Karl Lauterbach im RTL-Interview

"Wir werden erst im April genug Schnelltests haben"

04. März 2021 - 8:58 Uhr

Noch keine Schnelltests bestellt

Es ist ein herber Rückschlag für alle, die auf die Schnelltests für zuhause als Basis für Lockerungen und Öffnungen gesetzt hatten. Denn die werden vorerst nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Das zumindest sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Die Beschaffung ist zu spät gestartet worden", so Lauterbach am RTL-Mikrofon.

Er hätte sich deshalb auch gewünscht, dass gänzlich auf Lockerungen verzichtet würde, bis genügend Schnelltests verfügbar seien.

Es ist ein Hammer. Denn das würde bedeuten, dass die Bundesregierung – allen voran Bundesgesundheitsminister Jens Spahn – nach dem zögerlichen Vorgehen beim Impfstoff auch bei der Beschaffung der Schnelltests geschlafen hat.

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100er-Marke als Notbremse

Es herrscht Streit beim Bund-Länder-Gipfel. Denn nicht nur die zögerliche Beschaffung heizt die Gemüter auf. Wie RTL aus Teilnehmerkreisen erfuhr, soll Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gefragt haben, wieso 4 Mio. Impfdosen für Zweitimpfungen zurückgehalten würden. Er habe angeordnet sie sofort zu verimpfen. Aus Sicht der Länderchefs ein Affront. Die wollen sich den Schwarzen Peter nicht zuschieben lassen.

Und dann ist da noch die Verwirrung um die neue Inzidenz-Marke. 100, 50, 35, 10. All diese Inzidenzwerte geistern seit einigen Wochen durch Deutschland. Erst nach dem vergangenen Bund-Länder-Gipfel wurde die 35er Marke als neues Ziel eingeführt. Jetzt kommt die 100er Marke neu dazu. "Sie soll so etwas wie die obere Grenze sein", erklärt Gesundheitsexperte und Merkel-Berater Karl Lauterbach im RTL-Interview. Er hält diese Marke für durchaus wichtig und richtig. "Die 100 ist eine Notbremse und die werden wir, wenn wir nicht vorsichtig sind, sehr schnell erreichen." Dann würden alle Lockerungen, die ab dem 8. März gelten, wieder einkassiert.

Dennoch sollte die 35er-Marke nicht abgeschrieben werden, so Lauterbach.

Lauterbach will an 35er-Marke festhalten

Die 35 ist weiterhin die Schlüsselzahl für Einzelhandel und Gastronomie. Auch in der letzten Vorlage des Bund-Länder-Gipfels ist sie weiter die magische Inzidenz-Marke für mögliche Öffnungen in diesen Branchen. Die zuletzt wieder steigenden Zahlen lassen dieses Ziel aber in weite Ferne rücken. Dennoch gibt es Karl Lauterbach zufolge Grund zur Hoffnung. "Die 35 wird immer als so unerreichbar dargestellt. Es ist aber nicht so. Es gibt ja Länder, die die B.1.1.7 -Mutation so weit herunterdrängen konnten, dass sie diese Zahl auch erreicht haben", sagte Lauterbach im RTL-Interview.

Deshalb sei es auch wichtig an der 35 als Ziel festzuhalten. "Erst darunter haben wir einigermaßen Sicherheit", so der SPD-Politiker weiter. "Darüber ist es immer so, dass das exponentielle Wachstum schnell wieder beginnen kann."

Lauterbach: "Wir sind am Beginn einer schweren Dritten Welle"

Auch der Forderung vieler Politiker von den Inzidenzwerten abzurücken und mehr auf die Auslastung der Intensivbetten zu schauen, erteilt Lauterbach eine Absage. Es mache wenig Sinn allein auf die Intensivkapazitäten zu schauen. "Die Inzidenz ist eine Art Frühwarnsystem für die in der Regel drei Wochen späteren Anstieg der Intensivpatienten." Außerdem würde die reine Zahl der Covid19-Patienten in den Krankenhäusern nicht die Realität widerspiegeln. "Viel, die nie die Intensivstation betreten haben, erkranken schwer oder sterben", so Lauterbach.

Den Diskussionsvorschlag des Bund-Länder.Gipfels stuft Lauterbach als gefährlich ein. "Der Entwurf birgt die Gefahr, dass wir das Signal geben, es ist jetzt Zeit für Lockerungen und wir machen Lockerungen, egal, was passiert." Die Realität sei aber eine andere, so Lauterbach. Man sei am Beginn einer schweren Dritten Welle und wenn wir unsere Verhalten nicht anpassten, werde es Probleme geben.