Coronavirus

Ansteckungsrate in Deutschland steigt wieder über kritischen Wert: Was bedeutet das für uns?

Coronavirus - Frankreich
© dpa, Francois Mori, BC htf

12. Mai 2020 - 9:37 Uhr

Reproduktionszahl gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt

Nach dem Coronavirus-Lockdown in Deutschland kamen die guten Nachrichten: Wochenlang beruhigte der Blick auf die Reproduktionsrate, die Zahl schrumpft. Seit einigen Tagen steigt die Kennzahl allerdings wieder, inzwischen liegt sie bei 1,07. Aber was bedeutet die Ansteckungsquote konkret und müssen wir befürchten, dass die derzeitigen Lockerungen wieder einkassiert werden?

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie auch in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Darum ist die Reproduktionszahl so wichtig

Die Reproduktionszahl - auch R-Wert genannt -  ist eine der wichtigsten Kennzahlen in der Corona-Pandemie. Erstmals seit Wochen übersteigt die Reproduktionszahl 'R' in Deutschland nun wieder ihren kritischen Wert von 1,0. Die Zahl gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) lag der Wert am 11. Mai um 0 Uhr bei 1,07, am 10. Mai lag sie bei 1,13, am 9. Mai bei 1,10 - und damit an drei Tagen hintereinander über der kritischen Marke. Das RKI hat immer wieder betont: Um die Epidemie abflauen zu lassen, müsse die Reproduktionszahl unter 1 liegen.

R-Wert unterliegt statistischen Schwankungen

Anfang Mai lag der Wert nach RKI-Angaben über mehrere Tage zwischen 0,7 und 0,8. Am Mittwoch gab das RKI den Wert noch mit 0,65 an (Datenstand 6. Mai, 0 Uhr), seitdem war er kontinuierlich gestiegen. Wie diese Entwicklung zu lesen und zu interpretieren ist, ist aber alles andere als einfach.

Zunächst muss man wissen, dass die Angabe, dass ein Infizierter im Schnitt 1,10 weitere Menschen ansteckt, nicht die momentane Situation abbildet. Aus methodischen Gründen bezieht sich der Wert auf Infektionen, die schon vor einer gewissen Zeit stattfanden. Mögliche Effekte beim Infektionsgeschehen, die auf am Mittwoch von Bund und Ländern beschlossenen Lockerungen der Beschränkungen zurückzuführen sind, kann man daran also nicht ablesen.

Zudem betont das RKI in einer Erklärung zur gestiegenen Reproduktionszahl, dass der R-Wert immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet ist. Wegen der statistischen Schwankungen, die durch die insgesamt niedrigeren Zahlen verstärkt würden, könne noch nicht bewertet werden, ob sich der während der letzten Wochen sinkende Trend der Neuinfektionen weiter fortsetzt - oder es zu einem Wiederanstieg der Fallzahlen kommt.

Reproduktionszahl um 1: Lockerungen führen zu mehr Ansteckungen

"Der Anstieg des geschätzten R-Wertes macht es erforderlich, die Entwicklung in den nächsten Tagen sehr aufmerksam zu beobachten", schreibt das RKI auf seiner Webseite. Die Reproduktionszahl könne nicht alleine als "Maß für Wirksamkeit/Notwendigkeit von Maßnahmen" herangezogen werden. Wichtig seien außerdem die absolute Zahl der täglichen Neuinfektionen sowie die Schwere der Erkrankungen. Die absolute Zahl der Neuinfektionen müsse klein genug sein, um eine effektive Nachverfolgung von Kontaktpersonen zu ermöglichen und die Kapazitäten von Intensivbetten nicht zu überlasten. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro Tag ist nach einer RKI-Übersicht seit Anfang April mit Schwankungen rückläufig.

Auch Dirk Brockmann, Experte für Modellierungen von Infektionskrankheiten an der Humboldt-Universität in Berlin, betont, dass der R-Wert nur eine grobe Schätzung und von vielen Faktoren abhängig sei. Trotzdem lasse sich aus dem Anstieg von 0,65 auf 1,10 ein Hypothese ableiten. Brockmann geht davon aus, dass sich darin widerspiegelt, dass die Menschen bereits vor den am Mittwoch beschlossenen Lockerungen langsam zur Normalität zurückgekehrt sind. Man treffe sich wieder etwas mehr und sei generell mehr unterwegs. Das führe zu mehr Ansteckungen, so die These. Generell müsse die Entwicklung des Infektionsgeschehens über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Im Großen und Ganzen pendele der R-Wert immer noch um 1 herum, so Brockmann.

RTL.de-Doku „Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus: Was lernen wir aus der Krise?“

Im dritten Teil der RTL.de-Serie "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus": Welche Lehren können wir aus der bisher größten Krise der Nachkriegszeit ziehen? Wir haben mit Experten gesprochen. War der Staat zu inkonsequent? Wurden die Schulen zu schnell geschlossen? Was tun gegen den Hamsterchaos? Und was ist der tatsächliche Grund, dass tausende Urlauber auf der ganzen Welt gestrandet sind?

Quelle: DPA/RTL.de