69 von 575 Beschäftigten Corona-positiv

Schwere Vorwürfe gegen Greizer Klinik: Wie konnten sich so viele Mitarbeiter infizieren?

Ein improvisiertes Banner weist im März auf den Coronavirus-Diagnose-Stützpunkt am Eingang des Krankenhauses in Greiz hin.
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02. Juli 2020 - 11:50 Uhr

Schwere Vorwürfe gegen Klinikleitung

Der Landkreis Greiz in Thüringen war lange ein Corona-Hotspot. Vor allem das kleine örtliche Krankenhaus wurde vom Coronavirus regelrecht überrollt. In einem neuen Bericht der "Zeit" machen die Mitarbeiter der Klinikleitung jetzt schwere Vorwürfe – anonym, aus Angst vor den beruflichen Folgen. Die Situation sei auf dem Höhepunkt der Infektionswelle kaum noch zu kontrollieren gewesen: Zu viele Patienten, zu wenig Personal. War die Greizer Klinik in Wirklichkeit das Zentrum des regionalen Ausbruchs?

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"Der Stopp kam nie"

Zwischen Mitte März und Mai spitzte sich die Lage in Greiz immer weiter zu. Zwischenzeitlich kam der Kreis auf 75 Corona-Neuinfektionen pro Woche – also 25 mehr als mittlerweile einen regionalen Shutdown auslösen würden. Wie eine Ärztin der "Zeit" berichtet, sei sie damals jeden Tag mit der Erwartung zur Arbeit gefahren, dass die Aufnahme von Covid-19-Patienten wegen der Überlastung gestoppt werden würde – doch "der Stopp kam nie".

Neun Ärzte und Pfleger sowie andere Mitarbeiter wurden von der Zeitung zu den Zuständen im Krankenhaus befragt. Alle sagten, die Situation sei kaum noch unter Kontrolle gewesen. Der "Zeit" liegen auch sogenannte Gefährdungsanzeigen vor: Darin informierten die Beschäftigten die Klinikleitung schriftlich, dass die Arbeit nicht mehr zu schaffen sei und ein Aufenthalt im Greizer Krankenhaus für Patienten deshalb sogar gefährlich werden könne.

Patient erfuhr erst bei Entlassung von Infektion des Zimmernachbarn

Das musste Jürgen Gruber, dessen Name die "Zeit"-Redaktion änderte, am eigenen Leib erfahren: Er lag mit einer Schnittwunde zwölf Tage im Krankenhaus. In seinem Entlassungsbrief dann der beiläufige Satz: "Pat. lag mit einem Covid-19 infizierten Pat. im Zimmer." Selbst getestet wurde Gruber nach eigenen Angaben im Krankenhaus nicht. Zu Hause bekam er dann Fieber, Atemnot, Geschmacksverlust. Er hatte sich mit Corona infiziert, musste für elf Tage auf die Intensivstation einer anderen Klinik. Heute ist er wieder gesund, fürchtet sich jedoch vor den Spätfolgen.

Ärzte und Pfleger mussten sich Schutzkleidung teilen

Wie auch in vielen anderen Kliniken mangelte es in Greiz zu Beginn an medizinischer Ausrüstung. Wie die "Zeit" berichtet, habe es für viele Zimmer mit Corona-Infizierten nur einen einzigen Schutzkittel gegeben, den sich alle Ärzte und Pfleger teilen mussten. Laut der Klinik habe es sich dabei um Ausnahmen gehandelt. Wegen des Mangels an Schutzkleidung fiel zwischenzeitlich allerdings sogar die Reinigungsfirma aus – also mussten die Pfleger neben dem ohnehin schon riesigen Berg von Aufgaben auch noch den Boden putzen.

Laut den befragten Mitarbeitern war außerdem viel zu wenig Personal da, um die Lage noch im Griff zu haben: Auf zehn Patienten kam eine Pflegekraft. Zum Vergleich: Im Städtischen Krankenhaus Heinsberg, ebenfalls ein ehemaliger Corona-Hotspot, war ein Pfleger tagsüber für nur drei Patienten zuständig. Eine Angestellte berichtet von ihrer Angst, ohne eine liebevolle Berührung immer sofort zum nächsten Patienten weiterzuhetzen, später zurückzukommen und dann nur noch eine Leiche vorzufinden.

Hätte mehr getestet werden müssen?

Zudem kritisierten viele, dass nicht genug Corona-Tests stattfanden: Alle befragten Mitarbeiter berichteten von Kollegen, die Covid-19-Symptome hatten, aber nicht getestet wurden. Laut Krankenhaus seien "vereinzelt" Mitarbeiter positiv getestet worden. Das Gesundheitsministerium in Erfurt gab hingegen bekannt, dass es beim Klinikpersonal zwischen März und Mai insgesamt 67 Corona-Infektionen gab.

Ob und wie viele Patienten sich in der Greizer Klinik angesteckt haben, könne man laut Zeit ohne genaue Untersuchung der Infektionswege nur vermuten. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums erklärte der Zeitung aber, dass die Fragen nach den vielen Infizierten in Greiz nur "teilweise beantwortet wurden".

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