„Einscannen von Arbeitsblättern ist kein digitaler Unterricht“

Während und nach Corona: Was müssen Schulen und die Politik jetzt ändern?

05. Juni 2020 - 13:43 Uhr

von Rachel Kapuja

Verwaiste Klassenzimmer, Eltern als Lehrer am Küchentisch: Von heute auf morgen war alles anders. Wie die Corona-Krise allerdings von den Schulen und Lehrkräften gemeistert wird, unterscheidet sich teilweise gewaltig.

Woran liegt das – und was muss sich in Bildungssystem und Politik jetzt ändern, damit richtiges Lernen auch in Ausnahmesituationen nicht zu einem Glücksfall wird? Im Video erklären Lehrer und Experten, was sie jetzt fordern.

Warum sind so viele Eltern und Schüler unzufrieden?

Die große Mehrheit der Deutschen – nämlich 70 Prozent - glaubt nicht, dass Kinder durch den fehlenden regulären Unterricht in der Corona-Krise in ihrem Werdegang langfristig benachteiligt sind. Das ergibt eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag von RTL. Trotzdem gibt es viele Eltern und Schüler, die mit dem momentanen Lehrangebot alles andere als zufrieden sind, sich von den Lehrern hängengelassen fühlen. Wie kann es sein, dass die Qualität der Bildung so unterschiedlich ist?

Professor Klaus-Peter Rippe, Rektor der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, sagt hierzu im RTL-Interview: "Wir bereiten Lehrer derzeit auf das traditionelle System vor. Homeschooling war nicht vorgesehen oder vorhersehbar, deshalb müssen alle Lehrerinnen und Lehrer jetzt etwas Neues ausprobieren – da kann man nicht auf demselben Stand sein." Er gesteht allerdings zu, dass Schulen sich insgesamt mit neuen Technologien schwer tun. "Diese Zurückhaltung führt dazu, dass manche Leute und Schulen eben nicht vorbereitet waren."

„Wichtig ist, dass Schulen sich ändern dürfen“

08.05.2020, Schleswig-Holstein, Wewelsfleth: Jens Illemann sitzt an seinem Laptop. Der Lehrer hat für das Corona-Spezial-Online-Orchester mit 1320 Laienmusikern gemeinsam ein Rocklied von den Scorpions spielen lassen. Am Samstagabend wird der Weltrek
Lehrer sollen lernen, Technik "mit Freude zu benutzen"
© dpa, Carsten Rehder, reh vco

Der wichtigste Anreiz sei jetzt, dass Lehrer merken, wie hilfreich digitale Medien sind – und dass sie ihr altes Konzept nicht kaputtmachen. Die Angebote der Hochschulen zielten darauf ab, dass Lehrer "mit Freude Technik benutzen". Damit das klappt, fordert Professor Rippe mehr Freiräume, zum Beispiel bei den Orten, an denen gelernt wird: "Wichtig ist, dass der Bedarf nicht nur durch Geld befriedigt wird, sondern sich Schulen auch ändern dürfen."

Dass in Sachen digitales Know-how bei den Lehrern ein großer Bedarf besteht, stellte auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW)  in einer aktuellen Umfrage fest: Nur 18 Prozent der befragten Lehrkräfte waren mit dem Fortbildungsangebot zufrieden.

Stefanie Hubig, Bildungsministerin Rheinland-Pfalz und Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) erklärt im Interview mit RTL, dass man hieran bereits arbeite: "Wir haben bereits vor Corona gesagt, wir müssen die Ausbildung ändern, und wir ändern sie schon. Wir haben mit der TU Kaiserslautern ein Leuchtturmprojekt, wo es genau darum geht, dass man digitales Lehren und Lernen als roten Faden durchzieht."

Forderung: Mehr Technik, mehr Personal, besserer Datenschutz

ARCHIV - 07.03.2019, Niedersachsen, Gehrden: Schüler einer 5. Klasse lernen mit iPads im Englischunterricht. (zu dpa: «Zu wenig Lehrer und schwache Digitalisierung an NRW-Schulen») Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Für digitale Endgeräte können Schulträger nur 20 Prozent ihrer Fördermittel ausgeben
© dpa, Julian Stratenschulte, jst

Um digital arbeiten zu können, brauchen Schüler und Lehrer aber erst mal die nötige Technik. Die GEW mahnt, dass Digitalisierung keine Privatsache sein darf: "93 Prozent der Lehrkräfte müssen ihre privaten Endgeräte nutzen und es waren auch nicht gleich Plattformen da, Videotools, die auch datensicher sind", so Ilka Hoffmann, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands, zu RTL.

