Coronavirus hält sich 14 Minuten lang in der Atemluft

Gefahr durch Aerosole: Fliegen könnte sicherer sein als ein Restaurantbesuch

Sind die Luftfilter in Flugzeugen virensicher? Hierzu gibt es unterschiedliche Aussagen.
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20. Mai 2020 - 10:26 Uhr

Schwebeteilchen halten Virus in der Luft

Ist der Flug in den Urlaub eventuell sicherer als ein Besuch im Lieblingsrestaurant? Schließlich verfügen Flugzeuge über Filtersysteme, die im Restaurant so nicht anzutreffen sind. Denn die Anzeichen, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 nicht nur über eine Tröpfcheninfektion, sondern auch über sogenannte Aerosole, also Schwebeteilchen aus der Atemluft, übertragen werden kann, verdichten sich. Auch zwei erst kürzlich bekannt gewordene Fälle von Infektionen nach Chorproben geben starke Hinweise darauf.

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Tröpfcheninfektion ist nicht der einzige Übertragungsweg

Bisher ging die Forschung davon aus, dass das Coronavirus hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion übertragen wird. Bei bestimmten Buchstaben, wenn wir schreien und beim Niesen und Husten stößt jeder Mensch kleine Tröpfchen aus. Ein Abstand von 1,5 Metern und Mundschutz: Unser gesamtes Hygienekonzept basiert auf dieser Annahme. Aber vielleicht sind diese Regeln auch nicht ausreichend. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass sich das Virus auch über Aerosole verbreitet. Dabei handelt es sich um extrem winzige Tröpfchen, die in der Luft schweben. Und das über Stunden.

Hälfte der Ansteckung über Aerosole?

Der Virologe Christian Drosten geht sogar davon aus, dass beinahe fast die Hälfte aller Ansteckungen über diese Aerosole vonstatten gehen. Ein Problem stellt das in Innenräumen dar, auch von Restaurants - die jetzt auch wieder öffnen dürfen. Eine neue US-Studie, die Forscher des National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases (NIDDK) durchgeführt haben, stützt diese Annahme. Die Forscher wollten herausfinden, wie lange sich beim Sprechen ausgestoßene Aerosole in der Luft halten - und welche Rolle sie bei der Übertragung spielen könnten.

Mit Lasertechnologie machten die Wissenschaftler die nur wenige Mikrometer großen Tröpfchen sichtbar, um die Gesamtmenge feststellen zu können. Dabei stellte sich schließlich heraus, dass die Testpersonen, die 25 Sekunden lang "Stay healthy" ("Bleib gesund") wiederholen mussten, pro Sekunde Tausende Aerosole ausstießen, die sich in geschlossenen Räumen bis zu 14 Minuten in der Luft hielten. Die Menge hing dabei davon ab, wie laut die Testpersonen sprachen.

Hygieniker Zinn rät zu Aktivitäten an der frischen Luft

Auch wenn es noch keinen eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis für eine Verbreitung des Virus durch Aerosole gibt, scheint dies doch sehr wahrscheinlich zu sein - denn auch andere Studien und Vorfälle zeigen starke Hinweise darauf. Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, rät allen Menschen, sich am besten immer an der frischen Luft mit anderen Menschen zu treffen. "Im Garten oder auf dem Balkon - und immer die Möglichkeit zu einem ausreichenden Abstand bedenken", sagt er im RTL-Interview. Und in Sachen Gastronomie gilt: Es sollte in den Innenräumen immer gelüftet sein - und am sichersten ist es im Außenbereich.

Was bedeutet das für Fahrten mit Bus und Bahn?

In Zügen atme man gewöhnlich ein Gemisch aus frischer und zirkulierender Luft, sagte Maschinenbau-Professor Qingyan Chen dem "Tagesspiegel". Der Wissenschaftler erforscht aktuell für die Purdue University im US-Bundesstaat Indiana das Corona-Ansteckungsrisiko in Verkehrsmitteln. Seine bisherigen Ergebnisse geben wenig Anlass zur Hoffnung für Reisende, denn die am häufigsten eingesetzten Filtersysteme können kleinste Corona-Partikel nicht effizient entfernen. Das Gleiche gelte für Schiffe, Busse oder U-Bahnen.

Machen Hepafilter Flugzeuge sicher?

In Flugzeugen sieht die Sache eventuell anders aus. Hier werden normalerweise sogenannte Hepa-Filter benutzt. Laut Lufthansa gewährleisten die "eine Luftqualität wie in einem OP". Außerdem soll die Luft über den Passagieren vertikal zirkulieren, statt sich in der Kabine zu verteilen. Ähnlich äußern sich andere Fluggesellschaften weltweit.

Gesundheitswissenschaftler Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule hat da allerdings Bedenken. Die Filter seien lediglich bakteriendicht, aber nicht virendicht, sagt er dem Nachrichtensender ntv. "Und das ist ein gewisses Risiko." Die Lufthansa widerspricht dem. "Flugzeuge der Lufthansa Group Airlines sind mit Filtern ausgestattet, die die Kabinenluft reinigen. Die gesamte Rezirkulationsluft wird gefiltert und von Verunreinigungen wie Staub, Bakterien und Viren aus der Kabinenluft gesäubert", teilte eine Unternehmenssprecherin ntv.de mit.

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Im dritten Teil der RTL.de-Serie "Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus": Welche Lehren können wir aus der bisher größten Krise der Nachkriegszeit ziehen? haben wir mit Experten gesprochen: War der Staat zu inkonsequent? Wurden die Schulen zu schnell geschlossen? Was tun gegen das Hamsterchaos? Und was ist der tatsächliche Grund, dass tausende Urlauber auf der ganzen Welt gestrandet sind?