Angebliche Kosmetikfirma als Deckmantel

Corona-Lockdown: Mit diesem Trick hilft eine 18-Jährige Opfern von häuslicher Gewalt

18-Jährige gründet angeblichen Online-Shop für Kosmetik, bei dem sich Frauen in Not heimlich Hilfe holen können.
18-Jährige gründet angeblichen Online-Shop für Kosmetik, bei dem sich Frauen in Not heimlich Hilfe holen können.
© Krysia Paszko

08. März 2021 - 19:09 Uhr

Angeblicher Kosmetikshop ist ein Hilfeportal für Frauen in Not

Krysia Paszko ist gerade einmal 18 Jahre alt, doch schon jetzt weiß sie genau, was sie will: anderen Frauen helfen. Die Teenagerin aus Warschau entwickelte im ersten Lockdown eine Initiative, die auf den ersten Blick wie ein Online-Shop für Kosmetikprodukte aussieht. Doch statt Cremes und Lotionen bekommen die Kundinnen von "Rumianki i bratki" (auf Deutsch: "Kamille und Veilchen") unauffällig Hilfe, wenn sie Opfer häuslicher Gewalt sind.

Frauen können sich über Krysias Facebook-Seite heimlich Hilfe holen

Krysia, die auch bei den polnischen Pfadfindern aktiv ist, möchte später mal Anwältin für Menschenrechte werden. Der 18-Jährigen fiel auf, dass Frauen, die von ihrem Partner geschlagen werden, es im Lockdown viel schwerer haben, an Hilfe zu kommen. Nicht nur, dass sie mit ihrem Peiniger zuhause festsitzen – weil die Menschen untereinander viel weniger Kontakt haben, bleiben viele Gewaltdelikte, die hinter verschlossenen Türen passieren, verborgen.

Auf Facebook präsentiert Krysia ihren völlig unverdächtigen "Kosmetikshop", bei dem sich Frauen heimlich Hilfe holen können. Selbst wenn der Peiniger seinem Opfer über die Schulter schaut, ist kaum zu erkennen, dass es auf dieser Seite nicht wirklich um Naturkosmetik geht. Auch wenn dort Bilder von verschiedenen Beauty-Produkten zu sehen sind: Die Message an die Kundinnen ist klar: "Kontaktieren Sie uns gerne in einer privaten Nachricht für Fragen oder Anliegen. Haltet durch", teilt die 18-Jährige ihren "Kundinnen" mit.

Selbst die die Fragen, die die Nutzerrinnen beantworten sollen, sehen völlig harmlos aus: "Welche Hautprobleme haben Sie?" Oder: "Brauchen Sie auch Kosmetik für Kinder?" Sobald man weiß, dass es hier in Wahrheit um Hilfe bei häuslicher Gewalt geht, versteht man die verschlüsselten Botschaften. Über eine direkte Facebook-Nachricht können Frauen, die Hilfe brauchen, sich melden. Die Fälle werden dann an örtliche Hilfsorganisationen weitergeleitet, die auf Hilfe für Opfer von Partnerschaftsgewalt spezialisiert sind.

Inzwischen folgen fast 22.600 Facebook-User der cleveren Seite der 18-Jährigen. Rund 350 Frauen hätten das Angebot schon genutzt, sagte Krysia dem Portal "Euronews".

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Mehr häusliche Gewalt in der Corona-Pandemie

In ganz Europa sind durch die Corona-Pandemie die Fälle von häuslicher Gewalt massiv gestiegen. Laut einem Bericht der EU-Kommission ist die Zahl der Meldungen dazu in der ersten Lockdown-Woche allein in Frankreich um 32 Prozent gestiegen. Doch auch andere Länder meldeten alarmierende Zahlen: "Irland verzeichnete einen Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt um das Fünffache, und die spanischen Behörden meldeten einen Anstieg der Meldungen um 18 Prozent in den ersten zwei Wochen des Lockdowns", heißt es der Mitteilung der EU-Kommission. Auch in Litauen seinen in den ersten drei Wochen des Lockdowns 20 Prozent mehr Fälle von häuslicher Gewalt gemeldet worden, als normalerweise.

In Frankreich wurde darum auch eine Aktion getestet, bei der sich Frauen in der Apotheke mithilfe eines Code-Wortes unauffällig Hilfe holen konnten, für den Fall, dass ihr Peiniger daneben steht und mithört. Wenn jemand eine "Maske 19" bestellte, war das das geheime Zeichen für den Mitarbeiter hinter dem Tresen, die Polizei zu verständigen. Auch in Spanien und Belgien wurden ähnliche Codewörter eingeführt, um Frauen in Not schnelle Hilfe zukommen zu lassen.

In Deutschland ist die Dunkelziffer hoch

Auch in Deutschland vermuten Experten, dass es im Lockdown zu mehr Gewalt in den eigenen vier Wänden kam als unter normalen Umständen. Genaue Zahlen gibt es dazu aber noch nicht. Die Leiterin des Hilfetelefons Gewalt gegen Frauen, Petra Söchting, berichtete aber, dass seit April fast 20 Prozent mehr Betroffene den Kontakt zu der Beratungsstelle suchen. Statt rund 850 Beratungen pro Woche wie 2019 seien es inzwischen etwa 1.000. Allerdings sei das Angebot auch deutlich bekannter geworden.

In Deutschland werden die Zahlen zur Partnerschaftsgewalt jährlich vom Bundeskriminalamt erfasst. In der jüngsten Statistik für 2019 waren rund 80 Prozent der Opfer Frauen, knapp 20 Prozent Männer. Bei sexuellen Übergriffen bis hin zur Vergewaltigung sowie bei Zuhälterei und Prostitution waren die Opfer fast immer Frauen. Die Hälfte aller Opfer lebte mit dem Täter oder der Täterin im gleichen Haushalt. Viele Opfer werden von der Statistik aber überhaupt nicht abgebildet, weil sie sich scheuen, Hilfe zu suchen.

Das Bundesfamilien- und das Innenministerium planen eine wissenschaftliche Studie zu Gewalt in der Partnerschaft. Mit Ergebnissen ist aber nicht vor 2024 zu rechnen. In Deutschland fehle es an "aktuellen, wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen zu Verbreitung, Ausmaß und Formen von Gewalt gegen Frauen und Männer", sagte eine Sprecherin. "Mit der wissenschaftlichen Studie sollen valide Daten ermittelt werden, um zielgenauer Unterstützungs- und Hilfsangebote auf- und ausbauen zu können."

Hier finden Opfer von Gewalt Hilfe

Sie sind Opfer von Gewalt? Egal, ob Sie geschlagen, gestalkt oder missbraucht wurden: Sie sind nicht allein, denn es gibt Hilfe. Wir haben für Sie wichtige Anlaufstellen aufgelistet, an die Sie sich im Notfall wenden können.