Die zusätzlichen 500 Millionen Euro, die in der Corona-Krise für die digitale Bildung eingesetzt werden, seien laut GEW nur ein Anfang – zumal Schulträgern bisher maximal 20 Prozent der Fördermittel aus dem 'Digitalpakt Schule' für mobile Endgeräte einsetzen dürfen.

Auch in Sachen Datenschutz bei den eingesetzten Online-Tools, etwa für Videokonferenzen, bestehe Handlungsbedarf: Fast zwei Drittel der Lehrkräfte kritisieren hier die Unterstützung des Arbeitgebers und bewerten sie als eher unzureichend, wie die Umfrage der GEW ergibt.

Hinzu komme der nach wie vor bestehende Lehrermangel: "Der fällt uns jetzt noch viel extremer auf die Füße", kritisiert Hoffmann. "Diese Krise hat uns kalt erwischt. Sie ist auf ein unterfinanziertes, schlecht mit Personal ausgestattetes Schulsystem gestoßen."

Hygienestandards: Ohne Seife in der Schule schwierig

ILLUSTRATION - 02.06.2020, Belgien, Gent: Eine Lehrerin gibt einem Schüler Desinfektionsmittel am Eingang der "De Kleine Icarus"-Schule. Belgien befindet sich in der zweiten Phase der Lockerungen während der Corona-Pandemie. Im Zuge der Lockerungen g
Richtige Hygiene muss in Schulen auch nach Corona gehen
© dpa, Jonas D'hollander, pda nwi

Voraussetzung für den Präsenzunterricht in Zeiten der Pandemie sind strenge Hygieneregeln. Doch daran hapert es offenbar an vielen Schulen. "Ich habe selbst Desinfektionsmittel in die Schule getragen, weil das versprochene Desinfektionsmittel vom Senat hier nie angekommen ist", klagt etwa RTL-Reporterin Tanja Bülter.

Dass hier etwas passieren muss, bestätigt auch KMK-Präsidentin Hubig: "Schultoiletten und die Sanierung der Schulbauten ist auch immer ein Thema. Ich glaube, auch da sind wir alle gefordert – die Schulträger, aber auch wir alle, die für Bildung zuständig sind – damit die Hygienevorschriften auch dann eingehalten werden können, wenn Corona vorbei ist."

Bedürfnisse der Schüler nicht vergessen

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Die Trennung von Lehrern und Mitschülern macht nach wie vor vielen Kindern zu schaffen
© imago images/Westend61, Stefanie Aumiller via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Bei allen Überlegungen, wie Politik, Schulen und Lehrer durch den "Corona-Anstoß" jetzt neue Wege gehen können, sollten diejenigen nicht vergessen werden, um deren Zukunft es geht: "Die Kinder und Jugendlichen sind keine Lernroboter, die man mit einer Input-/Output-Formel programmieren kann. Schule ist ein Ort sozialen Lernens und der Interaktion", mahnt die GEW.

Das betont auch Lehrer Jonas Wagner aus Hannover: "Schule ist nicht nur Wissensvermittlung, sondern vor allem Begegnung. Mitschüler, Freunde, die Lehrer, andere Erwachsene sehen – das fällt fast komplett weg." Er und seine Kollegen würden nun versuchen, das auszugleichen, so gut es geht.

Professor Rippe stellt außerdem klar: Beim Lernstoff werde es sicherlich Lücken geben, diese seien aber wieder aufzuholen. Die durch Corona verstärkte Bildungsschere sieht er als größeres Problem: "Wichtig ist, dass wir jetzt in der Zeit niemanden abgehängt haben und wir darauf die Aufmerksamkeit lenken, dass wir wirklich wieder alle mitnehmen können." Das sei nach den Sommerferien im Präsenzunterricht organisatorisch eine große Herausforderung, "aber wir müssen diese Herausforderung annehmen."

Deutschland-Karte: Wo machen die Schulen wann wieder auf?

Themenwoche Schule bei RTL

Wir haben uns in dieser Woche mit diversen Aspekten zum Thema Kinder und Schule befasst:

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