Kippt jetzt die 35?

Kanzlerin Merkel deutet Abkehr von Inzidenzwerten an - Wissenschaft ist uneins

Kanzlerin Merkel war in den vergangenen Tagen Stück für Stück von der 35er Marke abgerückt.r
Kanzlerin Merkel war in den vergangenen Tagen Stück für Stück von der 35er Marke abgerückt.r
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27. Februar 2021 - 14:50 Uhr

Merkel weicht 35er Marke auf

Die 35 ist die neue 50. Erst vor wenigen Wochen hatte Kanzlerin Merkel nach dem Treffen mit den Ministerpräsidenten verkündet, dass die Inzidenz-Marke verschärft werden müsse. Jetzt rudert sie langsam aber stetig zurück und weicht die 35er Marke Stück für Stück auf. In einem Interview mit FAZ hatte sie kürzlich angedeutet, dass durch ausreichend Schnelltests auch eine Öffnung vor Erreichen der 35er Marke möglich sei.

Einige Ministerpräsidenten sind ohnehin der Meinung, dass unabhängig von der 35 gelockert werden müsse. Sie fordern andere Faktoren zu berücksichtigen. Und auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier glaubt, dass Außengastronomie um Ostern herum wieder möglich sein sollte.

Einer tritt aber auf die Bremse; Markus Söder will lieber vorsichtig bleiben.

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Söder: "Heute alles gut, morgen ist man Hotspot"

Wieder einmal ist es Markus Söder, der bei möglichen Öffnungen zur Vorsicht mahnt. "Wir dürfen nicht die Nerven verlieren. Wir brauchen ein nachvollziehbares Konzept, das sowohl bei besser werdenden Inzidenzen Öffnungen vorsieht, aber auch die Möglichkeit der Sicherheit bietet, wenn es schlechter wird", sagte Söder. Bei der Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin dürften keine Einbahnstraßelösungen nur für Öffnungen getroffen werden. "Sie müssen auch einen Sicherheitspuffer für den Fall haben, dass es durch die Mutationen schlechter werden wird", so Söder. "Es kann schnell gehen. Heute alles gut, morgen ist man Hotspot."

Günther plant weitere Öffnungen für 8. März

Sein Amtskollege aus Schleswig-Holstein, Daniel Günther, ist gänzlich anderer Meinung. Er will sogar weitere Lockerungen – wie erste Öffnungen des Einzelhandels – im nördlichsten deutschen Bundesland ab dem 8. März einführen. Im Frühstart von RTL und ntv sagte er: "Wenn die Schnelltests jetzt alle zugelassen werden, wenn das auch einfach handhabbar ist, kann das definitiv eine Möglichkeit sein, um weitere Öffnungsschritte zu ermöglichen."

Damit steht Günther nicht allein. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer erwartet vom Treffen mit der Kanzlerin am Mittwoch zumindest eine Aussicht auf Lockerungen. "Es geht darum, in Schritten deutlich zu machen, wie kann man sich eine Öffnungsperspektive vorstellen", sagte Dreyer.

RKI warnt vor Mutationen

Es droht also ein Streit beim nächsten Bund-Länder-Gipfel. Denn die Wissenschaft – der Kanzlerin Merkel großes Gehör schenkt – ist bei dem Thema ebenso gespalten wie die Ministerpräsidenten.

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler warnte erneut vor der Virus-Mutante und dessen Auswirkungen. "Diese Variante breitet sich rasch aus und sie ist deutlich ansteckender und auch gefährlicher. Das gilt für alle Altersgruppen." Er plädiert daher für Lockerungen mit Augenmaß.

Ganz anders sieht es der Epidemiologe Prof. Timo Ulrich. Im RTL-Interview sagte er, es sei durchaus vertretbar Lockerungen auch früher "angesichts der mehr oder weniger stabilen Lage bei 60, ins Auge fassen". Dennoch plädiert auch er für vorsichtige Lockerungen, "das heißt, eine Maßnahme nach der anderen", um zu sehen, wie sich jeder einzelne Schritt auf das Infektionsgeschehen auswirkt.

Spahn: Schnelltests schon bald Teil unseres Alltags

Auf die Seite der Lockerer stellte sich hingegen Bundesgesundheitminister Spahn. Er machte Mut, dass durch ausreichende Schnelltests Lockerungen schon bald möglich seien. "Ich bin davon überzeugt, dass Schnelltests schon bald selbstverständlicher Teil unseres Alltags sein werden."

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