Einfach und günstig

Corona-Riechtests sind erstaunlich wirksam

Der Verlust des Geruchssinns ist ein häufiges Symptom bei einer Corona-Infektion.
Der Verlust des Geruchssinns ist ein häufiges Symptom bei einer Corona-Infektion.
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09. Dezember 2020 - 12:33 Uhr

Sind Riechtests die neuen Schnelltests?

Riechtests könnten ähnlich wirksam wie Antigen-Schnelltests im Kampf gegen die Corona-Pandemie eingesetzt werden, wie eine Vorab-Studie zeigt. Sie bieten zwei große Vorteile: Sie sind sehr günstig und einfach durchzuführen.

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Dass Geruchsstörungen ein typisches Symptom von Covid-19 sind, wurde schon früh in der Pandemie vermutet und gilt inzwischen als erwiesen. Unter anderem haben dies der Bonner Virologe Hendrik Streeck und sein Team im Rahmen ihrer Heinsberg-Studie festgestellt, mehr als 70 Prozent der Befragten nannten dieses Krankheitsmerkmal. Eine Vorab-Studie der University of Colorado Boulder hat jetzt ergeben, dass man diese Eigenschaft von Covid-19 dazu nutzen kann, mit einfachen und sehr günstigen Riechtests Infizierte aufzuspüren und so die Pandemie effektiv zu bekämpfen.

Weit verbreitetes Symptom

Die US-Wissenschaftler gingen für ihre Simulation davon aus, dass 50 bis 90 Prozent der Infizierten Geruchsstörungen haben. 75 halten sie für realistisch, was diverse Forschungsarbeiten bestätigen, eine indische Studie kommt auf 82 Prozent. Außerdem setzten die Forscher für ihre Simulation fest, dass einen Tag nachdem die Viruslast groß genug war, um mit einem PCR-Test nachgewiesen zu werden, die Geruchsstörungen beginnen.

Dabei beziehen sie sich auf Studien, wonach eine sogenannte olfaktorische Dysfunktion weiteren Symptomen der Krankheit vorausgeht. Das heißt, Geruchsstörungen treten bereits auf, wenn sich Menschen ansonsten noch völlig gesund fühlen. Das Symptom kann sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein, oft bemerken es Infizierte gar nicht, bis sie einen Test machen. Studienleiter Dan Larremore schreibt auf Twitter, nur 40 bis 50 Prozent sagten, sie hätten ihr Riechvermögen verloren, mit standardisierten Tests würde sich der Anteil auf 80 Prozent erhöhen.

Im Idealfall reicht ein Test alle drei Tage

Die Wissenschaftler beobachteten, dass ein täglicher Riechtest oder ein Screening an jedem dritten Tag in der Simulation Ausbrüche verhindern konnte, wenn wenigstens 50 Prozent der Infizierten Geruchsstörungen hatten. Bei einer Prävalenz von 75 Prozent stellte sich heraus, dass ein Riechtest alle drei Tage sogar wirksamer als wöchentliche PCR-Tests mit einer eintägigen Bearbeitungszeit ist.

Zeigen nur 50 Prozent der Infizierten das Symptom, kann die Virusausbreitung durch ein olfaktorisches Screening immer noch teilweise kontrolliert werden, bei täglichen Tests gelingt aber eine effektivere Kontrolle. Ein wöchentlicher Riechtest reicht nicht aus, um einen Ausbruch zu verhindern, es sei denn, die Prävalenz beträgt 90 Prozent.

Da es nicht ganz sicher ist, zu welchem Zeitpunkt genau nach einer Infektion Geruchsstörungen auftreten, haben die Wissenschaftler ihr Modell entsprechend angepasst. Unter der Annahme, dass 80 Prozent einer betroffenen Gruppe an den Tests teilnehmen, die Prävalenz 75 Prozent beträgt und die Riechstörung sieben Tage anhält, haben sie den Symptom-Beginn bis drei Tage nach der Nachweisbarkeit variiert.

