Nach Corona-Ausbruch in Schlachtbetrieb Tönnies

Wird Schweinefleisch jetzt knapp?

"Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch", sagt Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft. Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
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19. Juni 2020 - 11:22 Uhr

Experten gehen nicht von Versorgungsengpässen aus

Die Schlagzeilen rund um den Corona-Ausbruch in Deutschlands größtem Schweineschlachtbetrieb Tönnies mit aktuell 730 Infizierten reißen nicht ab. Die Fabrik in Rheda-Wiedenbrück ist derzeit geschlossen – doch wie Marktbeobachter jetzt klarstellen, wird es hierzulande deshalb keine Versorgungsengpässe mit Fleisch geben. Sollte der Schlachtstopp allerdings noch länger andauern, könnte das bei Schweinemästern zu Problemen führen.

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Preisentwicklung noch nicht vorhersehbar

"Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch", sagte Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn. Auch der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer warnte bereits vor Hamsterkäufen. Ob der nach einem großen Corona-Ausbruch verfügte Stillstand der Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück zu höheren Preisen für Verbraucher führen werde, sei erst in einigen Wochen abzusehen, so Koch laut ntv.de. Der Handel habe in der Regel mit den Schlachtunternehmen längerfristige Verträge zu Mengen und Preisen abgeschlossen.

Normalerweise werden bei Tönnies 20.000 Schweine pro Tag geschlachtet

In Rheda-Wiedenbrück werden nach Angaben von Tönnies pro Tag 20.000 Schweine geschlachtet und zerlegt. Die Branche habe eine Reihe von Stellschrauben, um die bei Tönnies ausfallenden Schlachtkapazitäten zumindest teilweise auszugleichen, sagte Agrarfachmann Koch. Tönnies wolle die Zahl der Schlachtungen an anderen Standorten erhöhen, auch andere Unternehmen hätten diese Möglichkeit.

Bauern drohen Platzprobleme in den Ställen

Probleme könnte der Stillstand bei den Schlachtungen in Rheda-Wiedenbrück allerdings den Schweinemästern bereiten. Denn wenn ein Mäster innerhalb von ein bis zwei Wochen seine Tiere nicht vermarkten könne, könnte es bereits Schwierigkeiten geben, erklärt Miriam Goldschalt, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund.

"Das ist alles sehr streng getaktet", sagte Goldschalt. Es drohten in den Stallungen Platzprobleme, weil neue Jungtiere angeliefert würden und nicht klar sei, wohin mit den älteren Tieren. "Das Schwein verliert ab einem gewissen Punkt mit zunehmendem Gewicht an Wert", sagt Goldschalt. Ein Grund sei die Vorliebe der Deutschen für mageres Fleisch.

Auch ein Sprecher des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes meinte: "Ein, zwei Wochen können die Bauern die Situation vergleichsweise verlustarm überbrücken. Dauert die Schließung länger, kommen auf die Schweinemastbetriebe Probleme zu." Würden die auf ein bestimmtes Zielgewicht hin gemästeten Schweine zu fett, drohten Verluste durch Preisabzüge.

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Warum konnten sich so viele Tönnies-Mitarbeiter anstecken?

Bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück gibt es nach Angaben des Kreises Gütersloh inzwischen 730 registrierte Neuinfektionen. Ausgewertet wurden 1.106 Ergebnisse eines von den Behörden angeordneten Reihentests, der am Donnerstag fortgesetzt wurde. Im Tönnies-Stammwerk müssen in den nächsten Tagen noch rund 5.300 Mitarbeiter getestet werden.

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Gesundheitsminister kündigt Untersuchungen in der Fleischindustrie an

Durch den erneuten massiven Corona-Ausbruch in einem Schlachtbetrieb gerate die Fleischproduktion und ihre Arbeitsbedingungen zunehmend kritisch in den Fokus. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) nannte die Nachrichten aus Rheda-Wiedenbrück "schockierend". Dort sei zu erleben, was passiere, "wenn mit Arbeitnehmern aus Mittel- und Osteuropa bei uns nicht fair umgegangen wird". Er fühle sich bestätigt, den Kurs, in der Fleischindustrie aufzuräumen, konsequent umzusetzen, sagte Heil in Berlin. Im Sommer wolle er ein Gesetz vorlegen, das eine digitale Erfassung der Arbeitszeit in der Fleischindustrie vorschreibt. Zudem sollen Werkverträge in der Branche untersagt werden.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) kündigte an, die Branche wissenschaftlich untersuchen lassen. "Wir müssen untersuchen, wie die Corona-Ausbrüche in der Fleischindustrie entstehen", erklärte Laumann am Freitag. "Mein Ministerium wird eine wissenschaftliche Expertise auf den Weg bringen, die den Ursachen des Ausbruchs in Gütersloh epidemiologisch auf den Grund geht.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr 55,1 Millionen Schweine in Deutschland geschlachtet, 3,0 Prozent weniger als 2018. Davon wurden rund 3,3 Millionen Schlachtschweine aus dem Ausland importiert.


Quellen: DPA/ntv.de/RTL.de

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