Intensivkapazitäten werden durch Corona-Ansturm knapp

Deutsche Ärzte müssen bald über Leben und Tod entscheiden

Krankenhäuser sind zunehmend  überlastet
© dpa, Domenico Stinellis, DS vco

26. März 2020 - 16:35 Uhr

Nicht genug Intensivbetten und Beatmungsgeräte für alle

Die Lage in den deutschen Krankenhäusern spitzt sich in der Corona-Epidemie weiter zu. Ärzte stellen sich einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge darauf ein, dass sie über Leben und Tod entscheiden müssen, wenn die Anzahl an Intensivbetten oder Beatmungsgeräten nicht mehr ausreichen sollte. Für diesen Fall haben sieben medizinische Fachgesellschaften einen Katalog mit Handlungsempfehlungen verabschiedet - und finden dabei drastische Worte.

Eine Auswahl der Patienten ist "unausweichlich"

19.03.2020, Italien, Brescia: Medizinisches Personal behandeln am Gang der Intensivstation des Krankenhauses von Brescia einen Patienten. In der Lombardei liegen die Metropole Mailand und die heftig von der Krankheit Covid-19 betroffene Zone um Berga
Ärzte müssen in Italien bereits auf die Gänge ausweichen - droht dieser Zustand auch Deutschland?
© dpa, Claudio Furlan, shalan stewart fgj

Es sei "wahrscheinlich, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen, die ihrer bedürfen". Das heißt: Wenn die Corona-Epidemie sich weiter verschlimmert, können nicht mehr alle Patienten versorgt werden. Dadurch entstehen schwierige Entscheidungskonflikte für die Ärzte.

Laut dem Katalog sei für eine Weiterbehandlung der Gesundheitszustand und der Patientenwille entscheidend. Eine Intensivtherapie ist dann nicht ratsam, wenn der Sterbeprozess des Patienten bereits unaufhaltsam begonnen hat, die Therapie aussichtlos ist, weil keine Besserung oder Stabilisierung zu erwarten ist, oder wenn das Überleben nur bei dauerhaftem Aufenthalt auf der Intensivstation gesichert werden könne.

Wenn die Anzahl der ernsthaft an dem Coronavirus erkrankten Menschen weiter steigt, werden die Intensivstationen mit der Betreuung überfordert sein. Dann muss über die Verteilung der begrenzten Ressourcen entschieden werden. Es sei "unausweichlich" eine Auswahl zu treffen, welche Personen akut- oder intensivmedizinisch behandelt werden "und welche nicht (oder nicht mehr)". Eine Situation, wie sie das deutsche Gesundheitssystem nicht gewohnt ist.

"Mehraugen-Prinzip" soll Entscheidungen erleichtern

25.03.2020, Belgien, Lüttich: Ein Covid-19-Patient mit Mundschutz liegt auf einem Bett in der Intensivstation des CHU-Krankenhauses. Foto: Pool Olivier Hoslet/BELGA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Ärzte befürchten, bald nicht mehr alle Patienten behandeln zu können.
© dpa, Pool Olivier Hoslet, h0 fgj

Die Ärzte in den Krankenhäusern müssen dabei zwei folgenschwere Entscheidungen treffen: Bei welchen Patienten werden intensivmedizinische Maßnahmen, wie zum Beispiel eine künstliche Beatmung, begonnen und bei welchen werden bereits eingeleitete Maßnahmen gestoppt. Diese Entscheidungen stellen eine "enorme emotionale und moralische Herausforderung für das Behandlungsteam dar". Was dabei hilft: eindeutige Handlungsempfehlungen.

Den Empfehlungen zufolge soll ein "Mehraugen-Prinzip" aus zwei erfahrenen Intensiv-Ärzten, einem Angehörigen des Pflegepersonals und eines weiteren Mediziners die Entscheidungen erleichtern. Die Entscheidung, wer behandelt wird und wer nicht, soll sich dabei allein danach richten, wie erfolgsversprechend eine Behandlung ist. Wichtig sei der "Verzicht auf Behandlung derer, bei denen keine oder nur eine sehr geringe Erfolgsaussicht besteht. Vorrangig werden dann diejenigen Patienten klinisch notfall- oder intensivmedizinisch behandelt, die dadurch eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit beziehungsweise eine bessere Gesamtprognose (auch im weiteren Verlauf) haben", heißt es in den Empfehlungen.

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Auch Nicht-Infizierte sollen berücksichtigt werden

Der Katalog empfiehlt auch, dass die Auswahl zwischen allen Patienten unabhängig von der Station, auf der sie lägen, getroffen wird. So sollen auch nicht an Covid-19-Erkrankte in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Außerdem soll eine Entscheidung nicht nur aufgrund des Patientenalters oder anderer sozialer Kriterien beruhen.

Die "Klinisch-ethischen Empfehlungen" wurden gemeinsam von den folgenden Organisationen verfasst: der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, der Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und der Akademie für Ethik in der Medizin.