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Das Ergebnis war, dass tägliche Screenings oder Tests alle drei Tage ausreichen, solange die Geruchsstörungen bis zu zwei Tage nach der Nachweisbarkeit auftreten. Bei einem Symptom-Beginn einen Tag später sind tägliche Tests nötig, ansonsten kann die Ausbreitung nur teilweise unterbunden werden.

Bei einer kürzeren Symptomdauer genügten in der Simulation ebenfalls Screenings mit drei Tagen Abstand, um die Epidemie unter Kontrolle zu halten, wenn die Geruchsstörung mindestens drei Tage andauerte. Hält das Symptom nur einen Tag an, würde immer noch ein tägliches Testen zum Ziel führen, fanden die Forscher heraus.

Und die gleichen Ergebnisse kamen heraus, wenn die Wissenschaftler eine bereits laufende Epidemie simulierten, in der bisher rund zwei Prozent der Bevölkerung infiziert sind. Wenn 80 Prozent der Menschen mitmachen, erreicht man mit Riechtests im Abstand von ein oder zwei Tagen genauso viel wie mit wöchentlichen PCR-Tests.

Schließlich untersuchten die US-Forscher noch, ob Geruchstests dazu taugen, wie Antigen-Schnelltests beispielsweise den Zutritt zu Veranstaltungen oder Passagierflugzeugen zu regeln. Dabei kam raus, dass das Screening zu ungefähr 80 Prozent effektiv ist, wenn 90 Prozent der infizierten das Symptom zeigen. Aber selbst bei einer geringen Prävalenz von 50 Prozent konnten Riechtests immer noch eine Ausbreitung um 40 Prozent reduzieren.

50 Cent pro Test

Die Kosten für einen Geruchstests schätzen die Forscher auf 50 US-Cent. Sie schätzen, dass ein Programm mit PCR-Tests mit 80-prozentiger Beteiligung die Reproduktionszahl (R) um 42 Prozent drücken könnte. Geruchstests mit drei Tagen Abstand und PCR-Tests zur Bestätigung von Verdachtsfällen könnten die Reproduktionszahl aber sogar um 55 Prozent senken. Und die Einsparungen sind enorm: Statt 5,3 Millionen schätzen die Wissenschaftler die reinen Materialkosten auf 320.000 Dollar.

Der Ansatz, PCR- oder Antigen-Schnelltests durch günstige Riechtests zu ersetzen, ist sehr vielversprechend. Es handelt sich bei der Arbeit der US-Wissenschaftler allerdings bisher nur um ein Preprint, das noch diskutiert und ausgewertet werden muss. Außerdem schränken die Forscher ein, dass es auch Geruchsstörungen gibt, die nichts mit Covid-19 zu tun haben. Sie schätzen, dass dies bei 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung der Fall ist. Deshalb sind solche Tests bei einer niedrigen Verbreitung von Sars-CoV-2 alleine wenig aussagekräftig.

Keine Zukunftsmusik

Kombiniert man sie aber mit Antigen-Tests könne man die Rate an falschen Positiv-Ergebnissen reduzieren und Infektionen zu mehr als 70 Prozent verhindern, schreiben die Forscher. Außerdem blieben die Kosten mit 1 Dollar pro Person immer noch sehr gering und die Tests lieferten schnelle Ergebnisse.

Dem Arzt und Covid-19-Experten Alex Beisenherz zufolge laufen derzeit fünf klinische Studien zu Riechtests. Dabei gibt es auch sehr einfache Ansätze, die an Parfüm-Proben erinnern. Es handelt sich um Karten, auf denen verschiedene Kratz-Felder mit unterschiedlichen Gerüchen aufgebracht sind. Zusammen mit einer App kann so einen Test jeder selbst durchführen und auswerten.

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Quelle: ntv.de/Klaus Wedekind