dass die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner Berlins im ersten Halbjahr 2020 um 7039 Personen gefallen ist. Das ist der erste Bevölkerungsrückgang seit 17 Jahren! Laut Tagesspiegel sind es vor allem ausgebildete Berufstätige mit gutem Einkommen und Familien, die Gefallen finden an so einem Leben außerhalb der Stadtgrenzen.

Damit gehen der Stadt sowohl Steuereinnahmen und gesellschaftliche Ressourcen verloren – kurz: die Mittelschicht. Die Politik geht trotzdem weiterhin davon aus, dass die Einwohnerzahlen in naher Zukunft auf 4 Millionen steigt. Der Trend nur temporär und vor allem Corona geschuldet ist. Doch wie lange dauert es, bis Berlin wieder die Stadt ist, die sie einmal war? Wird sie es jemals wieder werden? Mit einem Auge jedenfalls schiele auch ich sehnsüchtig ins Grüne – und damit bin ich nicht allein…