Mehr als 700 Covid- Patienten werden aktuell beatmet – und die Zahl steigt

Die große Welle auf den Intensivstationen kommt erst noch

29. Oktober 2020 - 15:12 Uhr

von Cordula Robeck

Die leitenden Intensivmediziner der großen deutschen Kliniken traten heute gemeinsam vor der Presse auf – und warnten eindringlich: Noch ist die Versorgung von schwer an Covid 19 erkrankten Patienten auf den Intensivstationen zu meistern  - auf mittlere Sicht klappt das aber nur, wenn die Zahlen nicht weiter explosionsartig ansteigen. Am Donnerstag waren es bundesweit 16.774 bestätigte Fälle – so viele wie noch nie. Zwar gibt es nicht bei allen Patienten einen schweren Verlauf, aber die Experten um Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, stellen fest: dort, wo es – wie zum Beispiel in Berlin – einen Hotspot gibt, verläuft auch ein größerer Teil der Covid-Erkrankungen schwer – die Patienten müssen beatmet werden. So ist in Berlin auch nur noch rund jedes 8. Intensivbett frei.

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Immer mehr Mitarbeiter im Pflegepersonal stecken sich an

Zum ohnehin schon chronischen Personalmangel beim Pflegepersonal, kommt nun noch ein weiteres Problem: immer mehr Mitarbeiter in den Kliniken stecken sich selbst bei Covid-Kranken an – und müssen dann selbst in Quarantäne. Denn in der Regel reicht dem Virus bereits ein 15minütiger Kontakt um von einem Infizierten auf einen Gesunden überzuspringen.

Das ist offenbar anders als bei der ersten Welle im Frühjahr, als kaum Infektionen von außen in die Krankenhäuser getragen wurden.  Zwar werden alle neu aufgenommenen Patienten getestet, Patienten, die wegen anderer Probleme in die Kliniken kommen – häufig aber ist die Ansteckung so frisch, dass die Tests noch nicht anschlagen. Und ist eine Pflegekraft krank, gerät der ganze Schichtplan schnell aus den Fugen. Die Kliniken fordern deshalb von den Landesregierungen, ihre Häuser auf Notfallbetrieb umstellen zu dürfen – und dafür einen finanziellen Ausgleich zu bekommen.

Mediziner hoffen auf positive Lockdown-Effekte

In der kalten Jahreszeit, so fürchten die Klinikleiter –könnten die Patientenzahlen sehr rasch steigen. So sei auch der Beschluss der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten gestern, Deutschland ab nächster Woche wieder runterzufahren, richtig gewesen. Bund und Länder hatten am Mittwoch die einschneidendsten Maßnahmen seit dem großen Lockdown im Frühjahr beschlossen. Ab Montag sollen unter anderem Restaurants, Kinos und Theater für den gesamten Monat November schließen.

In dieser Zeit dürfen sich auch nur wenige Menschen privat und in der Öffentlichkeit treffen. Dies soll die Virus-Ausbreitung bremsen und Kliniken vor Überlastung bewahren. Kanzlerin Angela Merkel sagte am Donnerstag, eine Dynamik wie jetzt drohte die Intensivmedizin in wenigen Wochen zu überfordern. Zunehmend sehen die Kliniken jüngere Patienten – Menschen zwischen 20 und 40 Jahren.

Gleichzeitig verläuft die Erkrankung bei immer mehr älteren Patienten tödlich.  Im großen Krankenhaus in München Schwabing versorgen sie mittlerweile den 1.000. Covid-Patienten stationär, in vier Wochen, so fürchtet Chefarzt Professor Clemens Wendtner, könnten es 2.500 sein. Und: jeder 10. Patient trägt jetzt schon Folgeschäden davon: Lungenschäden und chronische Kopfschmerzen, Konzentrations- und Schlafstörungen, auf längere Sicht, so die Mediziner, weiß keiner, was da auf das Gesundheitssystem zukommt.

Kliniken wollen auf Corona- Notfallbetrieb umstellen dürfen

Noch ist die Versorgung in den Kliniken sichergestellt – denn auch Kliniken in Bundesländern mit geringen Fallzahlen, wie zum Beispiel Schleswig- Holstein, nehmen Patienten aus anderen Gegenden auf. Allerdings klappt das nur, wenn auch Pflegepersonal aus anderen Kliniken geholt werden kann. Ein beatmeter Covid-19- Patient braucht allein bis zu fünf Schwestern oder Pfleger im Schichtbetrieb.

Deshalb der dringende Wunsch der Klinikleiter: die Politik soll den Kliniken ermöglichen,  "stärker vom Regelbetrieb auf einen Coronabetrieb" umschalten zu können, so Notfallmediziner Janssens. Unter anderem sollten Mindest-Personalvorgaben für Pflegekräfte im Corona- Winter erneut ausgesetzt werden. Doch Janssens versichert in der Pressekonferenz auch: akute Erkrankungen wie Herzinfarkte werden natürlich weiter behandelt – daran ändere auch Corona nichts.