Attest reicht nicht aus

Trotz Corona-Angst müssen Lehrer zurück ins Klassenzimmer

15. August 2020 - 13:01 Uhr

Schleswig-Holstein akzeptiert viele Atteste nicht

Nicht nur für die Schüler geht es nach langer Pause zurück ins Schulgebäude, auch  hunderttausende Lehrer müssen nach den Sommerferien wieder im Klassenzimmer unterrichten. Präsenzunterricht und Regelbetrieb heißt es an den deutschen Schulen. Doch einige Lehrer gehören zur Risikogruppe und wollen sich vom Präsenzunterricht befreien lassen. In Schleswig-Holstein etwa haben rund 2.000 Lehrer einen Antrag auf Befreiung von der Präsenzpflicht gestellt. Doch das ärztliche Attest wird nur bei etwa 100 Lehrern anerkannt. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) ist deshalb bereits scharf in die Kritik geraten. "Die Frage ist: Ist jemand, der eine Vorerkrankung hat – ich nenne mal als Beispiel Bluthochdruck oder Diabetes – ist der an seinem Arbeitsplatz tatsächlich stärker gefährdet als in seinem normalen Leben? Das ist nämlich genau das Kriterium. Allein das Benennen einer Vorerkrankung reicht eben nicht aus", sagt Ministerin Prien im RTL-Interview.

An einer Schule im nordrhein-westfälischen Leverkusen fehlen dem Direktor – wegen der Freistellung von der Präsenzpflicht – etwa zehn Prozent der Lehrer. Was der Direktor dazu sagt, sehen Sie im Video.

Auch Mecklenburg-Vorpommern und Saarland sind streng mit Lehrern

Eine Umfrage des "Spiegel" ergab, dass im Saarland nur noch 1,4 Prozent der Lehrkräfte von Präsenzpflicht befreit werden, während es vor den Ferien noch 13 gewesen sein. In Mecklenburg-Vorpommern sei die Zahl von 34 Prozent in der ersten Pandemie-Phase auf 1,5 Prozent gesunken. In Schleswig-Holstein dürften nach Angaben des Bildungsministeriums jetzt nur noch 0,4 Prozent der 28.000 Lehrer im Land zu Hause bleiben, während es anfangs noch 12 Prozent waren. Ein ärztliches Attest reiche in den Ländern also nicht aus, damit Lehrer nicht vor der Klasse stehen müssen.

Für den Lehrerverband GEW ist das ein Unding. "Das Verhalten des Bildungsministeriums ist skandalös, dass also die Kolleginnen und Kollegen, die einem besonderen Schutz bedürfen, nicht geschützt werden. Das ist nicht in Ordnung. Die Bildungsministerin kommt ihrer Verantwortung nicht nach", mahnt Astrid Henke, Vorsitzende des Lehrerverbands GEW in Schleswig-Holstein im RTL-Interview.

Während in Nordrhein-Westfalen sogar die Maske im Unterricht getragen werden muss, setzt Schleswig-Holstein auf Eigenverantwortung von Lehrern und Schülern. Der Klassenraum ist voll besetzt. Das Bildungsministerium empfiehlt eine Maske zu tragen, Pflicht ist es aber nicht. An einigen Schulen gibt es bereits Corona-Infektionen oder Verdachtsfälle. Fraglich, ob die Bildungsministerin also auch in den nächsten Wochen ihren Kurs beibehalten kann. "Im Augenblick gibt es für eine Verschärfung unserer dringenden Empfehlungen noch keinen Grund", erklärt Ministerin Karin Prien im Gespräch mit RTL. Das Infektionsrisiko sei in Schleswig-Holstein gering. "Die Gefahr, sich in der Schule anzustecken ist extrem niedrig", so Prien.

Henke fordert aber einen "Plan-B" mit Abstand, kleineren Gruppen und mehr Personal, um die Gesundheit in Schulen zu gewährleisten.

Lehrerin mit chronischer Bronchitis wird in Unterricht gezwungen

Beate Suhrbier aus Nordfriesland ist von der Regelung des Schulministeriums betroffen. Sie hat mehrere Vorerkrankungen wie eine chronische Bronchitis, Asthma, eine Fettleber, Bluthochdruck, Adipositas und eine reaktive Depression, berichtet sie "ZDF heute". "Beim Friseur, beim Schlachter, an der Kasse, überall werden Mitarbeiter geschützt, weil Mitmenschen Masken tragen. Nur wir können in eine Klasse mit 28 Kindern auf 60 Quadratmeter gesperrt werden", erklärt sie weiter. Die Arbeitsmedizinerin habe ihr Attest vom Hausarzt abgelehnt, für die Lehrerin unverständlich. 

Auch Eltern zeigen Verständnis für vorerkrankte Lehrer. "Ich würde keine pauschalen Atteste ausstellen, aber dass man den Einzelfall anschaut und eine ärztliche Beratung dazu hat. Ich bin als Erzieherin eben auch, wie die Lehrer auch, dem ganzen Virusgeschehen ausgesetzt, schutzlos zum Teil. Da finde ich es schon wichtig, dass man es auch ernst nimmt, natürlich nicht nur auf die wichtigen Belange der Familien achtet, sondern eben auch auf das Personal, was da arbeiten muss", erklärt eine Mutter aus Kiel RTL. 

Andere hingegen sind der Ansicht, dass bei einem Attest zwischen Krankheiten unterschieden werden sollte. "Ich denke, das muss man schon abwägen, ob dieses Attest gerechtfertig ist. Ich finde zum Beispiel, wenn jemand einen etwas erhöhten Blutdruck hat, ist er vielleicht nicht ganz so gefährdet wie vielleicht jemand, der gerade eine Krebstherapie hinter sich gebracht hat", meint andere Bürgerin.

Noch mehr Politik-News in unserer Videoplaylist

​Spannende Hintergrund-Reportagen zu gesellschaftspolitischen Themen wie Gesundheit, Schule oder natürlich auch zu aktuellen Corona-Maßnahmen, sowie interessante Interviews mit Politikern – das alles finden Sie in unserer Video-Playlist.

Politiker-Interviews im "Frühstart"

In der Interview-Reihe "Frühstart" treffen wir täglich spannende Gesprächspartner aus der Politik. In unserer Videoplaylist können Sie sich die Video-Interviews ansehen.