RTL reist eine Woche durch Deutschland und hakt nach

Corona-Check: Deutsche zwischen Existenzangst und "Ärmel-hoch-Mentalität"

27. Mai 2020 - 18:50 Uhr

Von Nele Balgo

Corona - das ist schon lange nicht mehr nur ein gesundheitliches Thema: Viele Deutsche sind in Kurzarbeit und müssen mit Einkommensverlusten ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das bedeutet vielfach auch pure Existenzangst. Eine Woche reisen unser Reporter Stephan Richter und unsere Reporterin Janine Bleker quer durch Deutschland - auf der Suche nach persönlichen Erlebnissen, Sorgen und Zukunftsperspektiven der Menschen. Dabei befassen sie sich mit verschiedenen Themenschwerpunkten. In Flensburg und St. Peter-Ording sprachen sie mit Betroffenen über die Themen Freizeit und Urlaub in der Corona-Krise. Die Folgen des Virus für die Bildung von Kindern war Thema in Niedersachsen und Bremen.

Weiter geht es im Osten des Landes mit dem Thema: Existenzängste der Bürger. 

Insbesondere die Reisebranche treffen die Beschränkungen aufgrund der Pandemie hart. Aktuell besteht eine weltweite Reisewarnung. Ab dem 15. Juni könnte diese aber für 31 europäische Staaten aufgehoben werden. Das stellt die Bundesregierung in einem Eckpunktepapier, was dem Kabinett vorgelegt werden soll und der dpa vorliegt, in Aussicht. Vielen Reisebüros geht es aber bereits schlecht.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker+++

RTL-Reporter auf Tour durch Deutschland
Stephan Richter und Janine Bleker reisen durch Deutschland für unseren "Corona-Check: So denkt Deutschland"
© RTL

Reisebüro muss Umsatz aus den letzten Monaten zurückgeben

Bei Siamar Reisen in Leipzig sind bis auf die Azubis und die Buchhalterin alle Mitarbeiter in der Kurzarbeit. Erst im vergangenen Jahr hat sich das Unternehmen räumlich erweitert und ein großes Reisebüro in der Stadt eröffnet. "Jetzt zwei Monate zuzumachen, das bricht mir das Herz", berichtet Geschäftsführer Michael Riebel. Wirtschaftlich sei es eine "Vollkatastrophe" für sein Geschäft. "Es gibt ja viele Branchen, die betroffen sind und praktisch null Umsatz generieren. Im Bereich Reisebüro ist es so, dass wir eben zu dem Umsatz, den wir nicht generieren, noch hinzu Umsatz zurückgeben müssen, den wir in den letzten sechs Monaten generiert haben, weil abgesagte Reise nicht durch die Veranstalter vergütet werden", sagt Riebel. Für sein Unternehmen gehe es jetzt darum, die nächsten Wochen irgendwie zu überleben.

Optimistisch in die Zukunft zu schauen, das ist mit Blick auf die Finanzen momentan noch schwer. Denn die Kalkulationen des Leipziger Unternehmers zeigen, dass sein Geschäft erst 2022 wieder auf dem Niveau sein wird wie im Jahr 2019. Franziska Martin ist Ausbilderin bei Siamar Reisen. "Bei mir ist es nicht so schlimm, ich bin noch relativ viel hier mit 20 Stunden in der Woche. Von daher geht es einigen Kollegen deutlich schlechter als mir." Sie ist zuversichtlich, dass es weitergehen wird. So wie die Mehrheit der Erwerbstätigen in Deutschland. 64 Prozent machen sich angesichts der Corona-Krise keine Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz, ein Viertel hat hingegen "etwas Sorgen". Das zeigen die Ergebnisse einer RTL-Forsa-Umfrage.

Aber nicht alle Erwerbstätigen können ihr Leben in der Corona-Krise problemlos finanzieren. Auch Alexander Klaus ist Mitarbeiter des Leipziger Reisebüros. Er ist momentan auf eine zusätzliche Einnahmenquelle angewiesen. Wie er jetzt seinen Geldbeutel aufbessert, sehen Sie in unserem Video.

Reiseunternehmer: Wiederaufnahme der Wirtschaft hätte eher kommen sollen

Grundsätzlich befürwortet Reiseunternehmer Michael Riebel die Schutzmaßnahmen der Regierung. Trotzdem hätte er sich ein stärkeres Entgegenkommen der Regierung gewünscht. "Die Gefahr bestand zu Anfang, dass es so ist, wie in Italien. Allerdings war sehr schnell ersichtlich, dass diese Gefahr für uns nicht so dramatisch sein wird. Und ich hätte mir die Lockerungen und die Wiederaufnahme des wirtschaftlichen Lebens einfach eher gewünscht", erklärt er.

Tanzlehrerin: Finanzielle Lage sei "eng bis brenzlich"

Bianka Findeisen tanzt in ihrem eigenen Studio.
Wochenlang war Bianka Findeisen vom Bailisima-Tanzstudio ihr eigener und einziger Tanz-Kunde.
© RTL

Das hatte sich auch Tanzstudio-Inhaberin Bianka Findeisen erhofft. Statt Tanzstunden zu geben, hat sie dann auf den Verkauf von stylischen Schutzmasken als Accessoire für Frauen umgestellt. "Das war mehr oder weniger eine Verzweiflungstat", erklärt sie ihre neue Geschäftsidee. Ihr Tanzstudio stand wochenlang still. "Es ist eigentlich meine ganze Existenz, die hier drinsteckt", berichtet die Tanzlehrerin. Damit sie ihr Studio während der Schließung weiter finanzieren konnte, hat sie finanzielle Unterstützung beantragt. "Das hat mich zumindest für die ersten Wochen über Wasser gehalten", sagt die 40-Jährige. Doch jetzt müsse es eigentlich so weitergehen wie vor der Krise, damit ihr Tanzstudio auch eine Zukunft habe.

Ihre finanzielle Situation sei "eng bis brenzlich", stellt sie fest. Vor zwei Jahren hat sie ihr Studio eröffnet, letztes Jahr sei gut gelaufen, dieses Jahr sollte der große Durchbruch kommen. Doch dann kam Corona. Seit einigen Tagen dürfen wieder Tanzpaare kommen und ihre Kurse unter Auflagen besuchen. Wie lange es jetzt dauern wird, bis sie ihren Durchbruch tatsächlich schafft, auch das ist wohl vom Coronavirus abhängig.

TV NOW-Doku: Stunde Null - Wettlauf mit dem Coronavirus

Das Coronavirus hält Deutschland und den Rest der Welt in Atem. Wie konnte es zur rasanten Verbreitung kommen und was bedeutet der Ausbruch für unseren Alltag? Warum Wissenschaftler schon lange vor dem Ausbruch vor dem Virus gewarnt haben, erfahren Sie in der TVNOW-Doku "Stunde Null - Wettlauf mit dem Coronavirus".