Der Musiker im Interview

Chris Connelly beschäftigt sich auf seinem neuen Album „Graveyard Sex” mit der Sterblichkeit

Chris Connelly
© Jolene Siana

11. November 2020 - 17:21 Uhr

Die emotionale Geschichte hinter dem Album

Von Mirjam Wilhelm

Auf seinem neuen Album "Graveyard Sex" beschäftigt sich der Künstler Chris Connelly (Ministry, Pigface, Fini Tribe, Revolting Cocks)  mit der Sterblichkeit – aber auch mit dem Leben. Die Platte hat eine ganz besondere Geschichte. "Ich habe im Herbst 2019 angefangen an dem zu schreiben, woraus dann 'Graveyard Sex' wurde. Ich habe mit Bill Rieflin gesprochen, der sehr krank war und kurz zuvor seine Frau verloren hatte. Wir haben uns unterhalten wie immer, bis er auf die Idee kam, dass ich nach Seattle kommen könnte, um gemeinsam an neuer Musik zu arbeiten.", erzählt Chris Connelly. Leider wurde daraus nichts, denn Bill ging es immer schlechter. So arbeitete Chris alleine weiter an neuer Musik, und das Album zeigt viel von Bills schwerem Kampf – aber auch von gemeinsamem Humor, von Themen und Interessen, die die beiden Musiker und Freunde geteilt haben. Rieflin, der als Drummer unter anderen mit R.E.M., Nine Inch Nails und Ministry gearbeitet hatte, verstarb im März 2020. Mehr zu dem Album und seinen persönlichen Einflüssen erzählt Chris Connelly im Interview mit RTL.

Was hat es mit dem Albumtitel "Graveyard Sex" auf sich?
Chris Connelly: Der Titel kommt von einem Witz, den ich in meinem Kopf mit Bill teilte. Ich denke oft an ihn, wenn ich schreibe und frage mich zum Beispiel, ob er das so oder so machen würde. "Graveyard Sex" ist der am meisten 'Goth'-Titel. Ich musste erst sehr lachen, aber dann entstand ein Sinn darin. Die Verbindung von Tod und Leben, von Friedhof und Sex. All das kommt auf dem Album vor. Es geht darum, dem Tod mit dem Leben zu begegnen. Den Tod in dein Leben zu lassen und zu versuchen, ihn zu integrieren.

Wie gehst du selbst mit dem Thema "Tod" um?
Chris Connelly: Ich denke, man geht jedes Mal unterschiedlich damit um. Man versucht, Trost in der Erinnerung zu finden. Aber vielleicht schmerzt die Erinnerung auch. Man lernt, den Tod im Leben zu akzeptieren, man begreift, dass es nicht zu ändern ist. Dahingehend sollten wir unser Denken ändern.

Siehst du den Tod nach dem Verlust von Bill mit anderen Augen?
Chris Connelly: Ja, ich glaube, dass Bills Geist sehr lebendig ist. So etwas hätte ich vorher nicht zugegeben, jedenfalls nicht hundertprozentig. Jetzt schon! Ich kann ihn fühlen.

Du hast gesagt, "Lindsay Cooper" ist für dich der traurigste Song auf dem Album. Welcher Song bedeutet dir außerdem besonders viel und warum?
Chris Connelly: Ich habe auf dem Album den Song "You Forget To Answer" von Nico gecovert und ich glaube, mir ist es gelungen, die pure Emotion, die sie fühlte, einzufangen. Nico war immer jemand, die ich bewundere, seitdem ich sie mit 15 einmal live gesehen habe. "You Forget To Answer" war ein Song, den ich durch Bill kennen gelernt habe, ich finde, es ist ein umwerfender Song. Nico hat ihn geschrieben nachdem sie versuchte, Jim Morrison anzurufen und herausfand, dass er genau an diesem Tag verstorben war. Nico gehörte zu den Künstlern, die immer für sich alleine standen, man kann ihren Schmerz und ihre Einsamkeit in dem Song hören. Aber aus dieser Einsamkeit hat sie etwas so Schönes gemacht.

Du hast in deiner Karriere mit zahlreichen unterschiedlichen Künstlern zusammengearbeitet. Wen würdest du zu deinen größten Einflüssen zählen?
Chris Connelly: Ich denke, den größten Einfluss auf mich hatte meine erste Band Fini Tribe. Wir haben angefangen, als wir 12 oder 13 Jahre alt waren und wir lernten gemeinsam, wie man Musik macht. Bill Rieflin hatte sicherlich auch einen großer Einfluss und immer, wenn ich schreibe, höre ich ihn zu mir sprechen. Er war mein Mentor und half mir auszudrücken, wie ich Musik fühle. Mein enger Freund und Bandkollege Matt Walker hat großen Einfluss, seine Musik hat eine großartige Sound-Architektur und ich habe das Glück, mit ihm zusammenzuarbeiten. Aber derjenige unter den Lebenden, der den größten Einfluss auf mich hat, ist mein engster Freund und Produzent Chris Bruce, der "Graveyard Sex" produziert hat. Wir arbeiten seit 30 Jahren zusammen, und jetzt arbeiten wir mehr als jemals zuvor.

Video: „The Hypnotic Stand-by" aus dem Album „Graveyard Sex"

Mit wem würdest du gerne noch zusammenarbeiten, wer wäre dein Wunsch?
Chris Connelly: Das wären Eno, oder Irmin Schmidt von Can und Chris & Cosey.

Wie hat die Corona-Pandemie deine Arbeit beeinflusst?
Chris Connelly: Ich wurde sehr viel produktiver. Ich arbeite zuhause, daher konnte ich zwei Alben schreiben und aufnehmen. Klar vermisse ich es, live zu spielen, das ist ein riesiger Teil, der jetzt weggefallen ist und das ist wirklich traurig.

Was ist dein größter Wunsch für das Jahr 2021?
Chris Connelly: Dass es aufhört, wie schlimm Farbige oft behandelt werden. Dass wir als Menschen einen besseren Sinn für Empathie und Mitgefühl bekommen für diejenigen, mit denen wir diesen Planeten teilen. Und für den Planeten selbst.