Betroffene berichten

So hart trifft das Coronavirus die Türkei

11. April 2020 - 11:28 Uhr

Celen musste 10 Angestellte entlassen

An diesem Nachmittag stehen Dönerladen-Besitzer Kadir Celen die Sorge und Unzufriedenheit ins Gesicht geschrieben. Seit 38 Jahren betreibt er sein Geschäft, aber jetzt wo die Corona-Krise auch in der Türkei wütet, bleibt ihm die Kundschaft aus. Celen musste schon zehn Angestellte entlassen und für den Rest der Belegschaft gibt es nichts zu tun. "Nichts läuft mehr gut. Alle Ladeninhaber sind wegen des Corona Virus am Ende", sagte er RTL.

Corona in der Türkei: "Die Zahlen sind beängstigend"

Er bekomme keine Unterstützung von der Regierung, sagt Celen, trotz eines groß angekündigten Hilfspakets für die Wirtschaft von knapp 14 Milliarden Euro. Der Unternehmer hat immer Erdogan und der AKP seine Stimme gegeben, aber jetzt sieht er das Krisenmanagement der Regierung  kritisch: "Wenn sie mit der Situation vernünftig umgehen würden, würden sie einen kompletten Ausgangsstopp verhängen. Die Zahlen sind beängstigend."

Das öffentliche Leben wurde früh massiv nach Bekanntgabe des ersten Corona-Falls eingeschränkt. Es gilt eine Ausgangsperre für die Alten, Kranken und unter 20-Jährigen, es wurde eine Maskenpflicht an belebten, öffentlichen Plätzen verhängt und Städte wie Istanbul und Ankara wurden abgeschottet. Bisher weigert sich der türkische Präsident Erdogan jedoch ein komplettes Ausgangsverbot für Istanbul zu verhängen, wie es die Opposition fordert. Die Millionenmetropole hat die höchsten Fallzahlen. Erdogan will so offensichtlich die ohnehin schon schwächelnde Wirtschaft vor dem Kollaps bewahren. Menschen werden durch öffentliche Kampagnen aufgefordert, freiwillig zu Hause zu bleiben. 

Wird Bevölkerung aufgehetzt?

Gerade ärmere Bevölkerungsschichten können sich das aber oft nicht leisten. Ein Lastwagenfahrer beschwerte sich in einem Video, das viral ging, dass er arbeiten gehen müsse, um zu überleben. Die Regierung müsse Menschen wie ihm helfen, beschwerte er sich. "Am Ende ist es nicht das Virus, sondern euer System, was mich umbringen wird", sagte er. Gegen den Mann wurde daraufhin ein Verfahren eingeleitet. Auch Hunderte andere gerieten ins Fadenkreuz der Behörden.

Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun ließ per Twitter verlauten: "Wir kämpfen aktiv gegen aufrührerische und irreführende Posts, deren Intention es ist, unser Bevölkerung zu provozieren und aufzuhetzen." Aber Yaman Akdeniz, Jurist an der Bilgi Universität, argumentiert es geht darum Kritiker mundtot zu machen: "Die türkische Regierung mag das Internet nicht und will nicht, dass Menschen online ihre Kritik ausdrücken oder teilen. Sie wollen die Menschen zum Schweigen bringen."

"Es bestehen Zweifel, dass Ärzte genug geschützt sind"

Die Nachricht, die Erdogan senden will ist: man habe alles im Griff. Erdogan verkündete man wolle zwei neue Krankenhäuser aus dem Boden stampfen. "Die Infrastruktur unseres Gesundheitswesens ist einer der Besten der Region und wird robuster angesichts der Bedrohung durch das Corona-Virus", twitterte Erdogans Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun.

Aber die Ärztekammer ließ vorsichtig die Alarmglocken läuten: "Es bestehen Zweifel, gerade wenn die Fallzahlen weiter steigen sollten, dass die Ärzte und andere in diesem Sektor genügend geschützt werden und ob innerhalb des Gesundheitssystems alles gut koordiniert wird," sagte der stellvertretende Vorsitzende der Ärztekammer Ali Cerkezoglu.

Es herrsche nicht genügend Transparenz, erzählte uns Cerkezoglu und es wurden gerade am Anfang nicht genügend Tests durchgeführt. Das erschwere den Kampf gegen das Corona Virus.

Corona-Fallzahlen in der Türkei explodieren

Und je länger dieser Kampf andauert, umso schwieriger wird die Lage auch für Flüchtlinge, die in der Türkei leben. Wir besuchten zwei Flüchtlingsfamilien, die sich nur dank Spenden von Unterstützern und Aktivisten noch zwei Mahlzeiten pro Tag leisten können. Da sich die Familien nicht mehr auf die Straße trauen, fallen Gelegenheitsjobs weg und damit ihre einzige Einnahmequelle. "Wir haben Angst, bevor wir überhaupt das Haus verlassen. Wir fürchten uns vor Kontakt mit allen Fremden", sagt uns der syrische Familienvater Omar. Denn falls sich einer von ihnen mit dem Coronavirus anstecken sollte, wäre das fatal: sie haben keine Krankenversicherung. Mit jedem Tag wächst ihre Sorge denn die Corona-Fallzahlen in der Türkei explodieren.