Ex-Gesundheitsminister lobt Deutschlands Strategie

Corona überrollt Großbritannien wie ein Tsunami

Jeremy Hunt und Boris Johnson
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31. März 2020 - 9:56 Uhr

von Ulrich Oppold (London)

Mehr Tests könnten in Großbritannien Leben retten, meint der ehemalige britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt. Der konservative Politiker lobt Deutschlands Krisenmanagement als vorbildlich und fordert im "Sunday Telegraph", in Großbritannien einen Großteil der Bevölkerung auf den Erreger Sars-CoV-2 zu testen. Zur Zeit werden rund 35.000 Briten in der Woche getestet, in Deutschland sind es rund eine halbe Million. 

Die wichtigsten Krisenmanager sind selbst infiziert

26.03.2020, Großbritannien, London: Kunden stehen vor einem Supermarkt in Westminster Schlange, vor dem Klebeband auf dem Boden angebracht ist, um die Einhaltung eines Mindestabstandes zwischen den Kunden zu gewährleisten. Der britische Premier Johns
Schon morgens um 6 Uhr warten tausende vor den großen Supermärkten auf der Insel. Die Briten hamstern gegen die Krise, Klopapier, Konserven, Nudeln sind in den frühen Morgenstunden schon gleich wieder ausverkauft.
© dpa, Victoria Jones, esz fgj

Vorbildlich sind die Engländer wenigstens im Schlangestehen. Schon morgens um 6 Uhr warten tausende vor den großen Supermärkten auf der Insel. Die Briten hamstern gegen die Krise, Klopapier, Konserven, Nudeln sind in den frühen Morgenstunden schon gleich wieder ausverkauft. Branchenriese "Tesco" und andere Supermarktketten rationieren bereits die Produkte – eine Packung pro Kunde.

Es ist ein nationaler Notstand und die wichtigsten Krisenmanager sind selbst mit dem Virus infiziert: Premierminister Boris Johnson, Gesundheitsminister Matt Hancock und der oberste medizinische Beamte Chris Whitty. Auch der umstrittene Regierungsberater Dominic Cummings hat sich sich offenbar angesteckt.

Formel 1-Teams wollen Beatmungsgeräte entwickeln

FILE PHOTO: Formula One F1 - Australian Grand Prix - Melbourne Grand Prix Circuit, Melbourne, Australia - March 12, 2020   Mercedes' Lewis Hamilton poses for a drivers portrait   REUTERS/Edgar Su/File Photo
. In einem Wettlauf gegen die Zeit wollen britische Hersteller aber auch sieben Formel-1-Teams in England die überlebenswichtigen Beatmungsgeräte nun entwickeln. Zum "Project Pitlane" gehört auch das Mercedes-Team von Weltmeister Lewis Hamilton.
© REUTERS, Edgar Su, /FW1F/Pritha Sarkar

Der Ausbruch des Corona-Virus auf der Insel ist wie ein Tsumani, der das staatliche britische Gesundheitssystem schon jetzt überfordert. In Großbritannien gibt es rund 70 Prozent weniger Krankenhausbetten als in Deutschland, 80 Prozent weniger Beatmungsgeräte. In einem Wettlauf gegen die Zeit wollen britische Hersteller aber auch sieben Formel-1-Teams in England die überlebenswichtigen Beatmungsgeräte nun entwickeln. Zum "Project Pitlane" gehört auch das Mercedes-Team von Weltmeister Lewis Hamilton.

Die britische Armee versorgt inzwischen die Krankenhäuser mit insgesamt 7,5 Millionen Gesichtsmasken und Schutzkleidung. In London, Manchester und Birmingham bauen Soldaten Konferenzzentren zu Notfallkliniken und Leichenhallen um. Militärberater richten regionale Kommandozentralen im Kampf gegen das Virus ein. Je ein sogenannter "Gold Commander" leitet die regionalen Stützpunkte, wo die Arbeit der Gesundheits-, Militär- und Polizeibehörden koordiniert wird.

Ausgangssperren bis Juni?

"Zu langsam" habe die Regierung auf die Krise reagiert, meint John Ashton, ein ehemaliger Regionaldirektor des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS. Die Kritik am Krisenmanagement der Regierung Johnson wächst, während der Premierminister an 30 Millionen Landleute einen Brief geschrieben hat, in dem er sie noch einmal eindringlich bittet zu Hause zu bleiben. Anfang März prahlte Boris Johnson noch, er habe Menschen in einem Krankenhaus, darunter Covid-19-Patienten, die Hand geschüttelt. Jetzt muss er sich vorwerfen lassen, den Ausbruch des Virus unterschätzt, zu spät und zu unentschlossen reagiert zu haben.

Die Ausgangssperre in Großbritannien könnte bis Juni andauern sagt Professor Neil Ferguson, ein leitender Regierungsberater für Epidemiologie. Die wirtschaftlichen Folgen wären verheerend. Experten rechnen mit Massenarbeitslosigkeit und einer beispiellosen Pleitewelle.

Sollte sich der Gesundheitszustand von Premierminister Boris Johnson verschlechtern, müsste Aussenminister Dominic Raab die Amtsgeschäfte übernehmen, inmitten einer Krise, wie sie die das Vereinigte Königreich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat.