Briten halten sich nicht an Corona-Empfehlungen

Corona in Großbritannien: Kommt jetzt doch der Lockdown?

Ministers At Downing Street Amid Coronavirus Crisis
© Vedat Xhymshiti/ZUMA Wire / SplashNews.com

24. März 2020 - 15:27 Uhr

von Caroline Schiemann (Studio London)

Im Kampf gegen das Coronavirus scheint die britische Regierung die Zügel etwas fester in die Hand nehmen zu wollen. Gesundheitsminister Matt Hancock reagierte in einem BBC- Radiointerview auf Bilder vom Wochenende, die etliche Menschen beim Spaziergang in überfüllten Parks zeigen.

"Das ist sehr egoistisch" und er verstehe nicht, warum sich seine Mitmenschen der Vorgabe der Regierung widersetzten. Der Hinweis sei klar und deutlich gewesen: Zwei Meter voneinander Abstand halten und bestenfalls zu Hause bleiben. 

Johnsons Bitte zum Muttertag: "Das beste Geschenk ist, die eigene Mutter nicht zu besuchen“

The Greyfriars Bobby statue is pictured wearing a mask as the spread of the coronavirus disease (COVID-19) continues, in Edinburgh, Scotland, Britain, March 23, 2020. REUTERS/Russell Cheyne
Eine Statue in Edinburgh wurde mit einer Atemschutzmaske verkleidet.
© REUTERS, RUSSELL CHEYNE, tj

Seiner Äußerung vorangegangen war die Bitte von Premierminister Boris Johnson anlässlich des Muttertags, der in Großbritannien am Sonntag gefeiert wurde. Das beste Geschenk, das man Müttern in dieser Zeit machen könne, sei, sie zum Muttertag anzurufen, aber nicht zu besuchen. 

Briten widersetzen sich der Forderung der Regierung 

Dem eindringlichen Ratschlag der Regierung an die Bürger, sich voneinander fernzuhalten, kamen Tausende Briten allerdings nicht nach. Urlaubsregionen in Wales erlebten am Wochenende einen Zustrom an Touristen. In Schottland erklärte Regierungschefin Nicola Sturgeon schottische Inseln zu No-Go-Zonen und bat Fährunternehmen, nur Passagiere zu transportieren, deren Fahrt auf die Inseln notwendig sei. 

Handelt die britische Regierung zu lasch?

Die britische Regierung gerät unter Druck. In anderen europäischen Ländern gelten bereits Ausgangssperren, in Deutschland mittlerweile ein Kontaktverbot, das Ansammlungen von mehr als zwei Personen untersagt. Auf diese Weise soll die Zahl an Neuinfektionen reduziert werden. Im Vereinigten Königreich steigt sie hingegen weiter. Insgesamt gibt es bis dato 5.683 Fälle an mit dem Virus infizierten Personen, 303 sind bisher gestorben, erst am Wochenende ein 18jähriger bereits vorerkrankter Patient.

Mangel an Intensivbetten in Großbritannien 

In einem Londoner Krankenhaus ist es bereits am Freitag zu einem kritischen Vorfall gekommen. Das Krankenhaus ist mit der steigenden Anzahl an mit dem Virus infizierten Patienten nicht mehr klar gekommen, musste Patienten verlegen. Intensivbetten fehlen bereits jetzt. Nicht nur in London, sondern im ganzen Land. Aus diesem Grund hat der NHS mit dem Privatsektor einen Deal abgeschlossen, bekommt in dieser Woche 8.000 Betten, 1.200 Beatmungsgeräte und 20.000 qualifizierte Mitarbeiter. Weitere 65.000 Ärzte und Krankenpfleger sollen aus dem Ruhestand dazugeholt werden.

Die Strategie der Regierung im Kampf gegen Corona

Um den unter normalen Umständen schon angeschlagenen National Health Service zu entlasten, sieht sich die Regierung nun gezwungen, noch mehr in das Leben der Inselbewohner einzugreifen. Ein Kontrast im Gegensatz zur zu Beginn der Krise verfolgten "Mitigation"-Strategie, bei der die Regierung darauf setzte, durch möglichst geringe Maßnahmen dazu beizutragen, dass sich die Krankheit langsam verbreite und zu einer Herdenimmunität führe.

Wissenschaftler des Imperial College veröffentlichten vor einer Woche allerdings dramatische Zahlen: Würde die britische Regierung ihren Kurs im Umgang mit COVID-19 nicht ändern, würde das in Großbritannien zu 250.000 Toten führen. Nach erschreckenden Bildern aus überlasteten Krankenhäusern Italiens ist auch in Großbritannien klar, dass die Ausbreitung des Coronavirus nicht in die Länge, sondern so gut es geht unterdrückt werden muss. Seit Freitag sind auch hier Schulen geschlossen, ebenso wie Pubs, Cafés, Restaurants, Clubs, Theater, Fitnessstudios und Schwimmbäder. Über 70Jährigen wurde geraten, zwölf Wochen lang zu Hause zu bleiben. 

Kommt trotz dieser Maßnahmen nun doch der Lockdown?

Es scheint in der Hand der Bürger zu liegen, ob der totale Lockdown auch in Großbritannien erfolgt. Das Unterhaus diskutiert einen Gesetzesentwurf, der bis zum Ende der Woche verabschiedet werden kann. "Frische Luft verschafft uns nicht automatisch auch Immunität", so Boris Johnson. Wenn sich die Menschen nicht von sich aus daran hielten, den geforderten Abstand einzuhalten, würde die Regierung striktere Maßnahmen anordnen. Die Polizei oder Einwanderungsbeamte seien dann etwa in der Lage, Personen festzunehmen, die eventuell an COVID-19 erkrankt sind. Würden sie sich weigern, einen Test zu machen, könnte ihnen eine Strafe von 1.000 Pfund drohen.