Einer der besten Thriller des Jahres

Chris Lloyd - Die Toten vom Gare d’Austerlitz: Hochspannung im besetzten Paris

Chris Lloyd: Die Toten vom Gare d'Austerlitz
Chris Lloyd: Die Toten vom Gare d'Austerlitz
© Suhrkamp Verlag

02. Dezember 2021 - 6:56 Uhr

Düsterer geht es kaum

Man kann sich nur wenige düsterere Szenarien ausmalen als das, das Chris Lloyd in seinem Thriller "Die Toten vom Gare d'Austerlitz"* zeichnet. Vier durch Giftgas getötete Polen in einem Güterwaggon aufzufinden, sollte für einen vom ersten Weltkrieg schwer traumatisierten Pariser Polizisten eigentlich schon schlimm genug sein. Das Ganze widerfährt Inspektor Edouard Giral aber ausgerechnet am Freitag, den 14. Juni 1940. An dem Tag, an dem die Nazis in die französische Hauptstadt einmarschieren.

Von Tobias Elsaesser

Den Regeln der Besatzer ausgeliefert

Während die Besatzer keine Zeit verschwenden, die Kontrolle über die Stadt zu übernehmen, ist das Paris, wie es einmal war, in Auflösung begriffen. Ein Großteil der Bevölkerung hat die Flucht ergriffen, das pulsierende Leben kommt komplett zum Erliegen. Während Giral klar wird, dass die vier Polen auf der Flucht vor den Nazis waren, springt eine fünfter zusammen mit seinem kleinen Sohn vom Balkon.

Bevor er den Zusammenhang zwischen den Fällen herstellen kann, muss er erkennen, dass sich die Regeln grundlegend geändert haben. Die deutsche Abwehr, in Person des charismatischen Major Hochstetter, diktiert ihm die Ermittlungen. Bald mischen sich auch noch Wehrmacht, Geheime Feldpolizei und Gestapo ein. Sie alle verfolgen verschiedene Interessen, nur nicht die Suche nach der Wahrheit, und setzen Giral mehr oder weniger sanft unter Druck. Als wäre das alles noch nicht kompliziert genug, taucht plötzlich auch noch sein Sohn Jean-Luc auf, den er seit 15 Jahren nicht gesehen hat.

Chris Lloyd ist ein hervorragender, vielschichtiger Thriller gelungen, geschrieben aus der Sicht des gebrochenen, des Lebens müden Inspektor Giral. Ein Mann, der die Hoffnung, mit sich selbst ins Reine zu kommen, längst aufgegeben hat und dennoch weiter macht, zunächst aus Routine, dann aus Trotz, aus einem letzten Quäntchen Hoffnung, den Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und schließlich für das Leben seines Sohnes.

Charismatischer und skrupelloser Gegenspieler

Den heimlichen Star des Buches aber hat Lloyd mit Hochstetter geschaffen. Aufgrund der Erzählweise wird der Leser aus dem deutschen Major so schlau wie Giral selbst – nämlich gar nicht. Ist er in dem Geflecht aus Abwehr, Gestapo, Wehrmacht und dem, was von der französischen Polizei übrig ist, Strippenzieher oder doch nur eine weitere Schachfigur? Ist er Verbündeter oder Gegenspieler?

Lloyd holt aus dem Szenario alles raus. Das Paris kurz nach der Besatzung ist gespenstisch, das Leben ist komplett aus der Stadt verschwunden, es existiert nur noch in ein paar dunklen, illegalen Nachtclubs, in denen sich einheimische Ganoven und Besatzer arrangieren. Vor dieser düsteren Kulisse der unter den Besatzern erstickenden Stadt schafft Lloyd so viele Spannungsfelder, dass die Aufklärung des Falles beinahe zur Nebensache gerät.

"Die Toten vom Gare d'Austerlitz" ist definitiv eines der Thriller-Highlights dieses Jahres.

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