Corona-Krise in London: Die Gastro macht dicht

"Ich habe einfach nur eine Mail bekommen - ohne Erklärung, ob ich meinen Job wiederbekomme"

24. März 2020 - 14:18 Uhr

Die Gastronomie steht vor dem Aus- auch Deutsche sind betroffen

"Alle sollten Pubs, Clubs, Theater und ähnliche öffentliche Einrichtungen meiden." Spätestens nach diesem Satz von Premierminister Boris Johnson am Montag wussten die Menschen in Großbritanniens Gastronomie: jetzt kommt die große Katastrophe. Schon seit dem Ausbruch des Corona-Virus sind die Einnahmen stark zurückgegangen, doch dieser Satz bedeutete für viele das berufliche Todesurteil. Auch Kristina und Oliver - beide aus Deutschland - sind betroffen. Im Video erzählt Kristina, wie sie sich jetzt in der WG zusammenraufen - und wie es mit ihr weitergehen wird.

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1 Mio. Gastro-Arbeiter in Großbritannien wegen der Corona-Pandemie vermutlich bald ohne Job

Über drei Millionen Menschen arbeiten in Großbritannien in Pubs, Bars, Restaurants und Hotels. Im Moment gehen Hochrechnungen davon aus, dass mindestens mehrere hundertausend bis zu einer Million davon ihren Job verlieren werden. Besonders in London arbeiten hauptsächlich Nicht-Briten in der Gastronomie, von Boris Johnsons Ansage und der bisher fehlenden Unterstützung seitens der Regierung sind auch viele Deutsche betroffen.

So auch Oliver aus Hamburg. Seit eineinhalb Jahren arbeitet er als Barkeeper in London, es ist sein letzter bezahlter Arbeitstag. Mit seinen Kollegen räumt er die Alkoholflaschen von der Bar in den Keller - da sollen sie aufbewahrt werden, bis die Bar wieder öffnet. Nur weiß im Moment niemand, ob und wann das überhaupt passiert. Am Dienstagabend schloss sein Chef alle fünf seiner Bars und feuerte die Mitarbeiter.

"Einfach eine Mail ohne Erklärung, ob ich meinen Job zurückbekomme"

"Ich habe einfach nur eine Mail bekommen in der stand, dass alle Läden jetzt geschlossen werden - ohne Erklärung, ob ich meinen Job zurückbekomme, wenn die Krise vorbei ist oder was das genau für mich bedeutet", erklärt Oliver.

Etwas besser geht es Kristina Völk. Die Stammheimerin hat bis Dienstag für die Kaffeerösterei und Bar "Grind" in London gearbeitet - auch ihr Chef musste fast alle seiner Läden schließen und seine Mitarbeiter entlassen. Immerhin: alle 350 Mitarbeiter werden noch zwei Wochen lang bezahlt, bekommen danach 90 Pfund die Woche. Das ist noch nicht mal ein Drittel von dem Geld, was man in London zum Leben braucht.

"Wir sind wütend auf die Regierung"

"Wir sind nicht wütend auf den Eigentümer, wir sind mehr wütend auf die Regierung im Moment, auf Boris Johnson. Dadurch dass er keine Maßnahme ergriffen hat mit denen er uns unterstützt, hängen wir einfach in der Luft", sagt Kristina. "Natürlich geht's uns gut, wir sind nicht krank, wir sind noch nicht bankrott, wir haben noch Freunde und Familie um uns rum. Aber es ist schon eine Angst, die in dir drin ist, weil du hast keine Kontrolle darüber."

Das Problem: die wenigen Unternehmen, die für so einen Ausnahmefall, wie jetzt die Corona Pandemie, eine Versicherung abgeschlossen haben, bekommen die nicht ausgezahlt, bis die Regierung ihnen offiziell verbietet zu öffnen. Zwar gab die britische Regierung bekannt, dass Unternehmen im Gastgewerbe sich für eine 12-monatige Zahlungspause der Unternehmenstarife und Zuschüsse in Höhe von 10.000 bis 25.000 Pfund bewerben könnten - das ist aber längst nicht genug, um die Industrie zu retten und vor allem geht nichts davon an die Mitarbeiter.

"Die Regierung hat das Gastgewerbe ohne jegliche Unterstützung faktisch geschlossen"

Kate Nicholls, Geschäftsführerin des Handelsorgans UK Hospitality, bezeichnete die Ankündigung von Boris Johnson als "katastrophal".

"Die Regierung hat das Gastgewerbe ohne jegliche Unterstützung faktisch geschlossen, und diese Ankündigung wird dazu führen, dass Tausende von Unternehmen ihre Türen für immer schließen und Hunderttausende ihre Arbeitsplätze verlieren werden."

Kristina Völk hat Glück, sie arbeitet auch noch freiberuflich und kann viel davon aus dem Home Office machen, Oliver setzt sich jetzt schon mit dem schweren Gedanken auseinander seine Freunde und sein Leben in London zu verlassen und zurück nach Deutschland zu gehen. Er sagt, er könnte sich bei den hohen Mieten und Lebenshaltungskosten in London noch eineinhalb Monate ohne Einkommen über Wasser halten.