Warum klappt das mit den Corona-Impfungen in Israel?

Meine israelische Familie fragt: Was ist da los bei euch?

Der Schwiegervater unserer Autorin Aviashai während seiner ersten Corona-Impfung Anfang Januar.
© privat

25. Januar 2021 - 9:13 Uhr

von Nastassja Shtrauchler

224.000 Impfdosen an einem Tag: Von solchen Zahlen können wir in Deutschland aktuell nur träumen – in Israel ist das Realität. Dort können inzwischen bereits Menschen unter 35 ihre erste Corona-Impfdosis bekommen. Blöd nur, wenn man als Israeli im Ausland lebt, wie der Mann unserer Autorin.

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(Foto: Der Schwiegervater unserer Autorin Aviashai während seiner ersten Corona-Impfung Anfang Januar.)

In Israel wäre mein Mann schon geimpft

Nastassja Shtrauchler und ihre Familie
Nastassja Shtrauchler und ihre Familie
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"Meine israelische Krankenversicherung hat mir eben eine Mail geschrieben. Ich könnte jetzt meine erste Corona-Impfung bekommen", sagt mein Mann Nissan mit einem etwas sarkastischen Unterton am Frühstückstisch. Denn er, ein Israeli, lebt seit vier Jahren wegen mir in Deutschland. Um die Impfung zu bekommen, müsste er erst mal einen Flug ergattern und dann in seinem Heimatland zunächst zwei Wochen in irgendeinem Quarantäne-Hotel zubringen. Da wir beide Vollzeit arbeiten, ein kleines Kind haben und ich noch dazu hochschwanger bin, ist das gerade keine Option.

Nur um das auch gleich vorweg zu nehmen: Mein Mann ist 41, hat keinerlei Vorerkrankungen. In Deutschland wird er, wenn es gut läuft, irgendwann im Sommer drankommen. "Was mich wirklich überrascht, ist, dass sich Deutschland mit der Organisation und Umsetzung eines so wichtigen Projektes so schwer tut", sagt er. Auch unter Israelis verbindet man Deutschland mit Effizienz und so werde ich neuerdings regelmäßig von Freunden und Familie im Nahen Osten gefragt: "Was ist da los bei euch?"

Zugegeben: Israel hat ein wenig Vorsprung: Schon am 19. Dezember 2020 ließ sich Premierminister Benjamin Netanjahu live im Fernsehen als Erster eine Corona-Impfung verpassen. Seitdem haben laut Israels Gesundheitsminister Yuli Edelstein rund 2,4 Millionen der insgesamt neun Millionen Israelis eine erste und etwa 850.000 Menschen die zweite Impfdosis bekommen. Zum Vergleich: In Deutschland wird ganz offiziell seit dem 27. Dezember 2020 gegen das Sars-CoV-2-Virus geimpft. Stand 22.01.2021 bei uns: 1,3 Millionen Menschen haben ihre Erstimpfung erhalten, etwas mehr als 115.000 die zweite. Abgesehen vom Tempo: Die Hiobsbotschaften rund um die Verfügbarkeit des Impfstoffes bei uns reißen auch nicht ab.

Lesetipp: Warum läuft es in Deutschland so holprig mit dem Impfen? Die wichtigsten Antworten

Schwiegermutter Tova: "Ich wusste, dass ich euch dann endlich wiedersehen kann"

In Israel gibt es ausreichend Impfstoff. Das Land hat früher als Deutschland viele Dosen bestellt und sie auch bekommen. Allerdings, und da liegt wohl auch ein Teil der Wahrheit, ist die Regierung einen Deal mit dem Impfstoffhersteller Biontech/Pfizer eingegangen. So stellt das Land dem Unternehmen anonymisierte Patientendaten zur Verfügung. Laut Vertrag wollten Israel und Biontech/Pfizer so herausfinden, ab welcher Impfquote eine Herdenimmunität in der Bevölkerung erreicht wird und wie man am schnellsten dahinkommt, heißt es in einem Beitrag in den "Tagesthemen". Was bei Datenschützern für Kopfschmerzen sorgt, wischt Premier Netanjahu mit der Aussicht weg, die Erkenntnisse aus dem Datenabkommen würden der gesamten Menschheit zur Verfügung gestellt.

Möglich ist das Ganze, weil das israelische Gesundheitswesen im Gegensatz zum deutschen auch in Sachen Digitalisierung anders dasteht – so werden Patientendaten zentral und digital erfasst, was auch die Organisation der Corona-Impfungen erleichtert.

Das weiß auch meine Schwiegermutter Tova zu berichten. Sie ist 67. Ende Dezember, kurz nach Beginn der Impfkampagne, rief sie bei ihrer Krankenkasse an, um für sich und ihren Mann, meinen Schwiegervater Avishai, einen Termin für die erste Impfung zu vereinbaren. Termin: 4. Januar 2021, 12:30 Uhr. Weil Tova Unpünktlichkeit hasst, waren die beiden schon um 12 Uhr bei ihrem nächstgelegenes Impfzentrum. Nach einer kurzen Befragung nach Allergien, letzten Impfungen oder Fieber dann der entscheidende kurze Pieks, den Tova zuerst entgegennahm. "Ich soll zuerst gehen, hat Avishai gesagt", erzählt meine Schwiegermutter lachend. "Ich glaube, ich war danach etwas müde", sagt sie am Telefon, "aber auch nicht mehr". Am 25. Januar bekommen beide schon die zweite Impfdosis.

Ob sie jemals darüber nachgedacht hätte, sich nicht impfen zu lassen, frage ich sie. "Nie", sagt sie. "Ich wusste ja, dass ich euch dann endlich wiedersehen kann."

Tovas Impfung macht uns Hoffnung

Das hoffen auch mein Mann und ich, dass Tovas Impfung zur Folge hat, dass sie uns bis spätestens zur Geburt meines zweiten Kindes und ihres fünften Enkels besuchen kann. Wissen tut das aktuell aber niemand so genau, denn noch ist unklar, ob eine Impfung auch Ungeimpfte schützt.

Auch da klingt ein wenig Hoffnung in Israel an: Die "Tagesthemen" berichten über erste Vorab-Auswertungen der Impfdaten von 100 Menschen aus dem medizinischen Personal einer Klinik in Ramat Gan. Diese hätten ergeben, dass Menschen nach einer zweiten Impfdosis erheblich viele Antikörper gegen das Coronavirus entwickelt hätten – mehr als genesene Corona-Patienten.