Als Mama in Nahost: So ist das Leben in Israel

Corona in Israel: Besorgte Eltern, besorgte Kindergärtner und Polizei-Kontrollen bei Quarantäne-Fällen

Raschel Blufarb und ihre Kinder auf einem Fest in Tel Aviv: Corona ist überall präsent.
© RTL

12. März 2020 - 12:34 Uhr

von Raschel Blufarb aus Tel Aviv

Raschel Blufarb ist RTL-Korrespondentin in Israel und Mutter von zwei Kindern. Bei RTL.de schreibt sie regelmäßig über das tägliche Leben als Familie in Israel. Im Moment ist dort vor allem nur eins präsent: Leben in Zeiten von Corona.

Taschenkontrolle am Eingang zum Straßenfest in unserem Viertel in Tel Aviv. Es ist brechend voll. Gäbe es doch nur eine Kontrolle auf Corona-Viren, denke ich und drücke die Hand meiner Tochter fest. Sie ist vier, freut sich seit einer Woche auf die Purimparade. Purim ist jüdischer Karneval. Das Fest erinnert an die Rettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora durch Königin Esther im 5. Jahrhundert.

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Die Kindergarten-Whatsapp-Gruppe glüht

Tel Aviv
Purim ist jüdischer Karneval. Das Fest erinnert an die Rettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora durch Königin Esther im 5. Jahrhundert.
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Meine Tochter geht als Prinzessin, ich bin Clown, mein fünf Monate alter Sohn ist im Tragetuch. Wir schieben uns durch die schmale Allee – rechts und links sind Stände zum Spielen. Es ist eng und laut. In den wummernden Bass mischt sich Kindergeschrei. Seit Corona sehe ich überall nur laufende Nasen und hustende Menschen. Ich hole mein Desinfektionsspray raus, weiß aber irgendwie: Gegen Corona hilft eh nichts.

Meine Tochter zieht mich zu einem Stand. "Wir spielen Arzt, Mama! Leg dich auf die Liege, ich untersuch' dich jetzt!" Ich will nein sagen, mache aber den Mund auf, da kommt schon das Thermometer. Die Kindergarten Whats App-Gruppe meiner Tochter bombardiert mich mit Nachrichten. Besorgte Eltern, besorgte Kindergärtner. Wer in den letzten 14 Tagen aus dem Ausland zurückgekommen ist, solle sich bitte strikt an die Heimquarantäne halten, die das Gesundheitsministerium verordnet hat, schreibt die Leiterin. Man versuche, den Kindergarten so lange wie möglich in Betrieb zu halten, könne aber nichts versprechen.

Über 100.500 Israelis in Heimquarantäne

Einige Schulen und Kindergärten haben schon dicht gemacht, über 100.500 Israelis sitzen in Heimquarantäne, 14 Tage lang. Die Polizei kontrolliert das. Ich rechne zurück, wann ich zuletzt in Köln war: Vor 16 Tagen. Heimquarantäne also knapp verpasst. Super, das Leben geht normal weiter – vorerst. Dabei gibt es in Israel schon lange kein normal mehr.

100 Corona-Infizierte zählt das Gesundheitsministerium, fast stündlich wird die Zahl nach oben korrigiert. Nummer 76 ist ein neunjähriges Kind, ein Mann schwebt in Lebensgefahr. Tote gibt es bisher noch nicht, doch in den kommenden Wochen soll die Hälfte der Bevölkerung in Israel an Corona erkranken, prophezeien Ärzte. Es wird einen Shutdown geben, wie in Italien. Die Epidemie sei nicht aufzuhalten, aber zu verlangsamen. Die israelischen Nachrichten kreisen monothematisch ums tödliche Virus.

Die radikale Unsicherheit, nicht zu wissen, was ist, macht mich fertig. Mal fühle ich, als wäre alles normal, im nächsten Moment bin ich sicher, es ist der Anfang vom Ende, die nächste Weltwirtschaftskrise ist da, mein Geld nichts mehr wert. Ich kann meinen Kindern nichts bieten. Ich rufe meine Bank an, frage, wieviel Geld ich verloren habe seit gestern und mache mein Testament. Die Panik kommt in Wellen.

Wir alle sind angespannt, weil die Corona-Gefahr unsichtbar ist

Corona ist das bestimmende Thema, auch in Israel. Die vierjährige Tochter unserer Korrespondentin findet die Auswirkungen nicht immer toll...
Corona ist das bestimmende Thema, auch in Israel. Die vierjährige Tochter unserer Korrespondentin findet die Auswirkungen nicht immer toll...
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Meine Tochter zerrt mich zum nächsten Stand: Wir spielen Eisverkäuferin. "Mama, bestell jetzt!" "Erdbeere mit Schockstreusel und Sauce", sage ich. "Aber Schatz, ich nehme das nicht in den Mund und du gefälligst auch nicht!" Ihre Zunge leckt am Plastik. "Mama, das ist doch nur Spiel!"

Als ich letztens im Bus saß, war der Bereich um den Fahrer komplett mit Klebeband abgesperrt, damit man bloß nicht bei ihm zahlt, im Zug gab es fast eine Schlägerei, weil der Fahrgast neben mir meinte, sein Nachbar hätte ihn absichtlich angeniest. In meinem Lieblingskaffee gibt es seit heute nur noch Kaffee in Einwegbechern. Wir alle sind angespannt, weil die Corona-Gefahr unsichtbar ist. Wir sind hilflos, haben keine Kontrolle. Wir fragen uns, wie gefährlich Corona wirklich ist, und haben keine Antwort. Vor Corona konnten wir uns wenigsten vormachen, wir hätten unser Leben im Griff, das geht jetzt nicht mehr. Das macht wütend.

Mein Handy klingelt. RTL ist dran. Breaking News: Wegen Corona schließt Israel seine Grenzen. Der Flugverkehr wird komplett eingestellt. Alle Touristen müssen das Land verlassen, auch die Deutschen. Raschel, kannst du deutsche Touristen in Israel auftreiben und die filmen? Das ist für die Abendnachrichten. Ja, klar, sage ich automatisch. Ich höre nicht viel, ich stehe neben einer Box.  Am Flughafen, denke ich, da wird es deutsche Touristen geben, die nach Hause fliegen. Aber das ist ja im Moment der gefährlichste Ort mit den meisten Corona-Viren. Ich rufe die Nanny an, streife mit das Clownskostüm ab, fahre zum Flughafen. Meine Tochter ist sauer, wieder nur die Nanny.

Ich desinfiziere mir die Hände – jetzt ist Coronazeit.