Das steht im Abschlussbericht der Polizei

Corona-Hotspot Ischgl: Wurde vor der Schließung wertvolle Zeit verspielt?

Coronavirus - Österreich
© dpa, Jakob Gruber, hef lop

02. Juni 2020 - 16:30 Uhr

Von Christof Lang

Die langsame Reaktion der österreichischen Behörden hat auf fatale Weise dazu beigetragen, dass der Skiort Ischgl zu einer Superspreader-Location für Deutschland und halb Europa geworden ist. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Ein Drittel aller Covid-19-Fälle in Dänemark ist demnach zum Beispiel auf Ischgl-Urlaube zurückzuführen.

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Abschlussbericht der Polizei gibt Hinweise auf gravierende Fehlentscheidungen

Der interne Abschlussbericht der österreichischen Polizei an die Staatsanwaltschaft Innsbruck gibt jetzt neue Hinweise darauf, wie wertvolle Zeit verspielt wurde, während sich im Ischgler Apres-Ski-Betrieb immer mehr Urlauber ansteckten und das Virus dann in ihre Heimatländer verbreiteten – ganz besonders in Deutschland. RTL und ntv liegt dieser mehr als 1.000-Seitige Abschlussbericht exklusiv vor.

Zum Beispiel belegt diese aus zahlreichen Dokumenten bestehende Zusammenfassung, dass sogar schon am 3. März Informationen in den Skiort gelangt sind, wonach Ischgl-Urlauber aus einer isländischen Reisegruppe positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Eine isländische Urlauberin teilte am 3. März abends dem Hotel Garni Martina in Ischgl mit, zwei Hotelgäste seien nach ihrer Rückkehr nach Island positiv getestet worden seien. Das Hotel bittet umgehend um weitere Informationen.

Alarmglocken hätten schon früher schrillen können

Das hätte die Alarmglocken in Ischgl in Betrieb setzen können, ja müssen. Aber ganz offensichtlich versandet die Information, während der Apres-Ski-Betrieb noch eine volle Woche lang weitergeht. Bis heute beharrt der Skiort darauf, erst am 5. März erstmals über die Corona-Gefahr informiert worden zu sein. Zwei Tage später gibt es dann den ersten positiv getesteten Fall in Ischgl – einen aus Hamburg stammenden Barkeeper, der in der Apres-Ski-Bar "Kitzloch" gearbeitet hatte.

Dabei hatte es am 3. März auch schon eine offizielle Warnung an Österreich gegeben. Über das Europäische Frühwarnsystem berichtete Island vor Corona-infizierten Urlaubern, die unter anderem in Österreich waren. Diese Warnung aber wurde aber gar nicht erst nach Tirol weitergegeben. Es habe "keine Weiterleitung" der Warnung innerhalb Österreichs gegeben, da "keine geographische Spezifizierung ersichtlich" gewesen sei, teilte das österreichische Gesundheitsministerium RTL und ntv mit.

Rückfragen nach Island, die nahe gelegen hätten, gab es nicht. Auch nicht, als am 4. März auch das Hotel Nevada per Mail aus Island erfährt, Corona-positiv getestete Urlauber seinen in Zimmer 104 und 105 untergebracht gewesen

Warnungen wurden heruntergespielt

Der Polizeibericht zeigt noch weitere Punkte auf, bei denen sorglos vorgegangen wurde. So wiegelte das Land Tirol die Warnungen aus Island schnell ab – und lag damit völlig falsch. Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgarber argumentierte, die Island-Urlauber hätten sich wohl erst auf dem Rückflug angesteckt. "Konkret befand sich beim Rückflug ein aus dem Italienurlaub kommender und am Coronavirus erkrankter Fluggast an Bord", teilte das Land Tirol am 5. März mit.

Gleich aus zwei Gründen ist diese Einschätzung mehr als zweifelhaft: Zum einen gehen Experten davon aus, dass Ansteckungen in Flugzeugen aufgrund der Klimaanlagen-Filter äusserst unwahrscheinlich sind; es gebe so gut wie keinen dokumentierten Fall dieser Art. Zum anderen findet der Polizei-Bericht keinen Nachweis, dass tatsächlich ein infizierter Italiener an Bord der besagten Maschine war. Der Bericht spricht von "irreführenden Informationen (z.B. "Übertragung im Flugzeug")", die von den Behörden aufgenommen wurden und "die gezielten, behördlichen Massnahmen" verzögert hätten.

Woher kam diese Information? Laut dem Polizeibericht hat eine isländische Urlauberin diese Version in einem E-Mail erwähnt. Nachgeprüft wurde dieser so wichtige Punkt in Österreich aber offenbar nicht.

ARCHIV - 13.03.2020, Österreich, Ischgl: Ein Ortsschild steht am Ausgang der Ortschaft Ischgl. (zu dpa-Korr "Ischgls Leid - Vom Après-Ski-Mekka zur Corona-Keimzelle") Foto: Jakob Gruber/APA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Coronavirus - Wintersportort Ischgl
© dpa, Jakob Gruber, hef esz nwi kde

Niemand kam auf die Idee, die Gäste im "Kitzloch" zu identifizieren und zu testen

Auch erwähnenswert: Als der erste Corona-Fall im "Kitzloch" bestätigt war, kam offenbar keine der zuständigen Behörden darauf, dass auch Gäste in der vollbesetzten Bar infiziert worden sein könnten. Das sei "eher unwahrscheinlich" verkündete damals die Landessanitätsdirektion. Eine aus heutiger Sicht fast schon wahnwitzige Einschätzung. Im Polizeibericht finden sich keine Hinweise darauf, dass es je ein Thema war, Gäste im "Kitzloch" zu identifizieren und zu testen.

Das Kitzloch wurde damals desinfiziert, das Servicepersonal ausgewechselt – dann ging der Betrieb weiter. Die Behörden schliessen alle Après-Ski-Bars in Ischgl erst am 10. März, und auch das nicht mit letzter Konsequenz. Der Bericht erwähnt anfängliche Verstöße gegen die behördliche Anordnung. Das gesamte Skigebiet schließt dann am 14. März.

Der Polizeibericht besteht überwiegend aus Dokumenten, E-Mails oder Informationsschreiben, viele davon von untergeordneter Bedeutung. Bewertet werden die Vorfälle nicht. Dennoch deutete auch diese umfangreiche Dokumentation darauf hin, dass man viel früher hätte reagieren können.